Still legt sich die Dämmerung über Umiken AG, das 960-Seelen-Dorf an der Strasse zwischen Brugg und Frick. Die letzten Pendler brausen durchs Dorf heimwärts; das Postauto, das bei der Kirche hält, ist fast menschenleer. Durch die Gassen fegt ein steifer Wind, der die Einwohner in ihre Häuser treibt – oder in die einzige Wirtschaft, den Gasthof «Zum Löwen».

Dort trägt der Wirt seinen Stammgästen Pouletflügel und Flaschenbier auf. Dabei kommt er auf jenes Thema zu sprechen, das im Ort seit längerem für Gesprächsstoff sorgt. «Solange man nicht weiss, was der Pfarrer gemacht hat, ist das Ganze dummes Zeug», sagt er, ohne konkreter zu werden, denn er will sich «nicht ins Gerede bringen». Deutlicher wird man am Stammtisch: «Wenn er tatsächlich gegrapscht hat, sollen die Frauen hervortreten und klagen. Tun sie es nicht, ist wohl nichts dran an der ganzen Aufregung.»

«Hausbesetzung» für ein Jahr
Für Aufregung sorgt der Umiker Pfarrer seit November 1999. Damals sprach ihm der reformierte Kirchenrat im Rahmen eines Disziplinarverfahrens die fristlose Kündigung aus. Grund: Mehrere Frauen hatten der Kirchenpflege anvertraut, sie seien vom Pfarrer sexuell missbraucht worden.

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Der Beschuldigte wies die Vorwürfe zurück und setzte den Justizapparat in Bewegung, der sich heute noch mit dem Fall beschäftigt. Kürzlich hat das Bundesgericht festgehalten, dass der Beschwerde, die der Pfarrer in Lausanne eingereicht hatte, keine aufschiebende Wirkung zukomme. Somit sei die Kündigung wirksam, der Seelsorger müsse das Pfarrhaus räumen.

Dagegen hatte sich der Pfarrer konsequent zur Wehr gesetzt. Seit seiner fristlosen Entlassung verharrte er im Pfarrhaus und liess mehrere Räumungsfristen verstreichen. Nach über einem Jahr «Hausbesetzung» hat das Drama nun ein Ende gefunden. Der Prediger informierte die Kirchenbehörde, er werde «freiwillig ausziehen». In der Sache aber ist der Fall noch hängig – so lange, bis Lausanne abschliessend entschieden hat.

Langwieriger «Präzedenzfall»
Aber wie die Geschichte auch endet – fest steht jetzt schon, dass aus ihr nur Verlierer hervorgehen: Der Pfarrer ist inzwischen erkrankt; der 58-jährige Familienvater bezieht eine IV-Rente. Im Dorf richtet sich der Ärger über die Affäre zunehmend gegen die Opfer, die anonym geblieben sind; im «Löwen» zum Beispiel rätselt man, ob «diese Weiber» den Geistlichen nicht «verführt» hätten. Die Kirchenbehörde wiederum wurde teils scharf kritisiert, steht aber klar hinter den Opfern. Und aus Protest sind etliche Gläubige aus der Kirche ausgetreten.

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Dass es so weit kommen konnte – daran ist die Justiz nicht ganz unschuldig: Sie hat mit ihrer verwirrlichen Kompetenzteilung zwischen Kirche und Staat das Verfahren in die Länge gezogen. Tatsächlich ist die Ausgangslage verzwickt. Der Priester wird von der Kirche angestellt und wohnt – als Bestandteil des Lohns – im Pfarrhaus, untersteht also dem Kirchen-, nicht dem Mietrecht. Kommt es zu einer Entlassung, gilt die übliche Auszugsfrist von drei Monaten. Verweigert der Pfarrer den Auszug, kann nicht die Kirchgemeinde als Eigentümerin eine Räumung durchsetzen, sondern nur eine weltliche Behörde, etwa das Bezirksgericht. Das hat in Umiken zu einem langwierigen «Präzedenzfall» geführt.

