An dieses Weihnachtsfest wird sich Alfred Egli für den Rest seines Lebens gern erinnern. Rechtzeitig hat sich der pensionierte Kantonsschullehrer einen Tannenbaum besorgt, hat ihn in der Stube seines Wohnhauses in Küsnacht ZH aufgestellt und geschmückt. Und dann schneit, einen Tag vor Heiligabend, ein Brief des Bundesgerichts ins Haus: endlich, das lang ersehnte Urteil, Schlusspunkt im verzwickten Rechtsstreit, der Egli und Mitkämpfer seit Jahren auf Trab hält. Die Kunde aus Lausanne freut den 69-Jährigen so, dass er sie seinen Lieben bei Kerzenschein am Christbaum wörtlich vorliest – «wie eine Weihnachtsbotschaft».

«Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird gutgeheissen», schreiben die Bundesrichter, «der zur Bekämpfung des Roten Sumpfkrebses im Schübelweiher geplante Einsatz von Fenthion wird untersagt.» Damit habe man «in der Sache klar gesiegt», sagt Egli im Haus seines Compagnons Wolfgang Hopff, mit dem er seinerzeit das «Schutzkomitee Schübelweiher» gegründet hat. Hopff, 70, Professor der Chemie im Ruhestand, schenkt Tee ein – «meine Hauskräutermischung» – und hebt den Zeigefinger: «Doch damit ist der Gifteinsatz noch lange nicht definitiv vom Tisch. Wir müssen wachsam bleiben.»

Krebsaussetzung bleibt Geheimnis
Was geht da vor in Küsnacht an der gutbetuchten Zürcher Goldküste? Die Ereignisse reichen zurück ins Jahr 1986. Der damalige Pächter des Weihers fischt eines Tages nur mehr tote Krebse aus dem Wasser – die «Krebspest» hat die Krabbeltiere dezimiert. Weil dies schon mehrmals passiert ist, sucht er eine Alternative: Warum nicht importierte Krebse aussetzen, die resistenter sind? Fündig wird er im «Procambarus clarkii», im Roten Sumpfkrebs, der die Moore Floridas bevölkert und dort prächtig gedeiht. Ob es aber wirklich der ehemalige Pächter ist, der den fremden Krebs ausgesetzt hat, bleibt bis heute Geheimnis; der Mann stirbt 1987.

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Im Sommer 95 wird der Exot erstmals in Küsnacht bemerkt. Spaziergängern fällt eine Schar Krebse auf, die dem Teich entsteigen und über die Wiese kriechen – in Richtung des nahen Rumensees. Man verständigt die Jagd- und Fischereiverwaltung Zürich, die die Tiere identifiziert. Das Amt schickt einen Jagdaufseher aus, der 200 Tiere einfängt. Obwohl als Delikatesse beliebt, werden sie nicht zum Verzehr freigegeben, sondern verbrannt.

Doch dass damit die Sache nicht erledigt sein würde, zeigt ein Brief, den die Fischereiverwaltung im Februar 96 an den Küsnachter Gemeinderat schickt: Der Rote Sumpfkrebs verdränge die heimischen Arten und verbreite Krankheiten, heisst es. Bei Max Straub, kantonalem Fischereiverwalter, läuten die Alarmglocken. Er reicht Strafanzeige gegen Unbekannt ein und vereinbart mit der Gemeinde einen Ortstermin. Das Resultat liest sich wie ein Schlachtplan: Schübelweiher und Rumensee entleeren und ausfischen, Fische und Krebse vernichten, Gewässergrund üppig mit Ätzkalk behandeln. Straub verhängt auch eine Informationssperre, um «die Öffentlichkeit nicht unnötig zu beunruhigen».

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Eine Woche später fährt Straub noch gröberes Geschütz auf. Er teilt der Gemeinde mit, er habe eine bessere Waffe zur Hand: das Insektizid Baytex mit dem Wirkstoff Fenthion. Werde es ins Wasser geschüttet, könne man die Krebse «gezielt» beseitigen. Hopff, der ehemalige Chemieprofessor, schüttelt den Kopf: «Fenthion ist ein Nervengift, das die amerikanische Armee als Kampfgas einsetzt. So etwas gehört niemals in öffentliche Gewässer.» Nicht nur seien die Auswirkungen auf Fauna und Flora unberechenbar, auch könnte das Trinkwasser vergiftet und Menschenleben könnten gefährdet werden.

Doch Straub will am Fenthion festhalten, terminiert bereits vier Einsätze zwischen April und Mai. «Straub ist ein hoher Militär», schmunzelt Egli, «er ist sich nichts anderes gewohnt, als immer gleich voll aus allen Rohren zu schiessen.» Wenn er beabsichtige, die Krebse mit Fenthion «gezielt» zu eliminieren, habe er keine Ahnung von Chemie, ergänzt Hopff. «Das wäre wie eine Atombombe auf Zürich zu werfen, um damit «gezielt» nur die Verwaltung zu treffen.» Die beiden Rentner lachen.

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Dann wird Hopff wieder ernst, holt ein Schreiben des Fenthion-Herstellers Bayer aus seinen Unterlagen. Auch der lehnt die Giftspritze ab: «Es ist strikt gegen unser Interesse, wenn Fenthion ausserhalb der amtlich zugelassenen Anwendungsbereiche eingesetzt wird.»

