Als er volljährig geworden war, wollte Student Dimitri (alle Namen geändert) Klarheit, wer sein leiblicher Vater ist. Zwar zahlte Mario seit 19 Jahren Alimente. Doch Dimitri hatte praktisch keinen Kontakt mit diesem «Zahlvater». Zudem hatte ihn Mutter Vanessa – heute Familienfrau, früher Barmaid – darüber aufgeklärt, dass ein weiterer Mann als Vater in Frage komme. «Dimitri hat mir Leid getan. Er litt darunter, keine Beziehung zu seinem Vater zu haben», erklärte sie anlässlich einer Gerichtsverhandlung, der Folge von Dimitris Nachforschung. Und dort wurde eine nicht alltägliche Familiengeschichte aufgerollt.

Rückblende: 1980 zogen Mario und Vanessa zusammen. Die Beziehung sei intensiv gewesen, die Sexualkontakte sehr häufig. Für Vanessa aber offensichtlich nicht häufig genug. Mario musste auch mal vor der Bar warten, wenn er sie nach Mitternacht mit dem Auto abholte. Sie war mit einem Gast noch in einem Zimmer. Doch das habe sie Mario natürlich verschwiegen, sagte sie vor Gericht.

Holte er sie nicht ab, liess sie sich meist von einem Gast chauffieren, denn sie besass weder einen Führerschein noch ein Auto. Einmal hiess dieser Chauffeur Robert – ein junger, sympathischer Geschäftsmann. Sie mochte ihn. Vor der Wohnung kam es im Auto zu einem One-Night-Stand. Vanessa liebte aber auch Mario, der in der Wohnung wartete. Und so kam es nach dem amourösen Akt im Auto noch zu einem Schäferstündchen mit Mario.

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Als nach einigen Wochen feststand, dass Vanessa schwanger war, hatte Mario jedenfalls keinen Grund zu zweifeln, dass er nun bald stolzer Vater sein werde. Das Paar blieb zusammen, heiratete aber nicht. Als Dimitri zur Welt kam, anerkannte ihn Mario offiziell als seinen Sohn. Die Welt war für kurze Zeit in Ordnung. Einige Monate später kam es zur Trennung. Weil ein unbeschreibliches Chaos in der Wohnung geherrscht habe, sagt Mario. Weil sie sich auseinander gelebt hätten, sagt Vanessa.

Dimitri kam vorübergehend in eine Pflegefamilie, der Kontakt zu Mario brach vollständig ab. Ein übereifriger Vormundschaftsbeamter habe das Besuchsrecht hintertrieben, sagt Mario. Die Alimente aber zahlte er pünktlich. Mario ging eine neue Bekanntschaft ein, heiratete und wurde Vater einer Tochter. Finanziell war die junge Familie nicht auf Rosen gebettet. Ohne Alimentenzahlung wären die drei weit besser über die Runden gekommen.

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Mario zahlte immer pünktlich
Nun frönte Marios Schwiegervater der Kunst des Pendelns. So pendelte er über einer Foto von Mario und Dimitri. «Es könnte sein», sagte der weise Ahne, «dass du nicht Dimitris Vater bist.» Die Worte elektrisierten Marios Frau. Er solle sofort seine Vaterschaft abklären, forderte sie.

Mario wandte sich an einen Anwalt, der ihm aber wenig Hoffnungen machte. Eine Pendleranalyse sei ein recht schwaches Argument. Auch hätte Mario die medizinische Untersuchung selbst bezahlen müssen, immerhin einige tausend Franken. Die absolut schlüssige DNA-Analyse war noch nicht entwickelt. Also verzichtete er auf den Vaterschaftstest. Seine Ehe ging einige Zeit später in die Brüche. Zudem erlitt er einen Autounfall, der schwere gesundheitliche Schäden hinterliess. Doch die Alimente bezahlte er weiterhin pünktlich.

