Cumulus und Supercard sind out. An den Kassen der Grossverteiler heisst es wohl bald: «Haben Sie heute Ihren Blutzucker schon gemessen?» Völlig abwegig? Mitnichten: Seit anderthalb Jahren läuft in der Schweiz eine beispiellose Jagd auf Menschen, die an Altersdiabetes erkrankt sein könnten. In Einkaufszentren und Apotheken wird Willigen ein Tropfen Blut abgezapft, mit dem sich der Blutzuckerspiegel bestimmen lässt. Ist der Wert erhöht, wird der Gang zum Arzt empfohlen.

Willkommen im Supermarkt der Prävention. Wo allen geholfen wird, die es wollen. Aber auch allen, die es nicht brauchen. Wo man nicht krank sein muss, sondern bereits der Verdacht genügt, dass man es eines Tages werden könnte. Wo es, wie die renommierte Medizinzeitschrift «British Medical Journal» schreibt, in erster Linie darum geht, «neue Patientinnen und Patienten zu beschaffen».

Die bekanntesten Testgebiete neben dem Blutzucker sind das Blutfett (Cholesterin) und der Blutdruck. Hinzu kommen der Augendruck, die Knochendichte sowie verschiedene Tests zur Krebsvorsorge. «Leider wird die Diagnose meist viel zu spät gestellt», lautet der Standardsatz der Früherkennungsverfechter.

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Treibende Kraft hinter der Präventionswelle ist die Pharmaindustrie. Während die Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs, Parkinson oder Alzheimer sehr teuer und der bisherige Erfolg bescheiden ist, haben alle Firmen seit Jahrzehnten ein reichhaltiges Angebot an Mitteln gegen Bluthochdruck, erhöhtes Blutfett oder hohen Blutzucker. Also versucht man, bei möglichst vielen Leuten möglichst früh eine Abweichung von der Norm zu ermitteln, damit sie «medikamententauglich» werden. Was mit den heutigen diagnostischen Möglichkeiten ein Leichtes ist. «Bei fast jedem Menschen lassen sich irgendwelche Werte im Grenzbereich feststellen», bestätigt Felix Gutzwiller, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich.

«Ineffizient und fragwürdig»
Nur: Der Nutzen solcher Aktionen ist höchst umstritten. Denn die Behandlung von Risikofaktoren bietet keinen absoluten Schutz vor der Krankheit, sondern reduziert lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintritt.

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Für Felix Gutzwiller sind Testprogramme auf der Strasse «problematisch». Und für den Einsiedler Arzt Johannes Schmidt, der sich schon seit vielen Jahren mit der Wirksamkeit von medizinischen Massnahmen beschäftigt, ist die «Ausdehnung der Diagnostik auf Leichtkranke und Gesunde ineffizient und schafft keinen wirklichen Nutzen: Die florierende Testmedizin übersieht geflissentlich, dass ein Nutzen erst entsteht, wenn ein gut begründeter Krankheitsverdacht vorliegt.»

Beim Pharmakonzern Novartis sieht man das anders: Solche «Sensibilisierungskampagnen» seien nötig und im Interesse der Volksgesundheit. Auch Professor Thomas Lüscher, renommierter Herzspezialist am Zürcher Universitätsspital und begehrter Forschungspartner der Industrie, rechtfertigt sie: «Beim Bluthochdruck gibt es die Früherkennung seit mindestens 15 Jahren. Heute ist es für viele Leute eine Selbstverständlichkeit, ihren Blutdruck zu kennen. Das ist ein wichtiger Beitrag zum richtigen Gesundheitsverhalten.»

