Bezirksgericht Baden, ein Montag im März. Das Arbeitsgerichtsverfahren in Sachen Bülent Ciller (alle Namen geändert), türkischer Hilfsarbeiter, gegen Gerhard Haupt, Inhaber einer Baufirma, tritt in die entscheidende Phase.

Drei Stunden lang hat das Gericht getagt, hat Zeugen einvernommen, Rapporte studiert, die Parteien befragt. Die Luft im Saal ist stickig, die Schreiberin öffnet ein Fenster. Draussen dröhnt der Abendverkehr, die Uhrzeiger stehen auf fünf vor sechs. Gerichtspräsident Hans Gerber, mit rotem Kopf und Schweissperlen auf der Stirn, unterbricht die Sitzung: Pause im Flur des Gerichtsgebäudes.

Dort kommt es, zwischen Kaffeeautomat und Herrentoilette, zum Lösungsvorschlag der merkwürdigen Art. Eiligen Schrittes marschiert der Präsident auf die Anwälte zu, zupft den einen am Ärmel, winkt den anderen heran: Schon strecken die drei Juristen die Köpfe zusammen.

Der Richter hat eine Idee

«Können wir uns nicht doch aussergerichtlich einigen?», fragt Gerber, blickt bang vom einen Anwalt zum andern und präsentiert einen Kompromiss, mit dem er «den ganzen Streit endlich beenden» möchte: «Zahlen Sie dem Kläger 5000 Franken», sagt Gerber zu Haupts Anwalt. «Das ist der Lohn bis Ende 1998. Sonst müssen wir ein Urteil sprechen dann haben Sie nur Unkosten.» Die Anwälte verlangen eine Viertelstunde Bedenkzeit, überbringen den Vorschlag ihren Klienten, und bald sieht man die zwei Grüppchen durch den langen Flur auf Hörweite getrennt heftig miteinander diskutieren.

Was sich wie ein sonderbarer Kuhhandel ausnimmt, ist am Arbeitsgericht Alltag. Bei Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist die Wahrheitsfindung oft schwierig und aufwändig.

In vielen Fällen spielen Emotionen mit, die eine sachliche Beweisführung erschweren, vor allem wenn auch noch eine Kündigung ins Spiel kommt und die Parteien im Streit auseinander gegangen sind. Weil auch die Streitsumme meist bescheiden ist, machen sich die Gerichte in der Regel für eine aussergerichtliche Einigung stark. Denn käme es zu einem regulären Urteil, wäre der Gerichtsaufwand um ein Vielfaches höher, das Urteil müsste juristisch Bestand haben und der Verlierer tief ins Portemonnaie greifen.

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Im Fall Ciller gegen Haupt stehen die Parteien bereits zum zweiten Mal vor Gericht. Eine erste Verhandlung brachte keine Einigung. Im Kern geht es um die fristlose Kündigung, die Haupt gegen Ciller ausgesprochen hat. Der Gekündigte ist der Meinung, diese sei missbräuchlich. Er fordert Lohnnachzahlung, Uberstundenentgelt und Entschädigung, gesamthaft über 26000 Franken.

Am Sonntag klingelte das Telefon

Begonnen hat der Streit an einem Freitag im August 1998. Bei einer Bushaltestelle musste Ciller zusammen mit einem Mitarbeiter einen neuen Belag anbringen. Zum Einsatz kam ein Kompressor ein schweres Arbeitsgerät. Um halb drei Uhr war die Arbeit beendet, der Kompressor wurde auf den Anhänger geladen, und die beiden Arbeiter machten sich auf den Weg ins Depot. Zwei Tage später, es war Sonntagnacht nach zehn Uhr, telefonierte Ciller seinem Arbeitskollegen und teilte ihm mit, er komme nicht mehr in die Firma, er habe «keine Lust mehr».

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Am Montag erschien er tatsächlich nicht mehr zur Arbeit; seinen Chef hatte er nicht informiert. Damit begann ein mühevolles Ränkespiel um Arbeitsaufforderungen und Arztzeugnisse. Ciller behauptete, er habe an jenem Freitag mit dem Kompressor einen Unfall gehabt und sei arbeitsunfähig. Die Gutachten der drei verschiedenen Ärzte, die er aufsuchte, sind widersprüchlich: Einmal wurde er dispensiert, einmal wieder arbeitsfähig erklärt, einmal war von Krankheit die Rede, ein anderes Mal von Unfall.

Seinen Arbeitgeber liess er im Unklaren, wie dieser vor Gericht sagte: «Er hat sich nie gemeldet, der Unfall ist nirgends rapportiert.» Der Kläger behauptete das Gegenteil: «Ich habe mehrmals angerufen und gesagt, ich sei krank.»

