Buckelig sitzt die graue Katze auf der Fensterbank. Sie blickt argwöhnisch auf die klatschnasse Hofeinfahrt, den schlafenden Hund und auf das Auto, das durch die Pfützen spritzt und für kurze Zeit die Stille dieses trostlosen Frühlingstags stört. Plötzlich hebt das Tier seinen Kopf, streckt sich und gleitet mit erhobenem Schwanz und leuchtenden Augen zu Boden, drückt sich durch den Spalt der Haustür, die, wie von Geisterhand geöffnet, leise knarrt. Die Katze miaut, und das Glöcklein, das sie um den Hals trägt, bimmelt fröhlich.

«Jaja, mir laufen alle Tiere nach», sagt der 63-jährige Knecht Sämi*, blinzelt belustigt und flattiert dem Büsi, das laut zu schnurren beginnt. Seit einigen Wochen ist Sämi wieder daheim – dort, wo er vor über 50 Jahren als elternloses Büblein hingebracht worden ist. Nun ist er fast wieder wunschlos glücklich. «Ich wünsche mir, dass sie mich in Ruhe lassen», sagt der Knecht, setzt sich an den langen Stubentisch und stützt seinen Kopf in die schwieligen Hände.

Neben ihm, ganz Patron, der Meister. Keine 40 Jahre alt, für viele Nachbarn zu glatt rasiert für einen Emmentaler Bauern. «Die von der Gemeinde interessieren sich nur für Sämi, weil er Geld hat», ereifert sich der Landwirt und streicht sein Haar aus der Stirn. Dass er selber den Stein ins Rollen gebracht und so Sämis Freiheiten gefährdet hat, mag er nicht glauben.

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Im Sommer 1999, wenige Monate nach dem Tod seines Vaters – Sämis altem Meister und Betreuer in Sachen Geld –, hat sich der Sohn flugs aufgemacht und sich erkundigt, wie es denn aussehe mit einem Kostgeld von Sämi. Schliesslich werde der Knecht älter und leiste nicht mehr so viel wie in jungen Jahren.

Diese Erkundungstour des Jungbauern, der den Hof als Pächter einer zerstrittenen Erbengemeinschaft führt, machte die Fürsorge- und Vormundschaftsbehörde stutzig. Man kam zur Einsicht, dass Sämi einen Beistand benötige. Dieser solle sich um das Geld kümmern, das Sämi in Form einer IV-Rente für den kranken Rücken und die geschädigten Knie monatlich bezieht.

Derweil die Gemeinde nach einem Beistand suchte, hob Sämi auf Anraten seines Meisters, dessen Bruder und dessen Freundin sämtliches Geld, rund 60'000 Franken, von seinem Sparbüchlein ab und versteckte es. Schon vorher hatte er der einen Tochter des Hauses 20'000 Franken als Darlehen gegeben. «Ich hatte Angst, dass die Gemeinde mir mein Geld wegnehmen würde», begründet Sämi sein Vorgehen.

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Das geplünderte Sparbüchlein, das der später eingesetzte Beistand bei seiner Inventaraufnahme im Mai vergangenen Jahres entdeckte, brachte endgültig Feuer ins Dach. Und als im August der junge Meister wegen merkwürdiger Händel rund um Autos und Versicherungen in Untersuchungshaft genommen wurde, brach das bislang schützende Gebäude seiner «Familie» vollends über Sämi zusammen.

Während der Jungbauer im Gefängnis sass, bewirtschaftete der Knecht pflichtbewusst den stattlichen Zehn-Hektaren-Hof, kümmerte sich allein um die Kühe, die Pferde und das Kleinvieh. Das Mittagessen nahm er im Dorf ein, beim Bruder seines Meisters.

