Grösse: 1,72 m. Kinder im Haushalt: keine. Hobbys: häuslich. Nur durch ein Treffen können Sie den Mann wirklich kennen lernen. Melden Sie sich bald!» 14 Tage nach Vertragsabschluss erhielt Pia Beyeler* eine Adresse von der Partnervermittlungsfirma. Sie freute sich sehr auf die Begegnung mit Urs Erdin.

Schon beim ersten Treffen ging Erdin aufs Ganze: «Eine Bombenfrau braucht ein Bombenauto», erklärte er der Frau. Und zufällig konnte er ihr auch gleich eines anbieten: Sein Freund, der soeben Konkurs gemacht habe, verkaufe seinen Wagen für 5000 Franken – aber nur noch heute. Morgen werde er versteigert.

Pia Beyeler wusste nicht, dass Urs Erdin damals noch fünf andere Freundinnen hatte. Mittlerweile lernte sie diese kennen – und zwei Dutzend andere dazu. Urs Erdin hatte sie alle hintergangen. Deliktsumme: 166'000 Franken.

Erdin, geboren am 8. November 1954, Buch- und Offsetdrucker, vorbestraft, sitzt kreidebleich vor dem Halbrund der Richterinnen und Richter im bernischen Belp. «Was war an Erdin so besonders?», fragt die Richterin. «Er war sehr fürsorgend», sagt Pia Beyeler, «ich habe mich schnell in ihn verliebt.» Ihre Beziehung dauerte nur zwei Monate. Andere Frauen litten länger.

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Die grosse Liebe galt dem Geld
In den Zeugenstand begibt sich Tanja Frei. Im Unterschied zur fröhlichen, eher rundlichen Pia Beyeler ist sie ernst und von grosser Statur. Sie lernte Urs Erdin Anfang 1998 kennen. Die Beziehung dauerte bis zu seiner Verhaftung im Dezember 1998.

Dass Erdin nicht der Gewerbeschullehrer war, als den er sich ausgab, musste sie schon bald einmal erkennen. Wenig später erklärte er, dass er beim Bundesamt für Flüchtlinge arbeite – «geheim». Urs Erdin kümmerte sich um Tanja Freis schwierige Kinder; «er hat mir die Zukunft versprochen», erklärt sie. Die Frau war damals in Scheidung und lebte getrennt von ihrem Mann. «Erdin interessierte sich sehr für Erziehungsfragen.» Und nebenbei auch für ihr Geld.

Zwei Monate, nachdem sich die beiden kennen gelernt hatten, lieh die gelernte Kindergärtnerin dem Freund 14000 Franken – für ein Haus, das er zu kaufen versprach. Es waren Tanjas gesamte Ersparnisse. «Erdin kann Menschen sofort einschätzen», sagt Tanja Frei: «Er weiss sehr schnell, wer welche Geschichten glaubt.» Das versprochene Haus stand nicht zum Verkauf. Tanja Frei wusste von seinen Vorstrafen; sie wusste, dass er drei Mal verheiratet gewesen war; sie wusste, dass er log.

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Dem Geliebten blind vertraut
«Hätten Sie nicht hellhörig werden müssen?», fragt die Richterin. «Wenn man eine Beziehung eingeht, schenkt man Vertrauen», sagt Tanja Frei. «Ich war gutgläubig, nicht leichtgläubig.» Erdin wohnte in ihrer Wohnung. Sie bestritt seinen Lebensunterhalt. Geld gab sie ihm keines mehr, aber sie überliess ihm die Postomatkarte. Auf dieses Konto flossen ihr Lohn und die Alimentenzahlungen.

Während vier Monaten hob Erdin von ihrem Konto rund 16'000 Franken ab; die monatlichen Abrechnungen fing er ab. Den Code der Postomatkarte änderte er mit der Begründung, dies verlange seine geheime Funktion in der Flüchtlingshilfe.

«Ich hatte Druck im Beruf, Druck mit den Kindern, Druck mit Erdin. Ich schaffte es nicht, an allen Fronten zu kämpfen», sagt Tanja Frei vor Gericht. Sie glaubte an ihren guten Einfluss auf ihn, «dachte nie, dass er noch andere Frauen hatte».

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Hatte er aber. Von Karin Läuchli, die er kurz nach Tanja Frei kennen gelernt hatte, «lieh» er sich 8000 Franken; sie hatte sich in ihn verliebt. Brigitte Krause, an die er via Partnervermittlung herantrat, versprach er wenig später die Verlobung.

