Gerichtssaal in Lenzburg AG. Ein Landschaftsgemälde in düsteren Farben hängt hinter den fünf Richterinnen und Richtern. Neben der Anklagebank prangt ein weiteres Gemälde, das eine junge Frau in Aargauer Tracht zeigt. Von nah betrachtet, birgt das Heile-Welt-Bild eine Uberraschung: Das Mädchen in Öl wirkt zerknirscht und abgelöscht.

Es steht dem Betrachter frei, Botschaften aus den Bildern herauszulesen. Etwa, dass vom Richterstuhl Unheil drohe und der Angeklagte gut daran täte, in biederer Kleidung zu erscheinen und aus Reue ob der verübten Untaten eine zerknirschte Miene zur Schau zu tragen.

Das sind natürlich Spekulationen, und die beiden Angeklagten haben keinen Blick für die Kunst. Es geht um ihr Schicksal. Der 39-jährige Kurt R. wirkt angespannt. Die lässige Haltung, die er noch im Warteraum zur Schau getragen hat, ist verschwunden. Er fährt sich nervös durch seine langen Haare. Seine nackten Unterarme zeigen keine Narben.

Die Spuren, die das Leben hinterliess, liegen tiefer. Der Vater trank regelmässig und zu viel, und die Mutter tat es ihm oft nach. Irgendwann rutschte der Sohn ins Drogenmilieu ab und blieb 13 Jahre darin hängen. Äusserlich blieb nichts zurück. Vielleicht auch, weil er bis 1997 stets gearbeitet hat. Sein Chef, sagt Kurt R., habe halt oft beide Augen zugedrückt.

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Der zweite Angeklagte, August P., 26-jährig, verrät dagegen keine Spur von Nervosität. Betont locker – etwas zu cool, wie sich am Schluss herausstellen sollte – steht er mit schlaksiger Figur vor den Schranken des Gerichts wie vor dem Tresen einer In-Bar.

Die beiden haben nur sporadisch zusammengearbeitet. Entscheidend war, dass Kurt R. das Geschäft von August P. übernommen hatte, als diesem der Boden zu heiss wurde. August P. hatte nämlich in der Region Lenzburg die Funktion eines Feinverteilers inne: Zehn bis zwanzig Männer und Frauen versorgte er mit Heroin. Dieser «Kundenstamm» sei dann, wie der Verteidiger in korrekter Handelssprache ausführt, an Kurt R. übergegangen.

Zehn Gramm pro Tag verkauft
Schwer arbeiten musste Kurt R. dabei nicht. Bis elf Uhr morgens pflegte er zu schlafen. Dann telefonierte er seinem Lieferanten Leo nach Zürich und vereinbarte einen Termin. Im Zug fuhr er nach Zürich, traf Leo beim Bahnhof Stadelhofen und kehrte mit zehn Gramm Heroin wieder nach Lenzburg zurück. Auf der Heimreise telefonierte er bereits mit seinen Abnehmern. Ohne Handy kein Deal. Als Tatwerkzeug sollte es denn auch eingezogen werden.

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Nach der Ankunft in Lenzburg dauerte es jeweils noch rund zwei Stunden, bis er das Heroin an den Mann oder an die Frau brachte. Das Gramm ging für 80 bis 100 Franken; beim Einkauf zahlte er die Hälfte. 100 Prozent Gewinn sind branchenüblich. Um 19 Uhr war Arbeitsende, Restaurantbesuch mit Nachtessen, anschliessend Fernsehen, Nachtruhe um ein Uhr früh.

Wann er sich seine eigenen Schüsse setzte, schildert Kurt R. den Richtern nicht – obwohl sich sein ganzes Leben darum drehte. Er konsumierte normalerweise zwei bis drei Gramm Heroin, wenns die Finanzen erlaubten auch vier Gramm – für Normalbürger eine tödliche Dosis. Ab und zu kam noch etwas Kokain dazu. «Es war völlig sinnlos», sagt er aus, «ich steigerte den Konsum ständig, und die Wirkung des Stoffs wurde stets geringer. Ich war unfähig, allein den Ausstieg zu schaffen. Versucht hab ichs mehrmals.» Letztlich sei er froh, dass ihn die Justiz aus dem Drogensumpf gezogen habe.

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Allerdings: Vier bedingte Vorstrafen hatten nichts bewirkt. Die «Warnstrafen», wie sie die Gerichtspräsidentin nannte, standen alle im Zusammenhang mit seiner Drogensucht – auch wenns offiziell um Eigentumsdelikte und Vernachlässigung der Unterstützungspflicht ging. «Ich hätte mir bei den "Bedingten" Gedanken machen sollen», bekennt er, «aber wenn man abhängig ist, macht man sich keine Gedanken.»