Im November, nachdem seine Hilfskraft fast drei Monate lang ausgefallen war, riss Gerhard Haupt der Geduldsfaden: Er sprach, nach einer vorgängigen Warnung, die fristlose Kündigung aus. «Wir waren mit seinen Leistungen seit längerer Zeit nicht mehr zufrieden», erklärte Haupt den Richtern. «Er hatte einmal einen Unfall und musste den Führerausweis abgeben, und ein anderes Mal bezog er eigenmächtig Urlaub.»

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Dass er ohne gültiges Arztzeugnis und trotz klarem Befehl nicht zur Arbeit gekommen sei, habe «das Fass zum Uberlaufen» gebracht. Der gerügte Arbeiter sieht es anders: Er habe arbeiten wollen, teilte er wortgewaltig dem Dolmetscher mit, der seine Aussagen vom Türkischen ins Deutsche übersetzte, doch der Chef habe ihn abgewimmelt. Aussage gegen Aussage.

Auch sonst blieben viele Fragen offen: War Ciller wirklich krank? Hat sein Chef tatsächlich so viele Uberstunden verlangt? Die Beweise Stundenrapporte, medizinische Atteste, sogar Tonbandkassetten von Ciller mit heimlich aufgezeichneten Telefongesprächen brachten keine Klärung. So driftete der Konflikt zunehmend ins Persönliche ab: Der gekränkte Büezer will es dem Chef heimzahlen, und der Boss will vor seinem undankbaren Untergebenen keinesfalls klein beigeben.

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Die Bedenkzeit läuft. Draussen im Flur zündet Gerhard Haupt eine weitere Zigarette an, holt für sich und seinen Anwalt Kaffee aus dem Automaten. Drei Bundesordner voll mit Dokumenten und Korrespondenz haben sie zur Verhandlung mitgebracht; doch jetzt zählt nurmehr die Frage: Können wir mit dem vom Gericht vorgebrachten Kompromiss leben?

Im Gang gehts hitzig zu und her

Haupt tut sich schwer mit der Entscheidung; die Erinnerungen ans ungute Arbeitsverhältnis kommen hoch: «Die Tonbänder», sagt er gereizt, «sind doch kein Beweis, sie können gefälscht sein und sie wurden widerrechtlich aufgenommen!» Sein Anwalt nickt verständnisvoll, versucht trotzdem, einen kühlen Kopf zu bewahren: «Fünftausend Franken, und die Sache wäre erledigt.»

Auch bei der Gegenpartei geht es hitzig zu und her. Bülent Ciller hat eine Holzkette aus der Hosentasche geholt, dreht und wendet sie nervös in den von harter Arbeit gezeichneten Händen. Sein Anwalt und der Dolmetscher gehen auf und ab, wägen Recht und Unrecht, Konfrontation und Kompromiss gegeneinander ab.

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Vor allem «die vielen Uberstunden» will der Kläger nicht so einfach wegstecken, doch der Anwalt rechnet ihm vor, dass es wegen der lückenhaften Arztdispense auch Minusstunden gab. Er drängt auf eine Entscheidung: «Mit den 5000 Franken hätten Sie Ihren Lohn bis Ende 1998», sagt er, «für den Rest springt die Arbeitslosenkasse ein.» Bülent Ciller blickt schweigend zu Boden, raschelt heftig mit der Holzkette.

18.30 Uhr. Präsident Gerber bittet in den Saal. Schweigend nehmen die Parteien Platz. Als Erster hat der Kläger das Wort. «Nehmen Sie den Vergleich an?», will Gerber wissen. Bülent Ciller antwortet ausweichend, bringt nochmals die Uberstunden ins Spiel ein letztes Aufbäumen. Gerber wiederholt seine Frage, der Kläger murmelt dem Dolmetscher etwas zu, dieser sagt ja. Gerber stellt die Frage dem Beklagten. Auch Gerhard Haupt willigt in den Vergleich ein. Die Richter atmen auf.

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Rasch hält die Schreiberin den errungenen Kompromiss schriftlich fest, die Parteien unterschreiben, die Sache ist gelaufen. Ciller reicht seinem ehemaligen Chef kurz die Hand und verlässt den Saal.

Gerichtspräsident Gerber knöpft seinen Anzug zu, lächelt und sagt zum Abschied: «Auf Wiedersehen!» Gerhard Haupt, die Aktenordner unter den Arm geklemmt, antwortet ihm unter der Tür: «Hoffentlich nicht!»