Rolf Moser* wird von seinen Bekannten als ein eher scheuer, zurückhaltender und sensibler Mensch beschrieben. Von Beruf Dekorateur, war er kulturinteressiert; er liebte Filme, Theater, Kunst und Musik. Er lebte in Zürich, blieb aber seinen Eltern und Geschwistern, die auf dem Land wohnen, eng verbunden.

Er besuchte sie oft, oder sie kamen zu ihm nach Zürich, um Grossstadtluft zu schnuppern. Im Haus der Eltern hatte er noch immer ein Zimmer.

Dieses Zimmer ist bis heute unverändert geblieben, obwohl Rolf Moser seit über drei Jahren tot ist. Er starb 40-jährig – umgebracht von einem jungen Mann, den er eben erst kennen gelernt und mit zu sich nach Hause genommen hatte. Rolf Moser war homosexuell.

Am Prozess vor dem Obergericht Zürich füllen Mosers Angehörige und Freunde die Reihen der Zuschauerbänke. Sein Vater, ein alter Mann, sitzt neben dem Anwalt der Familie, dem Geschädigtenvertreter. Auf der andern Seite, bei seinem Verteidiger, ein 24-jähriger, gut aussehender, sorgfältig gekleideter, ernster junger Mann: Louis Morel*, der Täter.

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An einem Abend im April 1998 hielt Rolf Moser sich in einer Zürcher Bar auf, die als Treffpunkt von Homosexuellen bekannt ist. Louis Morel muss ihm aufgefallen sein, denn er trat zu ihm an den Stehtisch und sprach ihn an. Bald sassen sie in einer Nische und waren in ein Gespräch vertieft. Das fiel einer Kellnerin auf, die Moser kannte. Sie sah auch, dass die beiden schon bald Händchen hielten.

Morel, ein in Frankreich und Belgien aufgewachsener Franzose, war noch nicht lang in Zürich, hatte hier keine Freunde und fühlte sich oft einsam und deprimiert. An jenem Abend war er in die Stadt gefahren auf der Suche nach einem Gesprächspartner. In die fragliche Bar war er zum ersten Mal gegangen, wie er später in der Untersuchung aussagte. In der Befragung bestritt der junge Mann, dass Moser und er sich an den Händen gehalten hätten.

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Morel erzählte seinem neuen Bekannten, dass er sich allein fühle. Darauf schlug dieser vor, sie könnten doch gemeinsam an eine Geburtstagsparty gehen, zu der er eingeladen sei. Er wolle sich aber vorher zu Hause noch umziehen. Gegen Mitternacht kamen sie in Mosers Wohnung an.

Was dort genau geschah, wird wohl nie geklärt werden. Am nächsten Abend jedenfalls wurde Moser entdeckt – in seinem Blut liegend, getötet mit 60 Messerstichen. Einige Wertsachen fehlten. Ein Jahr später wurde Morel in Belgien verhaftet. Er legte sofort ein Geständnis ab.

Nirgendwo richtig zu Hause
Die Befragung vor Gericht ergibt, dass Morels Leben von ständigen Wechseln geprägt ist, die es ihm nie ermöglicht haben, irgendwo Wurzeln zu fassen. Seine Eltern sind geschieden. Mit sieben Jahren kam er zum Vater, der ihn schlug und vernachlässigte. Er riss aus, wünschte sich, bei der Mutter in Belgien zu sein. Diese hatte aber kaum Zeit für ihn, sodass er seine Schulzeit hauptsächlich im Internat verbrachte.

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Als er 16 war, kam er mit der Familie seiner Mutter in die Schweiz. Nach Abschluss der Schule verbrachte er drei Monate in Argentinien und leistete dann in Frankreich Militärdienst. Er wollte eine Militärlaufbahn einschlagen, wurde aber wegen einer Prügelei aus der Armee ausgeschlossen. Im Februar 1998 kam er zurück in die Schweiz zur Familie, wo er sich nicht wohl fühlte und Alkohol, Valium und Drogen zu konsumieren begann.

In einer solchen Stimmung der Niedergeschlagenheit trieb es ihn an jenem Aprilabend in den Ausgang. Am nächsten Tag erzählte er einer Bekannten von seiner Tat, aber sie nahm das Ganze nicht ernst und schrieb es seinem Drogenkonsum zu.