Die Notwendigkeit des Ausstiegs sah er wohl. Denn gern hätte er den Kontakt mit seinen drei Kindern aufrechterhalten. Und er wusste, dass seine Exfrau sie keinem Drögeler anvertrauen wollte.

Der eine bekommt eine Chance
Jetzt ist Kurt R. seit einem Jahr «clean», wie er selbst erklärt. In einer Therapiestation hat er den Entzug geschafft und damit auch den vorzeitigen Massnahmenvollzug angetreten.

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Diese vorzeitige Massnahme wertet sein Verteidiger denn auch als Zeichen, dass Kurt R. seinem Leben nun eine Wendung geben wolle. Er sei auf dem richtigen Weg. Im Ubrigen sei seine kriminelle Energie gering; er habe keine Neueinsteiger, sondern Gewohnheitskonsumenten beliefert. Von einem «skrupellosen Händler», wie ihn der Staatsanwalt nenne, könne deshalb keine Rede sein. Die Menge von 550 bis 600 Gramm, von der die Anklage ausgeht, sei irreführend, weil der Stoff wie üblich gestreckt war. Die wahre Menge liege bei der Hälfte oder einem Drittel.

Zweieinhalb Jahre Zuchthaus, umgewandelt in eine stationäre Therapie, seien angemessen. Auf den Einzug des Gewinns von 15'000 Franken sei zu verzichten, findet der Anwalt, weil Kurt R. mit 100'000 Franken komplett überschuldet sei.

Diese Argumentation verfängt beim Gericht. Es brummt Kurt R. schliesslich zwei Jahre und neun Monate Zuchthaus auf, wandelt die Strafe aber – wie vom Verteidiger beantragt – in eine stationäre Massnahme um. 15'000 Franken Gewinn aus dem Drogenhandel muss der Verurteilte aber den Geschädigten zurückzahlen. Man wird wohl darauf warten müssen.

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Weniger Milde findet der lockere August P. Auch seine Verteidigerin hebt zwar die missliche Situation hervor, in die der Angeklagte mit noch nicht zwanzig Jahren hineingeraten war. Seine Eltern hatten sich nach Spanien abgesetzt, um sich nicht mehr um den Sohn kümmern zu müssen. Darauf geriet er unter den Einfluss seines älteren Bruders und beging mit ihm bandenmässigen Diebstahl. Die beiden brachen Autos auf. Wenn die Beute auch klein war, so war der Sachschaden gross.

Auch August P. beeindruckten weder Vorstrafen noch Untersuchungshaft. Kaum war er wieder auf freiem Fuss, begann er wieder zu dealen.

Doch die Verteidigungsrede überzeugt nicht. Als besonders verwerflich bezeichnet es der Staatsanwalt, dass August P. seinen Kollegen Kurt R. ins Rauschgiftgeschäft eingeführt habe. Er betont zwar, dass er im Gefängnis eine Entzugstherapie gemacht habe. Doch diese beschränkte sich auf ein Gespräch mit einem Therapeuten alle zwei Wochen. Der Staatsanwalt schloss daraus, dass eine stationäre Therapie anstelle einer Gefängnisstrafe sinnlos sei – der Angeklagte sei dafür nicht motiviert.

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Einen Fehler beging der Angeklagte während der Verhandlungen. Gewinnstreben, so erklärte er, sei nicht sein Motiv beim Dealen gewesen. Er habe vielmehr seinen Eigenkonsum finanzieren müssen. Ob er denn keine andere Möglichkeit gesehen habe, will die Vorsitzende wissen. «Klar, ein Banküberfall oder Betteln», erklärte der coole Angeklagte locker vom Hocker und grinst über das ganze Gesicht. Das hätte er besser nicht gesagt.

Aus dieser Bemerkung gehe hervor, dass der Angeklagte die Situation überhaupt nicht begriffen habe, wird in der kurzen Urteilsbegründung ausgeführt. Die Umwandlung in eine Massnahme schliesst das Gericht deshalb aus.

Der andere muss ins Gefängnis
August P. muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Dazu muss er noch eine bedingte frühere Gefängnisstrafe von 13 Monaten absitzen. Zwar war die Menge des gehandelten Heroins etwas geringer als bei Kurt R., doch kam noch der Handel mit anderthalb Kilo Haschisch dazu. Strafverschärfend wirkte sich auch der banden- und gewerbsmässige Diebstahl aus.

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Sitzungsschluss. Die Verurteilten verlassen den Saal. Kurt R. geht in seine Therapiestation zurück. August P. verlässt mit einem Polizisten das Gerichtsgebäude. Die Schnute der Aargauer Trachtenjungfrau beachtet er mit keinem Blick. Schade. Vielleicht hätte ihm die Ubernahme der zerknirschten Miene, verbunden mit weniger vorlauten Äusserungen, ein bis zwei Monate Gefängnis erspart.