Der erste Eindruck täuscht: Heinrich Schwab*, Bauer in einer 300-SeelenGemeinde im Thurgau, wirkt zurückhaltend, schon fast etwas schüchtern. Stockend beginnt er seine Geschichte zu erzählen. Einmal in Fahrt, kommen die Emotionen hoch. Dann neigt er den Oberkörper nach vorn, und seine Stimme gewinnt an Schärfe: «Die wollen uns kaputtmachen.» Ehefrau Monika, resoluter und zupackender in ihrer Art, nickt. Und ordnet den Berg von Akten auf dem Stubentisch, den sie bereitgelegt hat.

Schwabs sind nicht einfach irgendjemand im Dorf: Heinrich Schwabs Grossvater und Vater amteten nacheinander als Ortsvorsteher im Bauerndorf. Von 1911 bis 1975 hatte der Schwab-Clan das Sagen. Und wie das halt so ist in Ortschaften, wo jeder jeden kennt, schaffen sich einflussreiche Familien nicht nur Freunde.

Der Bauer reizt die Ortsbürger
So war es auch hier. Nach dem Rücktritt seines Vaters bekam Heinrich Schwab die Wut von manchen Nachbarn zu spüren – Sippenhaftung ist auch im Thurgau kein Fremdwort. Der kürzlich verstorbene Dorfkäser Ueli Knecht hatte ebenfalls die eine oder andere offene Rechnung zu begleichen. Und Heinrich Schwab ahnte Böses, als die Ortsbürger Knecht zu ihrem Vorsteher wählten.

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Schon bald kam es zu ersten Gehässigkeiten. Wer wen provozierte, lässt sich heute nicht mehr schlüssig sagen. Aktenkundig sind Fusstritte des Käsers gegen Schwab, als dieser wegen Unregelmässigkeiten bei der Milchablieferung unverblümt lästerte. Knecht wurde nach langem Hin und Her vom Statthalter zu einer Busse von ein paar hundert Franken verdonnert.

Lange Zeit schwelte das Feuer. So richtig Zündstoff gabs dann Ende der achtziger Jahre, als Familie Schwabs Aussiedlung anstand: Am Dorfrand sollte ihr neuer Hof entstehen. Bauherr, Ortsgemeinde, Meliorationsbehörde und das kantonale Raumplanungsamt feilschten jahrelang um einen Platz für den Neubau. «Der geplante Standort ist zu exponiert auf einer Anhöhe», schrieb Ortsvorsteher Knecht und verlangte eine Umplatzierung. Heinrich Schwab empfand das als reine Schikane.

Wenn er heute davon berichtet, wird sofort klar: Der Ärger von damals ist alles andere als abgeklungen. Seinerzeit schaltete Schwab einen Anwalt ein und machte seinem Unmut deutlich Luft. Jedenfalls reklamierte der Ortsvorsteher 1991 bei Schwabs Rechtsbeistand: «Ihr Mandant hat sich – vor Zeugen – Verschiedenes zuschulden kommen lassen: Angriff gegen eine Amtsperson, Ehrverletzung, Unterstellung von Amtsmissbrauch.»

Danach schien sich allerdings ein Waffenstillstand anzubahnen: Die Aussiedlung der Familie Schwab wurde offiziell abgesegnet und eines ihrer Landstücke im neuen Zonenplan in zwei Etappen der Bauzone zugeteilt. Dieser Entscheid war für Schwabs deshalb wichtig, weil sie vorhatten, mit dem Verkauf des Baulands ihre Aussiedlung zu finanzieren.

Die dörfliche Eintracht währte nicht lange. Am letzten Tag der Planauflage reizte Schwab die Ortsgemeinde mit einer Einsprache: Er verlangte etwa, die Etappierung seines Baulands sei aufzuheben, und er opponierte gegen die vorgesehene Umzonung von Knechts Grundstücken.

Der Käser greift in die Trickkiste
Im September 1994 kam es zum Eklat: Zuerst schmetterte die Ortsbehörde die Anträge Schwabs mit einer Ausnahme ab. Dabei stimmte Ortsvorsteher Knecht ungeniert auch bei jenen Anträgen mit, die sein eigenes Land betrafen. Entsprechend fiel Heinrich und Monika Schwabs Reaktion aus: Sie kochten vor Wut.

An der Ortsbürgerversammlung drei Wochen später ging es ebenfalls hoch zu und her. Ein Bürger stellte den Antrag, Schwabs Grundstück aus der Zonenplanung auszuklammern. Es gehe nicht an, dass einer dauernd Einsprachen mache und dafür auch noch mit viel Bauland belohnt werde. Die Bürgerinnen und Bürger stimmten mehrheitlich zu.