«Hätten Sie sich eine gemeinsame Zukunft mit Frau Krause vorstellen können?», will die Richterin wissen. Sie sitzt hinter ihrem Pult, Urs Erdin nur wenige Meter gegenüber. Ihr Blick und ihre Stimme sind eindringlich. Erdin zögert mit der Antwort keine Sekunde: «Ja, das wäre eine Chance gewesen», sagt er.

«Was ist eine Beziehung für Sie?», fragt die Richterin. «Zwischen Mann und Frau etwas aufbauen. Vertrauen und so weiter.» – «Wie hoch ist der Stellenwert des Vertrauens für Sie?» – «Eigentlich hoch, wenn Sie mich heute fragen.» Ob er die 3000 Franken an Frau Knecht je habe zurückzahlen wollen? Urs Erdin zieht die Schultern hoch, seufzt, schüttelt kurz den Kopf und sagt hastig: «Ja!»

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Erdin war Mitte 20, als er das erste Mal wegen Betrugs hinter Gitter kam. Die Dinge der Liebe kamen später ins Spiel. Die Akten der heutigen Anklage umfassen nicht weniger als vier Bundesordner. Erdin war wiederholt arbeitslos; Zinsen, Mieten, Ferien waren zu bezahlen. Geschädigt wurden mindestens zwölf Frauen. «Hatten Sie ein System, wie Sie Ihre Schulden zurückzahlten?», fragt die Richterin. «Ich zahlte halt immer, wo am meisten Druck war», sagt Erdin. «Was machten Sie mit all dem Geld?», hakt der Anwalt einer Klägerin nach. «Ein verstecktes Konto habe ich nicht», weicht Erdin aus.

Im Sommer 1996 lernte Urs Erdin durch ein Partnerschaftsinstitut Noemi Keller kennen. Er versprach ihr Halt, Treue, Zukunft. Erdin war in Not. Sein Geld, erklärte er, sei «in Rom blockiert». In Tat und Wahrheit hatte er Schulden – bei Heidi Probst. Innerhalb eines einzigen Monats entlockte er Noemi Keller fast 38'000 Franken. Die Beziehung mit ihr dauerte nur kurz. Jene mit Heidi Probst drei Jahre.

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Probsts Tochter war eben gestorben, als sie Urs Erdin kennen lernte. Die Sozialpädagogin war fürsorgeabhängig, hatte eine 20-jährige Ehe hinter sich. Erdin war noch in Haft. Er überschüttete sie mit Liebesbriefen. Nach seiner Entlassung zog er bei ihr ein. «Ich wollte gar keine Beziehung», sagt Heidi Probst. «Sein Auftreten passte mir nicht. Doch seine Rhetorik überzeugte mich halt.» Erdin erklärte ihr, er habe unschuldig im Gefängnis gesessen.

Erdins Eltern luden auch Heidi Probst, wie viele seiner Geliebten, zum Nachtessen ein. Vater Erdin warnte die frisch Verlobte: Es sei nicht einfach mit seinem Sohn. Doch dieser hatte sich längst als Familienoberhaupt von Heidis zwei Kindern etabliert. Diverse «Familienferien» gingen zu Lasten der Mutter, ihre Schulden wuchsen. Die Tage verbrachte Erdin, so Heidi Probst, «mit einem Glas Rose in der Hand».

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«Beträchtliche kriminelle Energie»
«Hat er Sie auch geschlagen?», fragt die Richterin. «Ja. Jedes Mal, wenn ich ihn mit einer Lüge konfrontierte. Einmal sperrte er mich im Badezimmer ein und schrie: "Hier kommst du nicht mehr lebend raus."» Heidi Probst verzichtete damals auf eine Anzeige: «Ich hätte mich nicht mehr nach Hause getraut.»

Zwei Mal wechselten Heidi Probst und Urs Erdin den Wohnort und das Haus – «um ein neues Leben anzufangen». Die dritte Station war ein Bauernhof mit Hühnern, Schweinen und Ziegen. Erdin schlug auch die Tiere.

Die Gerichtsverhandlung dauert fünf Tage. «Viel kriminelle Energie brauchte der Angeklagte nicht, um die Frauen zu täuschen», sagt die Verteidigerin am Schluss. «Sie handelten leichtgläubig.» Das Gericht hält Erdins kriminelle Energie für beträchtlich. Ein psychiatrisches Gutachten bezeichnet ihn als «zurechnungsfähig, aber nicht therapierbar». Er wird zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Wiederholungsfall droht ihm die Verwahrung.

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Untersuchungsrichteramt Bern Mittelamt, Ende März. Ein trockenes Lebkuchenherz liegt am Boden. Drei Frauen treten darauf – wütend; das Gebäck zerstiebt knirschend. Das Herz hatte Urs Erdin von Brigitte Krause erhalten und noch am selben Tag an Tanja Frei verschenkt.