Mira Prasad*, 29, stammt aus der Nähe der indischen Sieben-Millionen-Stadt Siliguri, rund 200 Kilometer von der Grenze zu Bangladesch entfernt. Seit anderthalb Jahren lebt sie in der Schweiz und integriert sich nach Kräften. Sie lernt Deutsch, kleidet sich europäisch, geht allein aus, fährt Velo und hält sich im Schwimmbad bereits über Wasser. Solche Dinge, sagt sie, wären in ihrer Heimat undenkbar gewesen. Dort sei sie die Sklavin ihres Mannes und ihres Sohnes gewesen.

Einzig in ihrer Wohnung trägt Mira die traditionellen Kleider; hier kocht sie indische Gerichte. Diesen Teil ihrer Herkunft will sie sich bewahren. Denn noch immer träumt sie davon, in Basel ein vegetarisches indisches Restaurant zu eröffnen – zusammen mit Rajif Wegmüller*, 29, Schweizer mit indischer Herkunft. Im Januar 2000 wollte das Paar heiraten.

Doch das Zivilstandsamt legte sich quer: Nachforschungen hätten ergeben, dass die beiden wahrscheinlich Geschwister seien. Jedenfalls hätten Verwandte von Mira diesen Verdacht geäussert.

Rajif war 1980 als neunjähriges indisches Waisenkind in die Schweiz gekommen, und zwar durch die Vermittlung des Hilfswerks Terre des hommes. Das Ehepaar Wegmüller adoptierte ihn. Er sprach bald Baseldeutsch, ging zur Schule und schloss eine Lehre als Heizungsinstallateur ab. Doch die Frage nach der eigenen Identität liess ihn nicht los. 1997 bereiste Rajif erstmals Indien.

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Dabei kam er auch in die Stadt Siliguri, wo er als Strassenkind die Slums und das Waisenhaus kennen gelernt hatte. Szenen des Grauens kamen wieder hoch: Hier hatte er Ungerechtigkeit und Gewalt erlebt. «Einmal wurde ich an den Beinen aufgehängt und verprügelt», erzählt er. Terre des hommes habe im letzten Augenblick seinen Selbstmord verhindert und ihn in die Schweiz gebracht.

Nach einigen Monaten in Indien sprach Rajif wieder fliessend Bengali. Das erlaubte ihm, Kontakt mit der Familie Prasad aufzunehmen. Einen rein zufälligen Kontakt, wie er beteuert. In dieser Familie lernte er Mira kennen, die noch als Minderjährige mit einem Mann verheiratet worden war und einen Sohn hatte. Er war sofort völlig auf sie fixiert.

«In dieser reichen Familie führte sie ein Sklavenleben», schildert Rajif aufgebracht. «Platz im Haus war genug vorhanden, doch sie hauste auf einigen Quadratmetern in einem angebauten Bretterverschlag. Zutritt zum Haus hatte sie nur, wenn sie ihren Mann und ihren Sohn bediente. Die beiden behandelten sie wie den letzten Dreck. Denn hinter ihr stand ja keine starke Familie, die sie geschützt hätte.»

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Rajif setzte diesen unwürdigen Zuständen sehr schnell ein Ende. Zuerst unternahm er mit Mira eine Reise in die Umgebung, was die Angehörigen als absolut unbotmässig empfanden. Das Paar schenkte der erbosten Familie wenig Beachtung und beschloss, in die Schweiz zu ziehen und dort zu heiraten.

Miras Mann willigte rasch in eine Scheidung ein. Rajif: «Den hatte ich in der Hand. Er hat Mira geheiratet, als sie minderjährig war. Dafür wäre er sogar im korrupten Indien ins Gefängnis gekommen.»

Alles wäre in Minne verlaufen, hätte das Basler Zivilstandsamt nicht den seltsamen Verdacht gehabt, Rajif könnte sich unter den Millionen von Einwohnern der Region Siliguri ausgerechnet in seine Schwester verliebt haben. Wer den Anstoss dazu gab, die Familiengeschichte zu untersuchen, ist bis heute unklar. Der indische Anwalt, der damit betraut wurde, fand tatsächlich Familienangehörige, die behaupteten, Mira und Rajif seien Geschwister. Die Heirat konnte nur stattfinden, wenn diese Behauptung entkräftet wurde.

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Die Basler Behörden schlugen bei Mira und Rajif einen Gentest vor. Damit könnte eine gemeinsame mütterliche Linie ausgeschlossen werden. Rajifs Anwalt lehnte ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Geschwister handle, sei viel zu gering. Hier würde die Ehefreiheit des Paars verletzt. Zudem sei Rajif nur teilzeitbeschäftigt; er könne die 2600 Franken für die Gentests nicht aufbringen. Doch diese Argumente verfingen nicht. Nur mit den Gentests, urteilten die Behörden, könne ausgeräumt werden, dass Mira und Rajif Geschwister seien. Rajif müsse selbst ein Interesse an dieser Massnahme haben. Anders könne er die Aussagen von Miras Verwandten nicht entkräften. Er trage die Beweislast und sei deshalb auch kostenpflichtig.

Nur: Geld hatte Rajif keins. Der Anwalt richtete ein «Gnadengesuch» an den Vorsteher des Justizdepartements, Hans-Martin Tschudi, mit der Bitte, dass der Staat die Kosten des Gentests übernehme. Unter anderem schrieb er: «Sie werden mit mir einig gehen, dass es sich um einen schon fast als unglaublich zu qualifizierenden Einzelfall handelt, der alles andere als alltäglich ist.» Tatsächlich war der Fall noch unglaublicher, als der Anwalt glaubte.

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Regierungsrat Tschudi stimmte zu; die Gentests wurden auf Staatskosten durchgeführt. Ergebnis: Mira Prasad und Rajif Wegmüller sind mit allergrösster Wahrscheinlichkeit Geschwister. Der Anwalt verstand die Welt nicht mehr.

Nicht so Rajif: «Mira ist meine Schwester. Ich habe sie sofort wieder erkannt. Ihr verdanke ich mein Überleben in den Slums. Wenn sie etwas zu essen hatte, gab sie mir davon – auch wenn sie selber hungrig war. Mir ist es in der Schweiz gut gegangen, ihr in Indien dreckig – bis ich kam. Ich muss ihr einfach helfen, Einreisebestimmungen hin oder her.» Eine andere Möglichkeit als die Pro-forma-Heirat gebe es nicht; er habe sich erkundigt.

«Zurück kann Mira nicht; die Verwandten würden sie umbringen. In ein anderes Land kann sie auch nicht. Anderthalb Jahre lang hat sie nun – zum ersten Mal in ihrem Leben – ein anständiges Dasein führen können», schildert Rajif die ausweglose Situation. Doch wo soll seine Schwester jetzt leben? «Wenn sie nicht hier bleiben kann, werden wir gemeinsam Selbstmord begehen.»

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* Name geändert