Schlug Fausto Belloli (Name geändert) mit einem Baseballschläger auf Hugo Baltensberger ein? Haute Baltensberger mit einer Eisenstange zurück und schoss dann frontal auf Belloli? Oder hatte der grosse, kräftige Belloli den schmächtigen, älteren Baltensberger so im Schwitzkasten, dass der sich nicht befreien konnte und aus purer Verzweiflung nach hinten schoss?

Was sich in der Nacht vom 26. auf den 27. Mai 1997 an der Grubenstrasse in Zürich wirklich abspielte, kann wohl nie zweifelsfrei geklärt werden. Gemäss Darstellung des 60-jährigen Hugo Baltensberger war er in jener Nacht überfallen worden und hatte sich gewehrt. Er gehe oft nachts spazieren, weil er wegen Rückenschmerzen nicht schlafen könne. Er trage dann immer ein «Gewicht», eine 30 Zentimeter lange Eisenstange, mit sich, weil das für seine Körperhaltung gut sei. Zusätzlich habe er jeweils auch ein «Revolverli» bei sich – aus Angst vor einem Uberfall.

Belloli wird zweimal getroffen
In dieser Nacht war er auf dem Heimweg, als plötzlich ein Mann aus einem parkierten Auto ausstieg, ihm mit einem Baseballschläger auf den Kopf schlug, den Arm auf den Rücken drehte und sagte: «Jetzt habe ich dich, du Sauhund.» Baltensberger hatte grosse Schmerzen und geriet in panische Angst. Er versuchte, sich mit der Eisenstange zu wehren, sie wurde ihm aber von Belloli aus der Hand geschlagen. «Mit Müh und Not» gelang es ihm, das «Revolverli» aus der Hosentasche zu klauben. Er gab damit zwei Warnschüsse nach hinten in den Boden ab.

Anzeige

Trotzdem liess sein Widersacher ihn nicht los. Da schoss er noch zweimal über seine Schulter hinweg nach hinten. Dabei wurde Belloli leicht am Kopf und am Bauch getroffen. Nun kamen Nachbarn aus dem Haus, packten Baltensberger und hielten ihn fest, bis die Polizei kam.

Fausto Belloli schilderte den Vorfall anders: Er habe im Auto gesessen, um einem Pneustecher aufzulauern, der in der Gegend mehrfach zugeschlagen hatte. Plötzlich habe er einen Mann gesehen, der sich bei einem Auto bückte und eine Stechbewegung machte. Da sei er ausgestiegen und habe ihn in den Würgegriff genommen. Einen Baseballschläger oder eine andere Waffe habe er nicht dabei gehabt. Baltensberger habe ihn mit der Eisenstange auf den Kopf geschlagen, sich befreit und sei davongerannt. Er sei ihm gefolgt. Da habe sich der Flüchtende umgedreht und aus etwa zwei Meter Entfernung zwei Schüsse abgegeben.

Anzeige

Er habe Baltensberger nochmals packen können, und in dem Kampf seien nochmals zwei Schüsse gefallen, die ihn verletzt hätten. Der eine Schuss fiel sehr nahe an seinem Ohr und verursachte ein Knalltrauma. Dann eilten die Nachbarn zu Hilfe.

Hatte Belloli einen Baseballschläger?
Das Bezirksgericht hatte die Darstellung von Fausto Belloli als glaubwürdig eingestuft. Er hatte den Ablauf der Geschehnisse bei allen Befragungen immer gleich geschildert, und seine Version erklärte auch plausibel seine Verletzungen.

Hugo Baltensberger dagegen hatte erst bestritten, überhaupt eine Waffe zu besitzen. Auch wollte er nicht zugeben, geschossen zu haben. Er passte seine Aussagen immer dem jeweiligen Ermittlungsstand an. Dieses Verhalten war dem Gericht wenig glaubwürdig erschienen. Zudem liessen sich mit der Version Baltensberger die Verletzungen von Belloli schlecht erklären.

Anzeige

Eine strittige Frage in der Untersuchung war, ob Fausto Belloli mit einem Baseballschläger bewaffnet gewesen war. Bellolis Nachbarn, die, alarmiert von den Schüssen, aus dem Haus gestürzt kamen, konnten sich nicht an einen solchen Schläger erinnern. Baltensberger sieht das anders: «Was machen wir mit dem?», habe Bellolis Ehefrau ihren Mann gefragt, und der habe geantwortet: «Tuesch es emal ine.»