Drei Jahre später, vor Gericht, sind Morels Erinnerungen an jene Nacht in der Wohnung von Moser sehr lückenhaft. Der Mann sei duschen gegangen, und er habe im Wohnzimmer auf ihn gewartet. Plötzlich sei Moser nackt hereingekommen und habe ihn in sexueller Absicht zu betasten angefangen. Davon habe er, Louis, aber nichts wissen wollen. Er sei in Panik geraten, habe gehen wollen, aber Moser habe ihn am Arm zurückgehalten.

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Woher er plötzlich das Messer hatte, weiss Morel nicht mehr. Aber er sieht noch das Bild vor sich, wie er Moser den ersten Stich in die Schulter versetzt hat. Seiner Bekannten erzählte er am nächsten Tag, nach diesem ersten Stich habe Moser gesagt: «Okay, du willst nicht.» Aber davon will er bei der Befragung vor Gericht nichts mehr wissen. Er hat der Bekannten auch erzählt, er habe sich überlegt, ob er Moser töten solle. Ob das zutreffe, fragt die Vorsitzende. «Non», sagt Morel.

An die weiteren Stiche erinnert er sich nicht, nicht daran, wie er an das zweite Messer gekommen ist, warum sie dann ins Schlafzimmer gingen. Erst am nächsten Tag habe er seine blutverschmierten Kleider wahrgenommen. Er habe nicht genau gewusst, was geschehen sei. Aber seiner Bekannten habe er doch anderntags gesagt, er habe es getan, weil er Lust dazu hatte, er habe wie in einem Orgasmus gehandelt, wirft die Gerichtsvorsitzende ein. «Non», antwortet der Angeklagte abermals. «Damals war ich nicht ich selber.» Er habe keine Schreie des Opfers gehört, habe das Zeitgefühl verloren – er erinnert sich heute nur noch daran, dass überall Blut war.

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Nach der Tat hatte Morel die Wohnung nach Wertsachen durchsucht, um einen Raubmord vorzutäuschen. Das beurteilt das Gericht als planmässiges Vorgehen, das nicht zusammengeht mit der Panik, dem Schock, in dem sich der Angeklagte befunden haben will. Allerdings lässt die Tatsache, dass er die beiden Messer in einer Zeitung in der Küche versteckte, eher auf Verwirrtheit denn auf klares Denken schliessen. Vieles bleibt offen: wie lang sich Morel in der Wohnung aufgehalten hat, warum Mosers Kleider statt im Bad im Wohnzimmer gefunden wurden, wie Morel nach Hause gekommen ist.

Schwere Persönlichkeitsstörung
Morel wurde psychiatrisch begutachtet. Seinem Anwalt hatte er anvertraut, dass er als Kind von seinem Vater auch sexuell missbraucht worden war – eine Aussage, die der psychiatrische Gutachter als glaubwürdig einstufte. Es wurde eine schwere Persönlichkeitsstörung festgestellt, die ihren Ursprung in den Misshandlungen durch den Vater haben könnte.

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Morel hat keine homosexuellen Beziehungen. Warum aber war er in eine Bar gegangen, in der viele Schwule verkehren? Auch wenn er sich in Zürich nicht gut auskannte und zum ersten Mal in jener Bar war, muss er rasch begriffen haben, in was für einem Umfeld er sich befand. Das psychiatrische Gutachten spricht von einer Ambivalenz zwischen Anziehung und Hass Männern gegenüber. Mosers sexuelle Absichten hätten beim Angeklagten einen Kontrollverlust ausgelöst, einen Durchbruch von Aggressionen aufgrund seiner unverarbeiteten Konflikte.

Bekannte von Moser vermuten, dass bei Morels Tat auch Aggressionen mitgespielt haben könnten, die heterosexuelle Männer häufig gegenüber Schwulen haben, weil sie sich ihre eigenen, verborgenen homosexuellen Neigungen nicht eingestehen wollen – oder können.

Das Gericht verurteilt Louis Morel zu zehn Jahren Zuchthaus und zu einer Genugtuungszahlung an Rolf Mosers Eltern in der Höhe von 60'000 Franken.

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* Namen geändert