Song Chinglin, Bürgerin der Volksrepublik China, 38 Jahre alt und Mutter einer 14-jährigen Tochter, schloss in Zürich ihr Nachdiplomstudium in Biologie mit dem Doktorat ab. Sie zeichnete sich als brillante Wissenschaftlerin aus und erwarb sich als stets freundliche und hilfsbereite Frau die Sympathien des Institutsleiters und ihrer Kollegen. Zum Abschied lud sie Professor Lukas Burckhardt mit Frau Agathe zu einem festlichen Abendessen in ihre Wohnung ein. Mit dabei war auch Tochter Wu Hongxia.

Zur Begrüssung etwas Champagner, dann wandten sich Gastgeberin und Gäste den fernöstlichen Köstlichkeiten zu und tranken, der chinesischen Gewohnheit entsprechend, Tee zum Mahl. Ein Gang folgte dem andern, und in gewählten Reden floh die Stunde. Ein energisches Klopfen von oben sorgte plötzlich für irritierte Gesichter bei den Gästen. Etwas später wiederholte sich der Spuk mit erhöhter Lautstärke und nötigte damit Song Chinglin eine Erklärung ab.

Vermittlungsversuch schlug fehl
Im oberen Stockwerk wohne Eva Karrer, eine etwas seltsame Dame, die auf sämtliche Geräusche ihrer Mitmieter reagiere. Meist klopfe sie den vermeintlichen Ruhestörern den Marsch, mitunter aber telefoniere Eva Karrer der Polizei. Song Chinglin und Wu Hongxia schauten sich Fernsehprogramme nur noch bei sehr geringer Lautstärke an und wagten kaum mehr normal miteinander zu sprechen. Besucher empfangen sie darum mittags oder am frühen Abend; je später die Stunde, desto tiefer liege Eva Karrers Reizschwelle.

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Lukas Burckhardt vertraute auf sein Vermittlertalent und stieg eine Treppe höher. Seiner Schilderung gemäss empfing ihn Eva Karrer ungnädig. Sie habe gleich zu keifen begonnen, es sei ein Saulärm im untern Stock, sie könne nicht ruhig wohnen, und wenn das so weitergehe, rufe sie die Polizei. Dann krachte die Tür; einzig seiner blitzartigen Reaktion wegen konnte er eine platt gedrückte Nase verhindern.

Eva Karrer sollte später aussagen, Lukas Burckhardt habe wild ausgerufen und zudem die Frechheit gehabt, den Fuss in den Türspalt zu stellen. Da habe sie ihn rauswerfen müssen.

Kurze Zeit später klingelten zwei Stadtpolizisten bei Song Chinglin und erkundigten sich, was in ihrer Wohnung vorgegangen sei. Eva Karrer habe angerufen und von einer Auseinandersetzung berichtet. Gastgeberin und Gäste erklärten, es handle sich um ein ruhiges Abschiedsessen, das bestimmt niemanden störe. Die freundlichen Ordnungshüter verliessen die Wohnung wieder. In ihrem Rapport vermerkten sie aber, sie hätten die Gesellschaft «abgemahnt». Bei Lärm nach 22 Uhr müssten sie mit einer Busse rechnen. Niemand habe sie «abgemahnt», behaupteten hingegen die vier Zivilpersonen übereinstimmend.

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Mit dem Erscheinen der Polizisten erhielt Song Chinglins Stimmung einen Dämpfer; eine alte Wunde brach auf. 12 Jahre alt war sie gewesen, als Polizisten ihren Vater, einen hoch qualifizierten Wissenschaftler, abgeholt hatten. Mao hatte im Rahmen der Kulturrevolution zur Demaskierung angesehener Wissenschaftler aufgerufen. Kurze Zeit später erhielt die Familie den Bericht, der Vater sei tot.

Um zirka 22.30 Uhr schickten sich die Gäste an, die Wohnung zu verlassen. Da klingelte es ein zweites Mal. Diesmal erschienen zwei Polizisten in Kampfmontur, allerdings mit Beret und ohne Helm. Uber den Disput, der sich dann entwickelte, existieren zwei Dokumente: der Rapport der Polizisten und ein schriftlicher Bericht von Lukas und Agathe Burckhardt. Die Ubereinstimmungen erschöpfen sich in Ort und Zeit der Handlung.