Urs Oswald ist der Anwalt des Pfarrers. Er holt einen prall gefüllten Bundesordner hervor und zitiert aus den Protokollen. Von «Betasten von Bauch und Brust» ist in den Notizen die Rede, auch von «Fragen zum Sexleben». «Sehen Sie», sagt er, «völlig harmlos, nichts Handfestes.» Sein Mandant sei unschuldig; eher hätten ihm die Frauen Avancen gemacht.

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Oswald skizziert den Verlauf des Verfahrens. Nach der Kündigung erhob der Pfarrer bei der Rekurskommission der Kirche Einsprache. Im April 2000 wies die Kommission den Rekurs ab. Also wandte sich der Pfarrer an den Regierungsrat. Im September verneinte die Regierung das Begehren. Darauf gelangte der Pfarrer ans Verwaltungsgericht und reichte zugleich beim Bundesgericht eine staatsrechtliche Beschwerde ein.

Als das Verwaltungsgericht im November negativ entschied, doppelte der Pfarrer in Lausanne mit der Bitte um aufschiebende Wirkung nach. Denn eine weitere Frist zum Auszug aus dem Pfarrhaus rückte näher: der 8. Januar dieses Jahres. In seiner Eingabe verglich Jurist Oswald den Rauswurf des Pfarrers mit der weihnachtlichen Herbergesuche der Heiligen Familie, was im Dorf erneut für Empörung sorgte.

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Das Bundesgericht genehmigte die aufschiebende Wirkung superprovisorisch; die Weihnachtstage zogen ins Land, ohne dass der Pfarrer seine Schlüssel abgegeben hätte. Im Februar beurteilte Lausanne den Aufschub gegenteilig und bestätigte den Vollzug der Kündigung. Noch am selben Tag griff der Pfarrer zum Telefon: «Jetzt gehe ich», informierte er den Präsidenten der Kirchenpflege, Hans Urech. Als der Pfarrer tatsächlich verschwunden sei, habe er aufgeatmet, meint Urech. «Die Angelegenheit hat sich so lange hingezogen, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen mussten.» Damit spielt er auf die anvisierte polizeiliche Räumung an, hätte der Priester den Auszug weiter verweigert.

Angst vor der Blossstellung
«Menschlich ist der Fall eine Tragödie», fasst Urech die Ereignisse zusammen. Nach Gesprächen mit den Opfern sei für ihn ohne Zweifel klar: «Das waren gravierende sexuelle Vergehen.» Die Frauen hätten nur mit Mühe darüber sprechen können, litten noch immer unter den Vorfällen. Von Bagatellen, wie die Gegenpartei meine, könne keine Rede sein. «Es kam», sagt Urech, «zu beischlafähnlichen Handlungen.»

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Die Vorfälle seien in den Jahren 1996 bis 1999 passiert. Die Frauen hätten dem Pfarrer ausweichen wollen, er habe sie verfolgt. Dass keines der Opfer ein Strafverfahren einleiten wolle, habe plausible Gründe: «Wer will sich in einem kleinen Dorf schon derart exponieren?» Ein Disziplinarverfahren sei wirkungsvoller als das Strafrecht, weil es Verfehlungen eines Pfarrers in der Seelsorge schwerer gewichte.

Energisch verwehrt sich Urech gegen die Taktik des Anwalts, aus dem Täter ein Opfer zu machen. «Man will den Frauen die Schuld zuschieben. Dabei muss ein Seelsorger klar seine Grenzen kennen – zum eigenen Schutz und zum Schutz seines Gegenübers.» Erstaunt war der Kirchenpfleger zudem, als er erfuhr, dass sich der Pfarrer vor sieben Jahren ein Haus gekauft hatte, in das er sich immer öfter zurückzog. Jetzt sei er wohl dorthin gezogen, meint Urech erleichtert.

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Inzwischen ist in Umiken die Nacht hereingebrochen. Im schwach erleuchteten Pfarrhaus sieht man eine Putzfrau die Fenster reinigen. Auf dem Klingelschild steht noch der Name des Pfarrers. In der Kirche aber versucht man, sich der Wahrheit zu nähern. «Pfarrer: vakant», steht im Mitteilungskasten. Daneben heisst die Kirche eine neue Stellvertreterin willkommen, die sechste seit 1999. Die Gemeinde spendet ihr ein treffendes Grusswort: «Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.»