So könnte der Baseballschläger vor dem Eintreffen der Polizei beiseite geschafft worden sein. Die Frau war tatsächlich ins Haus gegangen; sie hatte einen Asthmaanfall und musste inhalieren. Die Bemerkung ihres Mannes habe sich auf Baltensberger bezogen, sagte sie, es ging darum, ob man ihn ins Büro bringen solle. Auf die Frage, ob sie einen Baseballschläger ins Haus gebracht habe, wand sich die Frau erst und erklärte, sie könne sich nicht mehr erinnern, dann verneinte sie.

Anzeige

Verfahren wegen Körpervereltzung
Gegen Fausto Belloli wurde ein Verfahren wegen Körperverletzung eröffnet, das jedoch eingestellt wurde. Baltensberger wurde zuerkannt, dass er sich in einer Notwehrsituation befunden hatte, er habe aber die zulässige Gegenwehr weit überschritten. Das Bezirksgericht verurteilte ihn zu sechs Monaten Gefängnis wegen Gefährdung des Lebens und Körperverletzung, bedingt erlassen auf drei Jahre. Zudem darf er keine Waffen mehr besitzen.

Nun steht der kleine, untersetzte Mann mit den abfallenden Schultern und der grossen Brille vor dem Obergericht. Metzger ist er von Beruf, seit zwei Jahren ist er arbeitslos. Im März wurde er ausgesteuert.

Er lebe einfach, sagt er, wohne in einer billigen Einzimmerwohnung, habe weder einen Fernseher noch ein Radio. Er lebt vom Ersparten; die Jahre, bis er die AHV bekommt, versucht er so zu überbrücken. Auf die Fürsorge will er nicht. Er ist allein; früher lebte er eine Zeit lang in der Türkei, war dort neun Jahre verheiratet. Kinder hat er keine.

Anzeige

Nach der Rückkehr in die Schweiz arbeitete er als Taxifahrer, später wieder als Metzger. Er hat eine Vorstrafe aus dem Jahr 1981, wegen Körperverletzung. Sein Hobby ist Fallschirmspringen. Und er ist ein Waffennarr, war Sportschütze und hatte eine Waffensammlung, die allerdings nach jener nächtlichen Auseinandersetzung eingezogen wurde.

«Ich musste mich doch wehren»
Er wirkt hilflos und ein wenig trotzig, schaut wie ein Kind zu seinem Verteidiger auf. Die Fragen des Richters beantwortet er höflich, bestimmt, manchmal aber auch mit leisem Sarkasmus. Warum ihn gleich zwei Leute festgehalten hätten, will der Richter wissen. «Das frage ich mich auch. Ich konnte kaum mehr stehen», antwortet Baltensberger. Und konfrontiert mit dem Ablauf der Schussabgaben nach der Version Belloli, meint er lakonisch: «Jetzt haben wir dann bald zuwenig Kugeln.»

Anzeige

Ein etwas gereizter Disput entbrennt, als es um die Gefährlichkeit seiner Waffe geht. Davon versteht Baltensberger mehr als der Richter, und das lässt er ihn merken. Ja, für seine Pistole brauche man dieselbe Munition wie für den Militärkarabiner und das Sturmgewehr, 7,65 mm, aber diese hätten viel mehr Energie, weil sie einen anderen Lauf hätten. «Sonst könnte ja die Armee einfach solche Revolverli benützen, wenns aufs gleiche herauskäme.»

Als ihm vorgehalten wird, man habe bei ihm Waffen und Munition gefunden, ärgert er sich. Das habe doch nichts mit jener Notwehrsituation zu tun. Er müsse sich doch wehren können mit seinem kaputten Rücken. Wenn man sich nicht mehr wehren dürfe, könne man auch gleich die Armee abschaffen. Das Einziehen seiner Waffen betrachtet er als Raub, «schlicht schaurig», der Prozess erinnere ihn «an Anna Göldi». Der Verteidiger verweist auf die Panik und die Schmerzen seines körperlich beeinträchtigten und dem Angreifer unterlegenen Mandanten. Eine Frau in derselben Situation wäre wohl freigesprochen worden.

Anzeige

Das Obergericht jedoch bestätigte im August das Urteil der Vorinstanz. Baltensberger bleibt nun der Gang aufs Fürsorgeamt kaum erspart. Er muss die Verfahrenskosten tragen, die exakt seinem Ersparten entsprechen – 30'000 Franken.