Der Sprayer war immer nachts unterwegs. Vor allem an Bahnhöfen. Auf Zügen hinterliess er grossflächige Graffiti und «tags» (englisch für Signaturen): «Bart!», «BYS» oder «Rid» nannte er sich. Erwischt wurde er nie beim «Bomben», wie die Hip-Hopper das Sprayen nennen. Aber einmal fand ein Bahnangestellter am nächsten Morgen in der Nähe des Tatorts beim Bahnhof Zug einen Stoffbeutel. Inhalt: einige Spraydosen – und ein Bussenzettel wegen Falschparkierens, ausgestellt auf das Kennzeichen des Autos von Mario Felder*.

Drei Jahre nach den Vorfällen steht Mario vor Obergericht. Die Anklage lautet auf Sachbeschädigung; die Schadenersatzforderungen der SBB und der Sihltal-Zürich-Üetliberg-Bahn – Kosten für die Reinigung der Wagen – belaufen sich auf happige 20'000 Franken. Der Hip-Hopper, von Beruf kaufmännischer Angestellter, ist nicht geständig. Er ist 22 Jahre alt, gross, schmal gebaut, mit runden Augen, kurz geschnittenen, hellbraunen Locken und einem Kinnbärtchen. Seine Jeans, nach Art der Hip-Hopper viel zu lang, falten sich über den Schuhen wie eine Handorgel.

«Das ist mir ein Rätsel»
Im Ganzen macht der junge Mann einen recht braven Eindruck: Er hat eine feste Stelle, absolvierte im letzten Frühling die RS. Sein Vorstrafenregister ist leer, nur ein paar Bussen wegen Falschparkierens hat er eingefangen. In seiner Freizeit hat er früher viel Sport getrieben; heute geht er lieber mit Kollegen in den Ausgang, in Discos und Bars. Seine Eltern leben getrennt, er hat eine zwei Jahre ältere Schwester. Bis vor kurzem wohnte er noch bei der Mutter; jetzt lebt er in einer Wohngemeinschaft.

Anzeige

Mario möchte freigesprochen werden. Es sei eine Frechheit, dass er angeklagt wurde; die Anklage sei völlig aus der Luft gegriffen, erklärt er. Der Richter lässt sich nicht provozieren; unbeeindruckt, fast gemütlich führt er die Befragung durch. «Wie ist denn die Polizei überhaupt auf Sie gekommen?», fragt er. «Das ist mir ein Rätsel», antwortet der Angeklagte. Der Stoffbeutel mit den Spraydosen und dem Bussenzettel gehöre nicht ihm.

In flagranti beim Sprayen ertappt
Der Richter hält ihm die Indizien vor: «Ist es nicht komisch, dass ein Bussenzettel mit Ihrer Autonummer in einen Stoffsack gerät, der gar nicht Ihnen gehört?» – «Ja, das finde ich auch komisch», bestätigt Mario. Aber er leihe sein Auto eben oft anderen aus, seinem Vater oder Kollegen. «Ich bin ein generöser Mensch. Wenn jemand etwas von mir will, kann er es haben», erklärt er mit bescheidenem Schulterzucken. «Na ja, Ihr Vater wird wohl kaum zum harten Kern der Sprayerszene gehören», merkt der Richter gelassen an. Und hakt nach: «In der ersten Befragung gaben Sie an, dass nur Sie das Auto fahren.» Ja, da sei er halt verwirrt und verängstigt gewesen, wehrt sich der Angeklagte.

Anzeige

Tatsächlich: So cool, wie sich Mario jetzt vor Obergericht gibt, war er nicht immer. Als er auf dem Polizeiposten seines Wohnorts in einer anderen Sache als Auskunftsperson aussagte, konfrontierte man ihn überraschend mit Fotos der Graffiti vom Bahnhof Zug. Da sei, vermerkt das Protokoll, der Angeschuldigte «völlig blockiert» gewesen. Innert fünf Sekunden sei seine Stirn schweissnass gewesen, und seine Augen hätten sich geweitet.

Mario trug ein Foto eines Graffiti auf sich, und in einer Hausdurchsuchung wurden bei ihm zu Hause weitere Fotos von Spraybildern und Sprayerzeitschriften gefunden sowie in seinen Schulheften Entwürfe für Graffiti und Skizzen von «tags». Diese Entwürfe ähnelten Graffiti, die in den Bahnhöfen Rapperswil SG und Langnau am Albis ZH auf Zugwaggons «gebombt» worden waren.

