Perücken, Pelzmäntel, neue Reitstiefel, ein Karton mit Fotos und Briefen, ein Notizbuch und ein schlichter Grabstein auf dem Friedhof von Schlattingen TG mit zwei Katzen als Motiv: Das ist alles, was von der 50-jährigen Anita F. nach ihrem Tod geblieben ist. Ihre Liegenschaft wurde verkauft. Der Erlös, zwischen 60'000 und 100'000 Franken, wird in einen Fonds für herrenlose Katzen fliessen.

So hat es Anita F. eigenhändig verfügt; in ihrem Testament vom 6. Januar 1998 setzte sie den kantonalen Tierschutzverein als Haupterben ein. Mit dem Zusatz: «Für einen Grabstein und den Grabunterhalt ist ein angemessener Betrag auszuscheiden. Allfällige pflichtteilsberechtigte Erben sind in bar abzufinden.»

Die Fotos im Karton zeigen eine gepflegte Frau, die direkt aus einer Sekretärinnenwerbung der späten siebziger Jahre stammen könnte. Auf einem Bild hält sie ein Pferd zärtlich am Halfter, Tier und Mensch scheinen sich sehr nahe zu sein. Was für ein Kontrast zu den Aufnahmen, die nach dem tragischen Ende der Frau im Wohnhaus gemacht wurden: überall Essensreste, schmutziges Geschirr selbst in der Badewanne – Anita F. war mit 50 vereinsamt und verwahrlost.

Dabei hat sie knapp vor ihrem Tod noch versucht, eine Wende in ihrem Leben herbeizuführen. In der «Tierwelt» gab sie ein Kontaktinserat auf: «Suche freundlichen Anschluss.» Die Antworten, vor allem von Männern weit über 60 mit zittriger Schrift und sehr unterschiedlichen Erwartungen, liegen noch im Karton.

Als Anita F. vor Jahren ins kleine Dorf Schlattingen zog, ein Haus mit 1600 Quadratmeter Umschwung kaufte und einen Pferdestall errichtete, war der Dorfklatsch programmiert. Zumal sich die junge Frau ihr Geld dafür als Edelprostituierte in Bern verdient haben soll. Es gibt wilde Spekulationen darüber, wer alles zu ihren Kunden gezählt hat. Von den Leuten, deren Telefonnummern in ihrem Notizbuch stehen, will heute keiner reden. Einige legen den Hörer sehr rasch wieder auf.

«Vermutlich ist der Rucksack von Frau F. zu schwer gewesen», heisst es in einem Brief des Sozialarbeiters und Kirchenpräsidenten der katholischen Pfarrei im Ort. Er hat sich nach eigenen Angaben von 1997 an um Anita F. gekümmert. Im öffentlichen Inventar wird seine Betreuung mit 3150 Franken in Rechnung gestellt.

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Am 1. November 1999 wollte der Sozialarbeiter der Frau das Altersheim in Berlingen TG zeigen. Ziel sei gewesen, ihr für später einen Platz zu sichern. Zudem hätte sie ihren Hund mitnehmen können.

Dazu kam es nicht mehr. Tags zuvor hatte sie das Velo am nahen Bahndamm abgestellt, ihren Schäferhund daran festgebunden und sich laut polizeilichen Erkenntnissen auf das Geleise gelegt. Einen Plastikbeutel mit ihren zum Teil blutverschmierten Wertsachen fand man später im Flur ihres Hauses. Niemand weiss, wie er dorthin gekommen ist.

Knapp einen Monat nach der Selbsttötung erfolgte vom zuständigen Notariat Diessenhofen TG die «Einladung zur Eröffnung einer Verfügung von Todes wegen». Von den im Testament aufgeführten Erben war nur der Thurgauische Tierschutzverband durch seinen Präsidenten Reinhold Zepf vertreten. Die Mutter und die Schwester der Toten als gesetzliche Erben verzichteten; die familiären Bande waren schon seit Jahren nicht mehr intakt. Reinhold Zepf tat, was man in einer solchen Situation immer tun sollte: Er verlangte das öffentliche Inventar. Erst so wird klar, ob das Erbe überschuldet ist.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Dem Präsidenten des Bezirksgerichts Diessenhofen, Bruno Nater, kamen auf einmal Zweifel, ob tatsächlich der Thurgauische Tierschutzverband (TTSV) als Erbe gemeint sei. Seine Begründung: Weder im Twixtel noch bei der Swisscom sei ein entsprechender Eintrag zu finden. Zudem sei der TTSV nicht Mitglied beim Schweizerischen Tierschutz (STS). Tatsächlich hat sich der TTSV mit insgesamt sechs Thurgauer Sektionen vor längerer Zeit vom STS getrennt, ist aber nach wie vor der einzige kantonale Tierschutzverein.

