An einem Dienstag im Dezember verschwindet Herbert Kowalski (Name geändert) plötzlich aus den Akten. «Infolge unbekannten Aufenthalts» wird er aus dem Einwohnerregister seines Wohnorts im Kanton St. Gallen herausgestrichen der in der Schweiz geborene polnische Staatsbürger und Vater einer siebenjährigen Tochter existiert von diesem Tag an offiziell nicht mehr. Sein Name findet sich fortan weder im Telefonbuch noch im Computer der Fremdenpolizei.Das war am 10. Dezember 1981. Monate zuvor hatte sein alter Lieferwagen den Geist aufgegeben. Für den Alteisenhändler Kowalski eine Katastrophe, denn ohne Lieferwagen kann er bei seinen Kunden in der Ostschweiz kein Eisen mehr einsammeln. Ohne Eisen aber fehlt der kleinen Familie das Einkommen.

Der Lieferwagen muss repariert werden, schleunigst. Eine Garage in der Umgebung führt die Arbeiten aus. Die Reparatur kostet ein paar hundert Franken zu viel für Kowalski, der immer etwas knapp bei Kasse ist. Um die Garagenrechnung zahlen zu können, braucht der Alteisenhändler aber seinen Wagen, und so kommt er auf eine Idee: Er hinterlegt bei der Garage seine Niederlassungsbewilligung als Pfand und verspricht, die Schulden innert ein paar Wochen zurückzuzahlen.

Doch das Geld lässt sich auch nach ein paar Monaten nicht auftreiben und so verstaubt Kowalskis Niederlassungsbewilligung langsam in einer Schublade im Büro der Garage.

Als die Erneuerung des Ausweises fällig wird, wagt Kowalski den Gang zur Behörde nicht. Er befürchtet Schwierigkeiten, wenn er ohne das Papier bei der Fremdenpolizei vorstellig wird. Der immer wieder gefasste Vorsatz, die Sache endlich in Ordnung zu bringen, bleibt uneingelöst.

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Aus allen Registern gelöscht

Am 10. Dezember wird Herbert Kowalski aus dem Einwohnerregister gestrichen. Der Alteisenhändler wird zum Mann ohne amtliche Identität. Es bleiben ein kaum noch lesbarer, nie mehr benutzter AHV-Ausweis und ein Führerschein, zuletzt erneuert im Jahr 1980. Auch der Pass des nie besuchten Heimatlands geht irgendwann verloren.

Gewöhnliche Einwohner dieses Landes erhalten einmal jährlich eine Pensionskassenabrechnung, dreimal im Jahr die Steuerrechnung, vierteljährlich Stromrechnungen und Bankbelege. Sie müssen ihre Kinder für die Schule einschreiben, Adressänderungen bekannt geben und sich ab und zu einen neuen Fahrzeugausweis besorgen. Wer in der Schweiz lebt, muss sich ausweisen, wenn er bei der Post ein eingeschriebenes Paket abholt oder ein Halbpreisabonnement kaufen will.

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Herbert Kowalski erhält weder Steuererklärungen noch Stromrechnungen. Er hat keine Krankenversicherung, bekommt keine Briefe und fährt nicht Zug. Kowalski hat auch kein Bankkonto und keine Pensionskasse. Als Ausländer muss er weder zur Inspektion antreten noch das «Obligatorische» schiessen. Kurz: Herbert Kowalski lebt spurlos. Selbst zwei Verkehrsbussen bleiben für ihn ohne Folgen. Für die Behörden ist er inexistent.

«Ich bin ein aufrechter Bürger», sagt Herbert Kowalski, «ich habe immer ehrlich gewirtschaftet.» Aber mit dem Gang zu den Ämtern sei es halt so eine Sache. «Sobald ich dort etwas zu besorgen habe, werde ich nervös.»

Was es an Administrativem zu erledigen gilt, besorgt seine Lebenspartnerin Maria Hartmann. Sie meldet die gemeinsame Tochter bei der Einwohnerkontrolle unter ihrem Namen an. Sie zahlt die Rechnungen und kümmert sich um die Fahrzeugausweise. Und auf sie lautet der Wohnwagen am Stadtrand von Zürich, in dem das unverheiratete Paar wohnt.