Im Frühjahr 96 werden die Medien auf Straubs Pläne aufmerksam. Der «Küsnachter» schreibt warnende Artikel, später berichten auch «Tagesschau», «NZZ», «Tages-Anzeiger». Aus den Medien hören auch Egli und Hopff erstmals von der geplanten Krebsvertilgung. Hopff ist «geschockt» und kontaktiert Alfred Egli, den Präsidenten des «Verschönerungsvereins». Auch dieser, ein «Lokalpatriot und Naturfreund», reagiert besorgt. Die beiden gründen das «Schutzkomitee Schübelweiher».

Anwohner planen eine Bürgerwehr
Das Komitee sammelt die Bedenken der Anwohner, protestiert bei Gemeinde und Kanton und nennt Alternativen zur chemischen Keule: Die Krebse seien auszufischen und den lokalen Gasthäusern zuzuführen, zur nachhaltigen Regulierung seien natürliche Feinde auszusetzen – Hechte, Egli, Aale. Doch die Beamten halten wie vergiftet am Gift fest. Eine Pressekonferenz im Mai, bei der Egli und Hopff der Zutritt verweigert wird, endet ohne Kompromiss, ebenso eine Anfrage des Grünen Toni Baggenstos im Kantonsrat.

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Nach einem weiteren TV-Beitrag im September kursiert das Gerücht, Straub werde das Gift in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aussetzen. Prompt versammeln sich 150 Personen am Schübelweiher zu einer Demonstration. Das Komitee reicht eine Petition mit 1900 Unterschriften ein; bald schlagen die Wellen am friedlichen Wasser gar noch höher: Einige Anwohner fassen ins Auge, eine Bürgerwehr zu formieren.

Die Fronten verhärten sich, es bleibt nur noch der Gerichtsweg: Die Anwohner schalten einen Anwalt ein und deponieren beim Bezirksgericht Meilen eine Nachbarschaftsklage. Das Gericht urteilt im November 96: Das Schutzkomitee erhält eine Abfuhr, eine Gefährdung durch Fenthion sei nicht schlüssig nachweisbar. Das Komitee zieht das Urteil über verschiedene Instanzen weiter – der Fall landet im Juni 98 zur Neuprüfung wieder beim Obergericht. Kurze Zeit später nimmt sich der WWF Schweiz der Sache an und gelangt ans Bundesgericht. Dieses veröffentlicht im Dezember 98 seine wegweisende «Weihnachtsbotschaft», das Fenthion-Verbot.

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Der WWF also als Sieger, das Komitee als der lachende Zweite? Weit gefehlt: Nach dem Urteil aus Lausanne bestehe für das Komitee «kein Rechtsschutz-Interesse» mehr, das Verfahren vor Obergericht sei «gegenstandslos» geworden, urteilen die Juristen. Fazit: «Die Nichtigkeitsbeschwerde ist abzuweisen», die Kosten des Verfahrens seien «hälftig auf die Parteien zu verteilen».

Die Küsnachter müssen tief ins Kässeli greifen: Zu den bereits 40000 Franken, die sie die Prozessiererei bisher gekostet hat, kommt eine weitere Rechnung über 13731 Franken hinzu – darunter eine Prozessentschädigung an den Kanton von 5000 Franken. Dieses Lehrgeld reut Hopff und Egli besonders; obwohl der Kanton verloren habe, werde er noch entschädigt. «Wir hätten die Rechnung nicht bezahlt», sagt Wolfgang Hopff, «sondern den Betrag im Gefängnis abgesessen!» Der Kanton aber greift auf andere Komiteemitglieder zurück – die Rechnung wird doch bezahlt.

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Gifteinsatz wird erneut geprüft
Heute herrscht am Schübelweiher eine Pattsituation: Obwohl Max Straub auf Geheiss des Kantons und unter grossem Medienaufmarsch am 1. April 99 Hechte und Aale in den Weiher einsetzen muss, bleibt der Gifteinsatz in Griffnähe: «Feldversuche in Frankreich beweisen, dass Fenthion derart dosiert werden kann, dass die Krebse getötet und Fauna, Flora und Trinkwasser nicht gefährdet werden», verteidigt sich Max Straub. Der Erfolg der Raubfischaussetzung sei zwar noch nicht definitiv ausgewertet, doch greife die Massnahme vermutlich zu kurz: «Es deutet alles darauf hin, dass sich mit diesen Methoden die Sumpfkrebse nicht ausrotten lassen.» Weil das Bundesgericht den Fenthion-Einsatz nicht definitiv untersagt habe, werde man später vielleicht darauf zurückkommen: «Der Regierungsrat wird zur gegebenen Zeit entscheiden.»

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Hopff und Egli sind über den Verlauf der Affäre enttäuscht: «Unser Demokratieverständnis ist schwer erschüttert worden, dabei haben wir nur unsere Bürgerpflicht getan.» Hopff ordnet die Unterlagen, gibt Egli zum Abschied ein «Kopf hoch!» mit auf den Heimweg. Denn das Komitee macht weiter – es will den Erfolg der Raubfischaussetzung abwarten und, als nächstes, im Internet eine «Schübelweiher-Homepage» installieren. Für alle Fälle.