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Bruno Nater trieb das Verfahren rasch voran. Bereits Anfang Dezember verfügte er über den Nachlass von Anita F. die konkursamtliche Liquidation. Mutter und Schwester hatten als gesetzliche Erben den Nachlass ausgeschlagen.

Damit war der TTSV in einer verzwickten Lage: Lieber auf das Erbe verzichten oder das Risiko eingehen und im wahrsten Sinn des Wortes die Katze im Sack kaufen? Was in einer Konkursmasse ist, wird meist unter Wert verschachert. Hätte der TTSV das Erbe nicht angetreten und wäre am Ende etwas übrig geblieben, hätten die gesetzlichen Erben das Geld bekommen – trotz ihrem Verzicht und entgegen dem letzten Willen der Verstorbenen.

Wohl oder übel musste sich Reinhold Zepf einen Anwalt nehmen. Und der tat seinen Job gut. Er pochte auf einen Passus im Gesetz, wonach eine konkursamtliche Liquidation erst angeordnet werden darf, wenn keiner der Erben die Erbschaft antritt. Der TTSV hatte den Nachlass ja nicht ausgeschlagen, sondern zuvor das öffentliche Inventar verlangt.

Bruno Nater zeigte sich unbeeindruckt und lehnte den Erlass eines anfechtbaren Entscheids ab. Mit der Bemerkung, er sehe sich «nicht veranlasst, Verfügungen zu schreiben, wo es keine zu schreiben gibt». Dagegen rekurierte der TTSV beim Thurgauer Obergericht und erhob gleichzeitig eine Aufsichtsbeschwerde wegen Rechtsverweigerung.

Nater liess nicht locker und reichte ein Schreiben des Konkursamts ein, wonach das Konkursverfahren «voraussichtlich mangels Aktiven» sowieso eingestellt werde. Der TTSV konterte mit einer Schätzung der Thurgauer Kantonalbank, die einen Aktivenüberschuss von über 80'000 Franken ergab.

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Umbettung in ein eigenes Grab
Das Duell vor Obergericht endete mit einer doppelten Schlappe für den Gerichtspräsidenten von Diessenhofen: Sowohl der Rekurs gegen die konkursamtliche Liquidation als auch die Aufsichtsbeschwerde wurden geschützt. Nater musste das öffentliche Inventar anordnen. Unter dem Strich blieben 60'000 bis 100'000 Franken übrig, und der TTSV trat sein Erbe an.

Was den kämpferischen Reinhold Zepf dabei ärgert: «Obwohl wir auf der ganzen Linie gewonnen haben, erhielten wir lediglich eine Parteientschädigung in der Höhe von 800 Franken. Unsere Anwaltskosten betragen indes 7000 Franken.»

Eine weitere Überraschung erlebte der TTSV auf dem Friedhof von Schlattingen. Es fand sich nämlich kein Grabstein mit dem Namen von Anita F. Wie sich herausstellte, war ihre Urne laut Friedhofvorsteheramt «auf Wunsch der Angehörigen in aller Würde» im Grab der Ungenannten beigesetzt worden.

TTSV-Präsident Zepf mag jedoch keine halben Sachen und ersuchte Ende letzten Jahres um eine Urnenversetzung in ein eigenes Grab – so wie Anita F. es in ihrem Testament festgelegt hatte. Vor wenigen Wochen war es schliesslich so weit, und die Urne wurde umgebettet.

«Der TTSV ist für eine schickliche Grabbepflanzung beziehungsweise für den Grabunterhalt während der ordentlichen Grabesruhe verantwortlich», steht in der Verfügung des Gemeinderats von Schlattingen.