Der Mann nimmt Raum ein. Der gehört nicht zu den Schüchternen, der lässt sich nicht an die Wand drücken, das merkt man ihm gleich an. Er ist Mitte 30, mittelgross, etwas untersetzt, das Gesicht blass, der Blick durchdringend. Wenn man Markus Bopp* neben seinem Anwalt, einem jüngeren, zurückhaltenden Mann, stehen sieht, könnte man leicht auf die Idee kommen, der Anwalt sei der Angeklagte, der andere sein Verteidiger.

Markus Bopp steht wegen Nötigung und Drohung vor dem Obergericht. Seine schwarze Aktentasche ist um einiges dicker als die Mappe seines Anwalts, und er hat einen schweren Stapel Akten zu seinem Fall vor sich aufgebeigt. Sein Dialekt ist breit, die Stimme voll tönend, durchaus angenehm. Eine Stimme allerdings, die auch laut werden kann – sehr laut. Und dann lauter Grobheiten, ordinärste Ausdrücke und Beleidigungen sagt. Eine Stimme auch, die ihrem Gegenüber Angst machen kann. Vor allem wenn der Mann, wie er es gern tut, der anderen Person zu nahe kommt und ihr direkt ins Ohr brüllt.

Einer, der sich mit allen anlegt
Behörden, Beamte, Verwaltungen sind für Markus Bopp ein rotes Tuch. Verschiedene Vorkommnisse sind aktenkundig, die Palette ist breit. Ob mit einem Zöllner, einem Betreibungsbeamten, dem Türsteher einer Disco oder dem Stadtschreiber: Bopp legt sich mit allen an.

Vor vier Jahren stürzte er unangemeldet und ohne anzuklopfen ins Büro von Lene Sommer*, einer Sozialarbeiterin seiner Wohngemeinde, und schrie sie an. Ihrer mehrmaligen Aufforderung, er solle das Büro verlassen, kam er nicht nach, und als sie die Polizei anrufen wollte, riss er wütend den Telefonstecker heraus. Lene Sommer bekam Angst und floh aus dem Büro. Das Bezirksgericht hat diesen Vorfall als Nötigung qualifiziert.

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Noch schlimmer beschimpfte Bopp Lene Sommer sowie die Leiterin des Sozialamts im Stadthaus, weil sie nicht auf ein Anliegen von ihm eingingen. Anwesend war auch ein Polizist. Lene Sommer schilderte die Situation in der Einvernahme: «Herr Bopp hält einen gewissen Abstand nicht ein. Er macht Bewegungen so nahe am Körper, dass man das Gefühl hat, dass er im nächsten Augenblick total ausrasten könnte, dass er keine Kontrolle mehr über sich hat. Wenn er herumbrüllt, bricht seine Stimme, sein Kopf wird zündrot.»

Es blieb nicht beim Herumschreien. Bopp ergriff eine etwa einen Meter lange Eisenstange einer Bauabschrankung und fuchtelte wild damit herum. Dazu schrie er, er hätte Lust, alles kaputtzuschlagen. Die beiden Frauen hatten Angst, er würde nächstens auf sie losgehen.

Das Bezirksgericht hat in der Folge Markus Bopp zu 40 Tagen Gefängnis unbedingt verurteilt. Unbedingt unter anderem deshalb, weil er sich auch in der Untersuchung renitent benommen hatte und er in den Einvernahmen ausfällig geworden war.

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Und nun steht die Verhandlung vor Obergericht an. Die Befragung ist für den Gerichtsvorsitzenden keine leichte Aufgabe. Bopp, weit davon entfernt, präzise Fragen präzis zu beantworten, holt aus, kommentiert, kommt auf Dinge zu sprechen, die mit dem Prozess höchstens am Rand zu tun haben. Mehr als einmal rötet sich der Hals des Vorsitzenden, aber er behält die Fassung, wiederholt beharrlich seine Fragen, erhebt auch mal die Stimme, um den Angeklagten zu unterbrechen, der dann ebenfalls lauter wird. Ab und zu tippt Bopps Verteidiger seinem Mandanten beruhigend auf den Jackenärmel. Die Situation im Gerichtssaal eskaliert nicht, der Richter bekommt seine Antworten.

