In der letzten Beobachter-Ausgabe legten Hausärzte ihre Einkünfte offen und kritisierten die hohen Honorare der Spezialisten. Jetzt nimmt Gesundheitsminister Couchepin Stellung.

Beobachter: Herr Couchepin, was haben Sie gegen die Hausärzte?
Pascal Couchepin: Ihre Frage erschreckt mich. Ich habe überhaupt nichts gegen die Hausärzte!

Beobachter: Erst kürzlich haben Sie ihnen die Pauschale für den Notfalldienst reduziert. Das empfinden viele Hausärzte als schallende Ohrfeige.
Couchepin: Diese Kürzung habe nicht ich angeordnet.

Beobachter: Aber Sie haben sie gutgeheissen.
Couchepin: Sie wurde von der Verbindung Schweizer Ärzte FMH und dem Krankenkassenverband Santésuisse ausgehandelt. Da funke ich nicht ohne Not dazwischen.

Beobachter: Wegen der Kürzung der Notfallpauschale verweigert ab Herbst ein Zürcher Hausarzt den Notfalldienst. Weitere werden wohl folgen. Lässt das den Gesundheitsminister kalt?
Couchepin: Mir bereitet diese Entwicklung auch Sorgen. Ich weiss, dass es ein grosses Problem ist. Deshalb diskutiere ich die Notfallversorgung mit den Gesundheitsdirektoren der Kantone. Sie wollen das Problem aber ohne meine Hilfe lösen.

Beobachter: Wie lange soll ein Notfallpatient auf den Arzt warten müssen - zehn Minuten, 20 Minuten, 30 Minuten?
Couchepin: Das kann ich doch nicht beurteilen. Das ist eine medizinische Frage, keine politische. Es hängt vom jeweiligen Einzelfall ab.

Beobachter: Wenn immer weniger Hausärzte Notfalldienst leisten, gehen immer mehr Patienten direkt ins Spital. Das wird die Prämien noch mehr in die Höhe treiben. Lässt auch das den Gesundheitsminister kalt?
Couchepin: Hier müssen die Kantone eine Lösung finden. Ihr Problem ist: Nur Ärzte dürfen Diagnosen stellen. Ich frage mich: Wieso sollen denn nicht auch Apotheker oder Krankenschwestern die erste Anlaufstelle für Patienten sein?

Beobachter: Sie wollen das Diagnosemonopol der Ärzte knacken?
Couchepin: Nein, nein. Aber man muss die Möglichkeiten diskutieren: ob Apotheker bei Bagatellfällen Rezepte ausstellen dürfen oder Krankenschwestern die Arbeit von Hausärzten übernehmen wie in Schweden.

Beobachter: Die Hausärzte haben ja bereits heute das Problem, dass ihr Beruf kein Prestige geniesst...
Couchepin: Das sagen Sie!

Beobachter: Das ist wirklich so. Ist man als Arzt nicht gut genug für einen Spezialistentitel, wird man eben Hausarzt, heisst es heute an den Universitäten.
Couchepin: Das stimmt doch nicht.

Beobachter: Doch.
Couchepin: Wenn Sies besser wissen, können Sie das Interview ja alleine machen.

Beobachter: Die Frage ist: Wenn Sie Krankenschwestern erlauben...
Couchepin: Sitze ich auf der Anklagebank, oder machen Sie ein Interview?

Beobachter: Wenn Sie Krankenschwestern die Arbeit des Hausarztes übernehmen lassen, wird dann das Prestige des Hausarztes nicht noch mehr sinken?
Couchepin: Im Gegenteil. Das wäre eine Chance für die Hausärzte. Sie könnten sich auf die grösseren und interessanteren Fälle konzentrieren. Das würde ihren Beruf aufwerten. Und sie könnten einem kleinen Team von Krankenschwestern vorstehen, das die medizinische Erstversorgung in einzelnen Gemeinden übernimmt.