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In der Stammkneipe weiss kaum einer, wer Herbert Kowalski ist. Aber Herbert Hartmann kennt man. Und irgendwo in dessen Kopf schlummert die Absicht, «endlich alles in Ordnung zu bringen». Aber er habe halt den Gang zu den Behörden immer wieder vor sich her geschoben, sagt Herbert Kowalski, «und so ist die Zeit vergangen».

Dann, 17 Jahre nach seinem Verschwinden aus Akten und Registern, wird Kowalski zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft krank. Er muss zum Arzt, er braucht eine Krankenversicherung. «Da beschloss ich, alles zu legalisieren.» Kowalski trägt seinen Fall einer Anwältin vor. Diese sondiert bei der Zürcher Fremdenpolizei. Dort will man von der Sache jedoch nichts wissen und verweist an die St. Galler Behörden.

Die Fremdenpolizei wiegelt ab

Doch auch hier sind die Auskünfte mager. «Aufgrund einer noch vorhandenen Karteikarte können wir Ihnen lediglich mitteilen, dass sich Herr Kowalski Herbert am 1.6.1977 von Chur GR kommend beim Einwohneramt Altstätten SG gemeldet hat und vom 12.8.1980 bis 30.9.1981 in Rorschach wohnhaft war», heisst es in der Antwort. Ausserdem sei «für die Regelung des Anwesenheitsverhältnisses» der Kanton Zürich zuständig.

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In Zürich wiederum verlangt man eine Bestätigung aus St. Gallen, dass Kowalski überhaupt eine gültige Niederlassungsbewilligung besitzt. Doch die St. Galler behörden versuchen den Fall abzuschieben. «Die Niederlassungsbewilligung von Herrn Kowalski ist von Gesetzes wegen erloschen», droht die Fremdenpolizei und setzt Kowalski eine Frist. Er solle beweisen, dass er immer in der Schweiz gelebt habe.

Der Alteisenhändler sitzt plötzlich zwischen allen Stühlen. Zwar wissen die Behörden jetzt, dass es eine Person namens Herbert Kowalski gibt. Seine Existenz auf dem Papier muss er aber erst noch belegen. Und er kann nur hoffen, dass irgendein Kanton schliesslich ein Einsehen hat und ihn, der wegen seiner Krankheit nicht mehr selber für sich aufkommen kann, aufnimmt.

Die Anwältin lässt nicht locker, bietet Zeugen auf. Herbert Kowalskis Onkel, seine Lebenspartnerin Maria Hartmann und Tochter Isabelle bestätigen, dass er immer in der Schweiz gelebt hat. «Herbert Kowalski war nie auch nur einen Tag nicht einmal ferienhalber im Ausland, sondern immer mit mir zusammen», schreibt Maria Hartmann.

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Der Papierkrieg nimmt kein Ende

Die Zeugnisse wirken: Im Herbst 1999 teilt die Fremdenpolizei St. Gallen mit, «dass die Niederlassungsbewilligung von Herrn Kowalski nicht erloschen ist und nach wie vor Gültigkeit hat».

Mit diesem Beweis für seine amtliche Existenz ist Herbert Kowalskis Odyssee jedoch noch nicht zu Ende. Jetzt müssen die Zürcher Behörden entscheiden, ob er im Kanton Zürich eine Niederlassungsbewilligung erhält. Dafür aber braucht der Alteisenhändler einen gültigen polnischen Pass. Und da der alte Pass nirgends mehr zu finden ist, muss Herbert Kowalski jetzt auch noch den polnischen Behörden beweisen, dass er existiert und polnischer Bürger ist. Bloss: Herbert Kowalski spricht kein Wort Polnisch. «Zu Polen», sagt er, «habe ich etwa dasselbe Verhältnis wie zu Pakistan, nämlich überhaupt keines.»

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Nur wenn Kowalski einen polnischen Pass erhält, hat er eine Chance, eine Niederlassungsbewilligung in Zürich zu erhalten. Aber eigentlich, sinniert der wieder Aufgetauchte, «eigentlich bin ich ein Superschweizer.» Als Schulbub sei er einmal einen Tag in Chiavenna gewesen und einen Tag in Ulm. «Sonst habe ich immer in der Schweiz gelebt. Welcher Schweizer kann das schon von sich behaupten?»