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Sieben der 20 umsatzstärksten Medikamente in der Schweiz behandeln Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin und Diabetes. Lassen sich mit Strassenaktionen 50'000 Menschen finden, die einen abweichenden Wert haben und zu einer Arztkonsultation bereit sind, bedeutet dies einen Mehrumsatz von mindestens 25 Millionen Franken im Jahr. «Denn sind die Leute einmal beim Arzt», so Markus Fritz, Geschäftsführer der Schweizerischen Medikamenten-Informationsstelle, «wird daraus eine Arzneimitteltherapie.» Bei Personen mit Altersdiabetes sind die Aussichten am lukrativsten: Sie benötigen fünf bis sechs verschiedene Medikamente, weil in aller Regel auch Blutdruck und Blutfett erhöht sind.

Die «Sensibilisierungskampagnen» beginnen meist mit einer Studie, die aufzeigt, dass gesundheitliche Probleme wie Übergewicht, Diabetes oder Knochenschwund (Osteoporose) jedes Jahr Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden Franken kosten. In der Folge erklären Mediziner das Leiden kurzerhand zur «Volkskrankheit». Zuletzt alimentiert die Industrie Organisationen wie die Schweizerische Diabetesgesellschaft oder die Schweizerische Vereinigung gegen die Osteoporose mit Finanzmitteln, um die erforderlichen Massnahmen zu starten.

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Die Tricks der Pharmaindustrie
Um deren Wirkung zu verstärken, kommen weitere Tricks zur Anwendung:

  • Trick 1:
    Angst erzeugen. Mit «Killer Nr. 1» betitelte die Schweizerische Herzstiftung schon 1999 ihre Kampagne gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten bei Frauen und warnte in der dazugehörigen Broschüre: «Betroffen ist jede zweite Frau, und insgesamt sterben daran doppelt so viele Frauen wie an allen Formen von Krebs zusammen.» Das ist zwar nicht falsch, doch die Hälfte der an Herzversagen Verstorbenen war über 85 Jahre alt – und dann hört das Herz irgendwann zu schlagen auf.
  • Trick 2:
    Samuel Stutz einschalten. Der Fernseharzt verfügt mit seiner «Gesundheit Sprechstunde» über das ideale Publikum: Mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren sind die Leute äusserst empfänglich für Medikamente, die ihnen ihre Krankheitssorgen nehmen. Stutz gehört zu den «Wegbereitern» des Altersdiabetes und hat inzwischen seine eigene Diabetesinitiative lanciert. Pikant daran ist, dass er in einem Interview einem Facharzt eine Plattform für folgenden Werbespot bietet: «Nebst vielen bewährten Medikamenten können je nach Situation auch neue Substanzen wie die Glinide, zum Beispiel Starlix und NovoNorm, eingesetzt werden.» Starlix-Hersteller Novartis ist aber Sponsor von Stutz’ Fernsehsendung «1x tägl.». Der TV-Arzt sieht darin kein Problem: Es werde ja ein zweites Produkt genannt, «dessen Hersteller keine Sponsoringvereinbarung mit Ringier-TV hat».
  • Trick 3:
    Risiken verzerrt darstellen. Wenn eine Ärztin sagt: «Mit diesem Medikament gegen hohen Blutdruck sinkt Ihr Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, um 40 Prozent», wird das die Bereitschaft, ein solches Medikament einzunehmen, deutlich erhöhen. Die Ärztin könnte aber auch sagen: «Wenn Sie dieses Medikament zehn Jahre lang nehmen, beträgt Ihr Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, 0,6 Prozent. Ohne dieses Medikament beträgt das Risiko ein Prozent.» In diesem Fall dürfte der Patient geneigt sein, auf das Medikament zu verzichten.

Umstrittene Mammografie
Angesichts solcher Methoden ist es mehr als verständlich, dass Felix Gutzwiller für die gezielte Suche nach Risikofaktoren in der Arztpraxis ist: «Drei von vier Erwachsenen gehen mindestens einmal pro Jahr zum Arzt. Dort macht es Sinn, die Messwerte zumindest alle fünf Jahre erheben zu lassen.» Dort sei auch eine angemessene Behandlung möglich.