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«Scheiss-Schmier-Bullenstaat»
Die Polizisten gaben an, dass sie sich erst vom zu hohen Lärmpegel überzeugt und Frau Song und dem Ehepaar Burckhardt die Verzeigung mitgeteilt hätten. Eine Abmahnung sei ja bereits vorher erfolgt. Zudem seien die Burckhardts sehr aggressiv aufgetreten. Folgende Anschuldigungen und Schimpfwörter wollen die Beamten gehört haben: «Das ist ja wie im Dritten Reich… Das ist ein Polizeistaat… Haben Sie einen Zacken ab… Frächi Sieche… Scheiss-Schmier-Bullenstaat.» Burckhardts hätten Eva Karrer als unzurechnungsfähig und psychisch krank bezeichnet. Von sich selbst schreiben die Polizisten, sie hätten die Beleidigungen «gegen Staat, Uniform und unsere Person emotionslos und kommentarlos» hingenommen.

Burckhardts sehen die Sache anders.

Sie hätten dargelegt, dass von einer Lärmbelästigung keine Rede sein könne. Lukas Burckhardt habe erklärt, er sei Professor und von seiner Doktorandin eingeladen worden. Der eine Polizist habe dazu bemerkt, es interessiere ihn nicht, ob er Professor sei. Burckhardt habe dann zu seiner Frau gesagt: «Son e Frächheit.»

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Dass man nur aufgrund von Denunziationen verzeigt werden könne, erinnerte Burckhardt an Zustände in Deutschland vor 60 Jahren. Er hätte den Polizisten auch erklärt, Eva Karrer sei etwas verwirrt, worauf die Polizisten gesagten hätten, die Frau sei völlig normal.

Die Folge dieser Auseinandersetzung waren vier Bussen. Die höchste – nämlich 365 Franken – erhielt Lukas Burckhardt, denn er habe die Hausbewohner durch lautes Reden und Lachen gestört sowie zwei Polizeibeamte beschimpft. Seine Frau Agathe habe ebenfalls laut gesprochen und gelacht, aber immerhin keinen Polizeimann beschimpft; so blieb es bei 205 Franken. Agathes Schicksal teilte auch Song Chinglin und eine 39-jährige Frau namens Wu Beifu. Anwesend war aber nur die 14-jährige Wu Hongxia.

Mit einem geharnischten Brief an die Stadtzürcher Polizeidirektorin Esther Maurer protestierten Lukas und Agathe Burckhardt gegen die Verzeigungen. Antwort der Magistratin: Sie nehme dieses Schreiben «sehr ernst», doch sähen die Burckhardts die Sache «etwas einseitig», die Verzeigungen seien zu Recht erfolgt.

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Den Burckhardts blieb nichts anderes übrig, als einen Anwalt einzuschalten. Auf sein Verlangen hin konnten sich vor dem Polizeirichteramt der Hausbesitzer, Mitbewohner und Freunde von Song Chinglin zu den Zuständen im Haus äussern.

Diese Berichte fielen für Eva Karrer vernichtend aus. Sie habe die Mitbewohner tyrannisiert, habe wegen jeder Kleinigkeit die Polizei gerufen und sei gegenüber Ausländern feindlich gestimmt gewesen. Der Hauseigentümer bezeichnete Eva Karrer unumwunden als «Luder»; sie habe es fertig gebracht, dass er einem ruhigen Tamilen gekündigt habe, was er im Nachhinein sehr bedaure.

Frau Wu Beifu existiert nicht
Zum Meinungsumschwung im Polizeirichteramt dürfte die Befragung von Eva Karrer beigetragen haben. Jetzt erwähnte sie nämlich, nicht nur laute Stimmen, sondern auch Schreie gehört zu haben. «Es tönte für mich, als würde jemand Verstecken spielen.» Es habe sich doch um ein Nachtessen gehandelt, warf der Polizeirichter ein. Das spiele keine Rolle, fand Eva Karrer, zudem sei Tochter Wu Hongxia ja «nicht ganz hundert». Normal gesprochen hätten die Mieter unter ihr nie, «sondern lauter Chinesisch». Ob sie sich denn unter Tags auch bei diesen Mietern beklagt habe? «Nur wenn sie herumrannten und taten wie die Schweine.» Und das sei häufig der Fall gewesen: Im letzten halben Jahr habe sie über 50 Mal die Polizei rufen müssen.

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Nach diesem Gespräch mochte der Polizeirichter niemanden mehr der Nachtruhestörung bezichtigen. Blieb die Beschimpfung der Polizei durch den Ordinarius und seine Frau. Der Polizeirichter fand einen Ausweg: Es sei nicht mehr feststellbar, ob die Beschimpfung nun dem Professor oder seiner Frau zugeschrieben werden müsse; deshalb gab es auch für diesen Tatbestand keine Strafe.

So hob das Polizeirichteramt die vier Bussen auf, auch jene gegen Wu Beifu. Mit gutem Grund, denn «eine weibliche Person mit Namen Wu Beifu gibt es nicht». Dieser Name gehört dem Mann von Song Chinglin, und der hat die Schweiz 1998 nachweislich verlassen.

*Alle Namen geändert