Monika Schwab schritt daraufhin empört ans Rednerpult und erklärte der versammelten Ortsbürgerschaft, dass dem neuen Zonenplan nur in jener Version zugestimmt werden könne, in der er aufgelegen sei. Im andern Fall müsse das ganze Prozedere nochmals von vorn beginnen. Die Verwirrung war total – was nun galt, war vielen nicht mehr klar. Schliesslich rangen sich die Ortsbürger dazu durch, den neuen Zonenplan anzunehmen – und Schwabs verliessen frohlockend die Versammlung in der Annahme, dass ihre Parzelle nun endlich Bauland sei.

Doch die Freude war von kurzer Dauer. Denn Ortsvorsteher Knecht schickte ans zuständige Departement für Bau und Umwelt (DBU) einen Zonenplan der besonderen Art: Er liess das DBU im Glauben, der offiziell aufgelegte Zonenplan sei von den Ortsbürgern genehmigt worden, deckte jedoch Schwabs Grundstück im Plan ab – und wies es so der Landwirtschaftszone zu. Vom ganzen Streit stand im beigelegten Versammlungsprotokoll kein Wort. Diese Informationen wurden erst ein halbes Jahr später eingefügt.

Damit ging der Vorhang auf zum nächsten Akt. Schwabs setzten alle juristischen Hebel in Bewegung. Vorerst mit Erfolg: Das DBU gab den Bauersleuten in mehreren Punkten Recht und spielte den Ball der Gemeinde zurück: Das Einspracheverfahren sei zu wiederholen, befand das Departement. Offen blieb, ob auch das Zonenplanverfahren zu wiederholen sei.

Schwabs witterten Morgenluft und gingen aufs Ganze: Sie verlangten vor Verwaltungsgericht eine Uberarbeitung und erneute Auflage des Zonenplans. Gleichzeitig erhob das Ehepaar gegen die Dorfbehörde Klage wegen Urkundenfälschung und Betrug. Damit war das nachbarschaftliche Klima auf dem Gefrierpunkt.

Bis heute nicht verarbeitet ist ein Vorfall aus jener Zeit, der eine der Schwab-Töchter betraf. Sie verunfallte aus nicht geklärten Gründen mit dem Velo auf einem Feldweg. «Ihr geschwollenes, aufgeschürftes Gesicht sehe ich heute noch vor mir», sagt der Vater mit bebender Stimme. Er hegt den schlimmen Verdacht, dass da jemand nachgeholfen hat. Beweise kann Schwab aber keine vorbringen.

Die Prozesse kosten ein Vermögen
Auf rechtlicher Ebene wurden damals zudem neue Fallstricke gelegt: Als Schwab auf drei Hektaren Land als zusätzliche Einnahmequelle Hanf anzubauen begann, reagierte Dorfvorsteher Knecht prompt mit einer Klage wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz. Heinrich Schwab handelte sich eine Verurteilung ein.

Auch bei der Auseinandersetzung um den Zonenplan war die Glückssträhne von Heinrich und Monika Schwab vorbei. Vor Verwaltungsgericht zog das Ehepaar den Kürzeren. Und das Bundesgericht trat auf den Fall schon gar nicht ein. Zuerst müsse die Gemeinde ihren Einspracheentscheid fällen, lautete der Bescheid aus Lausanne. Das ist inzwischen geschehen: Von der 7670 Quadratmeter grossen Schwab-Parzelle wurde nur gut die Hälfte als Bauland ausgewiesen. Der Rest ist so genanntes Richtplangebiet und kann vorläufig nicht überbaut werden.

Für Schwabs ist das unannehmbar: «Wir sind auf das gesamte Bauland angewiesen. Sonst nehmen wir das finanzielle Risiko einer Aussiedlung nicht auf uns.» Die ganze Planerei und Prozessiererei habe sie bis heute schon weit über 200000 Franken gekostet, fügen sie verärgert an. Und ein Ende des Streits ist nicht in Sicht.

Vor Verwaltungsgericht sind zwei Rekurse hängig. Erst kürzlich erfolgte wieder ein richterlicher Augenschein, und Repliken und Dupliken gibts dazu im Multipack. Klein beigeben wollen die Schwabs nicht: «Wir gehen notfalls erneut bis vor Bundesgericht.»

Die Prozessunterlagen füllen mittlerweile ein halbes Zimmer. Die Baupläne für die Aussiedlung ruhen in einer Schublade. Heinrich und Monika Schwab haben auf ihrem Hof inzwischen Reitpferde in Pension; Kühe besitzen sie schon lange keine mehr. Auch das hat einen triftigen Grund: Um Erzfeind Ueli Knecht keine Milch mehr in die Käserei liefern zu müssen, verpachteten sie vor Jahren ihr Milchkontingent an einen ortsfremden Bauern.