Anzeige

Der Angeklagte streitet keineswegs ab, dass er ein Fan von Graffiti ist. Das Foto, das er bei der ersten Befragung auf sich trug, habe er Kollegen im Ausland mitbringen wollen, um ihnen zu zeigen, was in der Schweiz in Sachen Graffiti so alles laufe. Das sei schliesslich nicht verboten. Allerdings ist aktenkundig, dass der Hip-Hopper Graffiti nicht nur fotografiert, sondern zumindest einmal auch eigenhändig fabriziert hat. Vor fünf Jahren war er in einer Unterführung seines Wohnorts in flagranti erwischt worden. Das stimme, aber seither habe er selber nie mehr gesprayt, versichert er.

Grosser Fan der «Simpsons»
Mario ist auch Fan der TV-Trickfilmserie «Die Simpsons». Dort gibt es eine Figur namens Bart Simpson – und mit «Bart!» hatte der Sprayer an den Bahnhöfen Zug, Rapperswil und Langnau am Albis seine Werke gezeichnet. Und dieselben «tags» waren wiederum in Marios Skizzenheften entdeckt worden.

Anzeige

Diese Indizien reichten der Vorinstanz, dem Bezirksgericht Horgen ZH, aus, um Mario wegen acht versprayter Zugwaggons schuldig zu sprechen. Er wurde zu vier Monaten Gefängnis bedingt verurteilt, bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Der Verteidiger hält die Beweiswürdigung der Vorinstanz für willkürlich, ihre Interpretation der Indizien geradezu für «beklagenswert falsch». «Auch wenn bei meinem Mandanten Vorlagen für Graffiti gefunden worden sind, heisst das keineswegs, dass er diese auch gesprayt hat», führt er aus. «Jemand anders kann die Entwürfe als Vorlagen benutzt haben.» Oder sein Mandant könnte sie kopiert haben. Zudem stimmten die Graffiti auch nicht genau mit den Skizzen überein. Bei den Wörtern «Bart!», «BYS» und «Rid» handle es sich gar nicht um «tags», um persönliche Zeichen eines Sprayers, sondern um Buchstabenfolgen, die überall anzutreffen seien; die Stadt sei voll davon. Er könne dies anhand eines Buchs mit Abbildungen von Graffiti belegen.

Anzeige

Und dann zaubert der Verteidiger noch ein Kaninchen aus dem Hut: das Tagebuch von Marios Mutter. Mario habe seiner Mutter lange nichts von der ganzen Geschichte erzählt, erläutert er. Der Sohn wollte sie nicht damit belasten, weil sie an Depressionen leide. Als er ihr aber kürzlich alles gestanden habe, habe sie ihr Tagebuch hervorgeholt und die Einträge unter den fraglichen Daten nachgelesen. Der Verteidiger zitiert aus handgeschriebenen Blättern: «Mario und Simone waren abends zu Hause. Mario hatte Rückenschmerzen, ich massierte ihn. Die Kinder gingen früh ins Bett.» Oder: «Abends schauten wir fern, die Kinder und ich.»

Auf der Zuschauerbank haben zwei Vertreter der SBB die Verhandlung verfolgt. Sie beziffern die Kosten für die Reinigung der mit Graffiti verunzierten Zugskompositionen auf jährlich rund fünf Millionen Franken. Ein Betrag, der praktisch ganz zulasten der SBB geht, da nur die wenigsten Sprayer erwischt werden. Die 20'000 Franken, die Mario Felder bei einem Schuldspruch zu berappen hätte, wären da nur ein Tropfen auf den heissen Stein – für den Angeklagten, dessen Monatslohn knapp 4000 Franken beträgt, aber dennoch eine empfindliche Strafe.

Anzeige

Das Gericht vertagt seinen Entscheid. Die Richter wollen sich erst mit der Hip-Hop-Kultur und ihren Regeln vertraut machen und bitten um Einreichung des Buchs mit den Graffiti, mit dem der Verteidiger seine Argumente untermauert hat. Denn ob sich die Spraybilder mittels der «tags» eindeutig Mario Felder zuordnen lassen, ist die entscheidende Frage. Offenbar ist das nicht der Fall: Zwei Wochen später spricht das Obergericht den jungen Mann frei.

* Name geändert