Beobachter: Die Hausärzte sind auch wütend auf Sie, weil Sie ihnen Laborpauschalen gekürzt haben. Uns ist ein Fall eines Hausarztes mit einem Monatseinkommen von 7000 Franken bekannt. Er erlitt wegen der gekürzten Labortarife eine jährliche Einkommenseinbusse von 4000 Franken.
Couchepin: Das ist nicht der Normalfall. Wir schätzen die Einkommenseinbusse der Hausärzte durch den Laborentscheid auf zwei bis drei Prozent, im Durchschnitt. Das kann jeder Hausarzt verkraften. Wir reduzierten die Laborkosten nur um zehn Prozent. Die Tarife waren seit 15 Jahren nicht mehr angepasst worden, Technik und Produktivität haben sich aber inzwischen verbessert. Davon sollen die Prämienzahler und nicht nur die Ärzte profitieren.

Beobachter: Wieso aber reduzieren Sie die Tarife ausgerechnet bei den Hausärzten und nicht bei den Spezialisten, die schliesslich weit mehr verdienen?
Couchepin: Das hat man auch gemacht. Auch die Tarife der Spezialisten wurden gesenkt − mit dem Tarmed (gesamtschweizerischer Ärztetarif, in Kraft seit 1. Januar 2004; Anmerkung der Redaktion).

Beobachter: Dennoch profitieren vom Tarmed vor allem die Spezialisten. Wollte man damit nicht den Hausärzten zu mehr Einkommen verhelfen?
Couchepin: Richtig. Das war die ursprüngliche Absicht. Die FMH hatte aber nicht den Mut, für höhere Einkommen der Hausärzte zu kämpfen. Und am Schluss haben die Hausärzte den Tarmed trotzdem angenommen! Was soll ich da machen?

Beobachter: Sie könnten zum Beispiel auf eine dahin gehende Anpassung des Tarmed drängen, dass Hausärzte mehr und Spezialisten weniger verdienen.
Couchepin: Mehr Einkommen für die Hausärzte auf Kosten der Spezialisten wäre sinnvoll. Die Hausärzte müssen innerhalb der FMH selber für höhere Einkommen kämpfen. Jacques de Haller, der heutige FMH-Präsident, wehrt sich gegen eine solche Umverteilung. Es ist klar: Beim Frust der Hausärzte geht es ums Geld. Und diesen Verteilkampf müssen die Ärzte selber austragen. Er ist wichtig, denn für ein gutes Gesundheitssystem brauchen wir zufriedene Ärzte, auch zufriedene Hausärzte.

Beobachter: Heute gibt es über 10'000 Spezialisten in der Schweiz - und nur 4'600 Hausärzte. Treibt dieses Überangebot an teuren Spezialisten nicht die Prämien in die Höhe?
Couchepin: Ja, deshalb frage ich die Ärzteverbände, was sie zu tun gedenken, sollte nächstes Jahr der Zulassungsstopp für ausländische Ärzte aufgehoben werden. Es gibt Tausende von ausländischen Spezialisten in den Schweizer Spitälern, die nur darauf warten, eine Praxis zu eröffnen. Dann gibt es noch mehr Spezialisten, die Patienten teuer behandeln und die Gesundheitskosten ansteigen lassen.

Beobachter: Welche Massnahmen schlagen Sie vor?
Couchepin: Ich will erst hören, was die Ärzte planen.

Beobachter: Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen wollen Jungmediziner nicht mehr Hausarzt werden. In den kommenden zehn Jahren gehen 3000 Hausärzte in Pension, der Nachwuchs fehlt. Müsste ein Gesundheitsminister dagegen nicht etwas unternehmen?
Couchepin: Die Grundversorgung wird sichergestellt sein - vielleicht nicht durch Hausärzte allein, vielleicht auch durch Krankenschwestern, Gesundheitszentren oder Apotheker, die in Bagatellfällen Rezepte ausstellen. Wir werden Lösungen für den Mangel an Hausärzten finden, situativ und für verschiedene Regionen unterschiedlich. Davon bin ich überzeugt. Die Hausärzte aber müssen einsehen, dass die Welt sich ändert und neue Konzepte nötig sind. Nur alte Pfründen zu verteidigen reicht nicht.