Markus Bopp hat eine Ausbildung als Landwirt, arbeitete als Bodenleger, absolvierte eine Handelsschule. Seit zwei Jahren ist er selbstständig in der Transportbranche. Er macht Stückguttransporte und fährt Zeitungen aus. Damit verdient er pro Monat ungefähr 1500 Franken. Er hat an die 50000 Franken Schulden.

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Geld vom Sozialamt habe er für sich selber noch nie bezogen, betont er. Aber das stehe so in den Akten, sagt der Richter. Bopp zuckt die Schultern: «Beamtenfehler.» Er sei daran, einen Kurierdienst aufzubauen. Überhaupt habe er zwei, drei Erfolg versprechende Projekte in der Schublade. Wenn er die verwirklicht habe, seien seine Schulden bis Ende Jahr weg, gibt er sich überzeugt. Schuld daran, dass er sie noch nicht realisiert hat, ist einzig seine Gerichtssache. Er müsse doch zuerst wissen, ob er die Gefängnisstrafe abzusitzen habe.

Neben der Arbeit engagiert sich Markus Bopp sozial, «ungefähr zu 30 Prozent meiner Zeit». Er hat seit einigen Jahren einen inzwischen volljährigen Pflegesohn, der bei ihm lebt, und kümmert sich auch um dessen Bruder. In den letzten vier Jahren habe er ungefähr ein Dutzend Jugendliche kürzer oder länger bei sich beherbergt, erklärt er. Vor allem für sie streitet er sich mit dem Sozialamt und anderen Behörden herum. Er habe nun vor, sagt er, in einer Gemeinde am Sonntag das Jugendhaus zu öffnen und zu betreuen – «gratis, weil die ja kein Geld haben».

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Der Richter kommt auf den Vorfall im Stadthaus zu sprechen, den das Bezirksgericht als Drohung qualifiziert hat. Nein, diesen Schuldspruch mag Markus Bopp nicht anerkennen. «Ich habe nur ausgerufen, wie man halt ausruft, wenn man ‹verruckt› ist», spielt er sein Benehmen herunter. Der Szene mit der Eisenstange versucht er nachträglich eine amüsante Seite abzugewinnen: «Ich habe damit so shakespeare-mässig herumgefuchtelt.»

Persönlichkeit voller Widersprüche
Dass die beiden Sozialarbeiterinnen dies nicht als Theater empfanden, will ihm nicht einleuchten: «Der Polizist hatte schliesslich auch keine Angst. Und wir haben seit den siebziger Jahren die Gleichberechtigung. Also warum sollten die Frauen Angst gehabt haben?»

Diese Logik bezeichnet der Richter als zynisch. Bopps Angebot, vorzuspielen, wie er herumgefuchtelt habe, beantwortet er mit einem knappen «Lieber nicht».

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Dass er gedroht habe, alles kaputtzuschlagen, stimme nicht, fährt Bopp fort. Ihm sei es nur um den Lift gegangen, habe doch die Gemeinde einen neuen, gläsernen Lift eingebaut. «Dabei hätte es der alte noch lange getan.» Und überhaupt, regt er sich auf, wozu brauche es in einem Stadthaus einen Lift? Man hätte dieses Geld gescheiter für Soziales ausgegeben.

Das Soziale liegt ihm am Herzen. Dafür geht er auf die Barrikaden, auch wenn sein Verhalten dadurch zutiefst asozial wird. Markus Bopp ist eine Persönlichkeit voller Widersprüche: einerseits ein Querulant, dem der Respekt vor anderen abgeht, und anderseits ein sozial Engagierter, der sich mit Ausdauer benachteiligter Jugendlicher annimmt. Er wirkt dominant, weiss sich zu wehren, steht aber dennoch nicht auf der Gewinnerseite des Lebens.

Der Verteidiger beantragt, seinen Mandanten lediglich mit einer Busse zu bestrafen: «Eine Gefängnisstrafe für einen Wutanfall ist unverhältnismässig.» Das Richtergremium bestätigt die 40 Tage Gefängnis, erlässt sie Bopp aber bedingt bei einer dreijährigen Probezeit.

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* Namen geändert