Als nach dessen Verhaftung das Haus durchsucht wurde, stellten die Beamten einen «unhaltbaren Zustand im Haushalt» fest. So kam, was kommen musste: Als Sämi Ende August aus dem Dorf heimkehrte, wartete die Polizei auf ihn und packte ihn kurzerhand ins Auto. «Sie brachten mich zu den Leuten von der Fürsorge, und dann fuhren sie mit mir ins Altersheim.» Niemand aus seinem Umfeld durfte erfahren, wohin er gebracht worden war. «Wir wussten nicht, ob Sämi durch seinen Meister in Gefahr war», erinnert sich ein Behördenmitglied.

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Doch die Bauersleute ruhten nicht: Nur wenige Tage nach Sämis «Schutz auf unbestimmte Zeit» hatten sie ihren Knecht ausfindig gemacht. Sämi, bis dahin seinem Schicksal wohl oder übel ergeben, begann sich zu wehren und rebellierte. Er verlangte, dass er im Emmental untergebracht werde. Denn bald sollte die Hockeysaison beginnen, und Sämis einziger Luxus, den er sich gönnt, ist das Mitfiebern bei den Spielen seines Lieblingsklubs.

Diesem Begehren wurde stattgegeben. Nach wenigen Tagen durfte er zügeln – in ein Altersheim, das nur wenige Töffli-Minuten vom Stadion entfernt liegt. Und das von seinem Ersparten bezahlt worden sei, wie er sich noch heute ärgert.

Von Freiheit war trotzdem keine Rede: Die Behörden beantragten, die vor Monaten gerichtlich durchgesetzte Beistandschaft mit Vermögensverwaltung in eine Bevormundung umzuwandeln. Denn Sämi wankte wie ein Fahnenmast im Sturmwind. Sprach mal so, mal anders. Für die Behörden ein Zeichen dafür, wie sehr Sämi von «seiner Familie» manipuliert wird.

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Der Knecht indes hatte nur ein Ziel: so rasch wie möglich heim, zu seinen Tieren, auf seinen Hof. Denn er wusste, dass der Bauer nach sechs Wochen aus der Haft entlassen worden war. «Mir war nicht unwohl, und die Leute im Heim waren lieb», sagt Sämi heute. «Aber ich konnte nicht schlafen, weil ich immer an der Sache herumstudieren musste.»

«Die sollen mich in Ruhe lassen»
Sämi brauchte Geduld. Manch schlaflose Nacht ging vorüber. Sein Fall lag nun beim Regierungsstatthalter. «Ich sehe nichts, was mich berechtigen könnte, den Mann bevormunden zu lassen», begründet dieser seinen späteren Entscheid. Er habe sich mehrmals mit Sämi unterhalten, einen unangemeldeten Augenschein auf dem Hof vorgenommen und dabei festgestellt: «Es ist ein frauenloser Haushalt, aber die Zustände sind nicht unhaltbar. Und bei Sämi sehe ich keinerlei Anzeichen von Verwahrlosung oder Unzurechnungsfähigkeit.» Abgesehen davon sei es Sämis grösster Wunsch gewesen heimzukehren. «Ginge es ihm dort derart schlecht, hätte er das nicht gewollt.»

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So packte Sämi zu Beginn dieses Jahres seine Siebensachen und zog überglücklich heimwärts. Sein Beistand hat in der Zwischenzeit seine Aufgabe an den Nagel gehängt, der Streit um eine geeignete Nachfolge ist erneut entfacht. Und Sämis geschäftstüchtiger Meister ist nach wie vor überzeugt, dass der Knecht ein Kostgeld zahlen sollte – «weil ich sein Geld schützen will», wie er sagt. Und weil Sämi trotz allem mehr Aufmerksamkeit und Hilfe benötige als früher.

Zu dieser Aussage schweigt der Knecht. Er blickt auf seine Hände, krault seine Katze. «Hauptsache ist, dass ich wieder daheim bin. Da koste ich weniger.» Und arbeiten habe ihm noch nie etwas ausgemacht. Und wenns einmal nicht mehr gehen sollte mit ihm, könne er ja immer noch freiwillig ins Altersheim zügeln. «Aber einen Beistand oder einen Vormund brauche ich nicht. Die sollen mich damit in Ruhe lassen.»

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