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Jetzt ergriff Dimitri – inzwischen volljährig geworden und von der Mutter über die Vaterschaftsfrage aufgeklärt – die Initiative. Er reichte eine Klage ein, um Mario die Vaterschaft abzuerkennen. Es kam zu einem seltsamen Prozess, in dem Kläger Dimitri und Beklagter Mario das gleiche Ziel verfolgten – und auch erreichten: Die DNA-Analyse ergab, dass Mario mit Sicherheit nicht der Vater sein konnte, Robert aber mit ebenso grosser Sicherheit der Vater sein musste. Das kostete Mario fürs Erste 679 Franken Anwaltskosten. Denn rechtlich war er im Prozess um die Vaterschaft unterlegen, musste also die Anwaltskosten selber tragen. Die Kosten des Vaterschaftstests übernahm der Staat.

Nun zahlte Robert die Alimente. Doch Mario verlangte von ihm auch die bisherigen Zahlungen für Dimitri zurück – total rund 150'000 Franken. Freiwillig zahlte der wahre Vater jedoch nicht. Vielmehr stellten er und sein Anwalt sich auf den Standpunkt, es bestehe gar keine Schuld. Und ausserdem sei das alles verjährt.

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Auch Marios Anwältin war durchaus klar, dass die Verjährungsfrage heikel war. Galt hier die zehnjährige Verjährungsfrist, oder konnte sie die Alimente für die gesamten 19 Jahre einklagen? Urteile und juristische Literatur über diese Frage fehlten weitgehend, da die Vaterschaft selten erst nach zwei Jahrzehnten in Zweifel gezogen wird. Die Anwältin klagte deshalb zunächst lediglich elf Jahre Nachzahlung ein, behielt sich aber ein Nachklagerecht vor, bis zum Totalbetrag von 150'000 Franken.

Doch die Gegenseite argumentierte, es bestehe überhaupt keine Schuld. Mario habe damals vom Lebenswandel seiner Freundin gewusst. Daraus hätte er schliessen müssen, dass neben ihm noch andere Männer als Väter in Frage kommen könnten. Er habe vorschnell die Vaterschaft anerkannt. Damit habe er die Kindesmutter definitiv an sich binden wollen – sei es doch schon damals um die Partnerschaft nicht zum Besten bestellt gewesen.

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Mario habe zudem einen Gegenwert für seine Alimentenzahlungen gehabt: sein Vater-Kind-Verhältnis. Robert hingegen habe zu seinem Sohn nie ein Verhältnis aufbauen können. Wörtlich führte der Anwalt vor Gericht aus: «Würde nun der Beklagte Robert nachträglich verpflichtet, für den Unterhalt des Sohnes aufzukommen, obwohl er nie die Möglichkeit gehabt hat, ihm ein Vater zu sein – insbesondere persönlichen Verkehr mit ihm zu pflegen –, so wäre dies zutiefst demütigend.»

Für diesen Fall drohte er, den Spiess umzudrehen: Falls das Gericht die Rückzahlung auch nur teilweise bejahe, werde Robert Gegenforderungen stellen. Denn Mario habe ihm aus reinem Eigennutz den leiblichen Sohn und die Vaterfreuden für zwei Jahrzehnte vorenthalten. Der Vergleichsvorschlag des Gerichts, der eine Zahlung von 100'000 Franken vorsah, fand konsequenterweise keine Gnade.

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Die These, wonach Mario wider besseres Wissen die Vaterschaft anerkannt habe, konnte auch nach langwierigen Zeugenbefragungen nicht erhärtet werden. Roberts Anwalt signalisierte darauf ein «Entgegenkommen». Unter anderem sollte Mario Robert eine Prozessentschädigung von 5000 Franken zukommen lassen und die Gerichtskosten übernehmen. Dafür werde Robert keine Forderungen mehr stellen.

Klar, dass Mario nicht darauf einging. Das Bezirksgericht gab ihm Recht. Robert muss die Alimente der letzten zehn Jahre übernehmen, rund 73'000 Franken. Mit Zinseszinsen sind das rund 100'000 Franken – was etwa dem Vergleichsvorschlag des Gerichts entspricht. Mario ist damit zufrieden. Ob Robert seine vorenthaltenen Vaterfreuden vor Obergericht geltend machen will, ist noch offen.