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Ein wirklicher Nutzen ist aber auch damit nicht gesichert. Die frühzeitige Behandlung des hohen Blutdrucks zum Beispiel kann zwar Herzinfarkte, Schlaganfälle oder den plötzlichen Herztod verhindern. Doch zu welchem Preis? Wenn 1000 45-jährige Männer zehn Jahre lang blutdrucksenkende Medikamente nehmen, betragen allein die Arzneimittelkosten rund fünf Millionen Franken. Hinzu kommen die Arztkosten sowie die Behandlung allfälliger Nebenwirkungen – das sind weitere zwei Millionen Franken.

Mit diesen sieben Millionen Franken lassen sich bestenfalls 16 der genannten Ereignisse verhindern: Das macht 440'000 Franken pro Ereignis. Zum Vergleich: Die Akutbehandlung eines Herzinfarkts kostet 10'000 bis 20'000 Franken.

Doch nicht nur aus finanziellen, auch aus ethischen Gründen ist die Früherkennung oft fragwürdig. Besonders umstritten ist die Mammografie bei Frauen ohne bekannte Risikofaktoren, um einen Brustkrebs zu entdecken. Geht man vom aktuellen Stand des Wissens aus, präsentiert sich die Situation wie folgt: Von 1000 Frauen zwischen 50 und 60, die zehn Jahre lang jährlich eine Mammografie vornehmen lassen, sterben neun an Brustkrebs. 250 aber haben einen positiven Befund; die Nachkontrollen widerlegen den Krebsverdacht allerdings.

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Das Entscheidende: In einer Vergleichsgruppe mit 1000 Frauen, die keine Mammografien machen lassen, stirbt zwar eine Frau mehr an Brustkrebs. Doch diesem Nutzen stehen 250 Frauen gegenüber, die während Wochen verunsichert sind, sich aufwändigen Folgeuntersuchungen unterziehen müssen und womöglich Medikamente gegen Schlafstörungen oder leichte Depressionen nehmen.

Ähnlich zweifelhaft sind der flächendeckende PSA-Test zur Früherkennung des Prostatakrebses sowie die Knochendichtemessung, um Osteoporose festzustellen.

Doch zu bremsen ist die Präventionsflut kaum. Im Gegenteil, die nächste Welle rollt bereits an: Mit Gentests soll untersucht werden, ob die Erbanlagen Hinweise auf künftige Krankheiten liefern. «Das Potenzial wird aber massiv überschätzt», kritisiert Felix Gutzwiller und nennt als Beispiel den Brustkrebs: «Die Mehrheit der neu betroffenen Frauen ist nicht erblich vorbelastet.» Ausserdem ist die Aussagekraft von Gentests in aller Regel bescheiden: Was nützt es einem 40-Jährigen, wenn er erfährt, dass seine Wahrscheinlichkeit, mit 60 an Alzheimer zu erkranken, drei statt zwei Prozent beträgt?

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Naiver Umgang mit Statistiken
Ein grosses Problem dabei: Die Mehrheit der Mediziner ist völlig unbedarft im Umgang mit statistischen Werten. In einer soeben publizierten Schweizer Studie sollten die Befragten abschätzen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Person, bei der Blut im Stuhl gefunden wird, tatsächlich an Darmkrebs erkrankt ist. Nur jeder Fünfte hätte dem Patienten mitgeteilt, dass die Wahrscheinlichkeit weniger als 25 Prozent beträgt. Genau genommen sind es bloss drei Prozent!

Die diagnostische Prävention ist – darin sind sich die Gesundheitsökonomen einig – einer der grossen Kostentreiber in Zukunft. Und ein Geschäft mit der Angst, wie Felix Huber, ärztlicher Leiter der MediX-HMO in Zürich, ergänzt: «Je mehr Untersuchungen gemacht werden, desto unsicherer werden in der Regel die Menschen.» Im Klartext: Man geht als Gesunder hin und kommt mit einer Krankheit zurück, die meist keine ist.

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