Die Kassierin bemerkte den Schwindel erst, als die Frau sich schon aus dem Staub gemacht hatte: Die 37-jährige Sonja S.* hatte ihre Lebensmitteleinkäufe in einer Ostschweizer Migros-Filiale mit einer gefälschten Hunderternote bezahlt. Weil die Kundin aber mit der Cumulus-Karte gepunktet hatte, konnte ihre Identität schnell ermittelt werden. Noch am selben Tag nahm die Polizei die Hausfrau im Appenzellerland fest, wo sie zusammen mit Maya K.*, einer allein erziehenden Mutter von vier Kindern, und ihrer eigenen Tochter in einem alten Bauernhaus wohnte.

«Ich bin froh, dass man mich erwischt hat»: Vor dem Thurgauer Obergericht gibt sich Sonja S. reuig. Ihr Bekannter Franz M.* habe sie gezwungen, die Blüten in Umlauf zu bringen. Andernfalls, so habe er gedroht, würde er ihrer Tochter etwas antun. Er sei sogar zu ihr nach Hause gekommen und handgreiflich geworden, als sie sich weigerte, die Blüten entgegenzunehmen. Schliesslich willigte die Verängstigte ein.

Sollte der Betrug auffliegen, müsse sie alles ihrer Mitbewohnerin Maya in die Schuhe schieben, habe Franz M. ihr eingetrichtert. Und das hat Sonja S. in der Untersuchungshaft dann auch getan – trotz Gewissensbissen ihrer damaligen Freundin gegenüber und nachdem sie der Polizei bereits eine andere Lügengeschichte aufgetischt hatte.

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Blüten aus dem Farblaserkopierer
Auch Versicherungskaufmann Franz M. hat bei polizeilichen Einvernahmen Maya K. als Drahtzieherin bezeichnet. Seine Version der Falschgeldaffäre deckt sich mit jener von Sonja S.: Zusammen mit Franz druckte Maya in ihrer Wohnung auf dem PC erste, noch untaugliche Fälschungen. Mehr Erfolg hatten die beiden erst, als der Geschäftsmann für 10000 Franken einen Farblaserkopierer kaufte. Mit dessen Hilfe gelang es ihnen, verblüffend echte Hunderternoten herzustellen, die Sonja unter die Leute bringen sollte. Insgesamt 17 Blüten wechselten den Besitzer. Das einkassierte Geld ging an Maya.

Abhängig von der Mitbewohnerin
Sonja S. hat ihr Leben noch nie im Griff gehabt. Unfähig, eine Lehre zu machen, verdiente sie sich ihren Unterhalt als Serviertochter oder als Küchenhilfe. Vor zehn Jahren wurde sie von ihrem damaligen Freund schwanger. Weil dieser seine Vaterschaft nicht anerkennen wollte, ging sie vor Gericht, erhielt aber trotzdem kein Geld. Während der neunziger Jahre wurde sie arbeitslos, so dass sie froh war, bei Maya K. unterzukommen. Obwohl sie im Haushalt arbeitete, musste sie monatlich 1000 Franken für Kost und Logis bezahlen.

Sonja S. ist vorbestraft. Ein St. Galler Bezirksamt hat sie vor zwei Jahren wegen Zechprellerei zu einer zweimonatigen bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Die Vormundschaftsbehörde drohte ihr damals, ihre Tochter fremdzuplatzieren, falls sie nicht besser zu ihr schaue.

Mit ihrer Gutgläubigkeit und ihrer Naivität geriet Sonja immer wieder an Leute, denen sie besser aus dem Weg gegangen wäre. So war es mit dem 53-jährigen Franz, der nicht nur im Versicherungswesen, sondern auch im Rotlichtmilieu tätig war. Und so war es mit Maya: Sonja fühlte sich total abhängig von ihrer neun Jahre älteren Mitbewohnerin, weil diese ihr und ihrer Tochter eine Ersatzfamilie bot.

Für Sonja S. ging die Geldfälschungsgeschichte bisher glimpflich aus. Sie wurde vom Bezirksgericht Kreuzlingen, der ersten Instanz, wegen Inumlaufsetzens von Falschgeld zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die Richter sprachen eine bedingte Strafe aus, weil sie Sonjas Anstrengungen, das Leben in den Griff zu bekommen, nicht gefährden wollten. Franz M. war untergetaucht und auch nicht zur Gerichtsverhandlung erschienen. Das Bezirksgericht verurteilte ihn zu acht Monaten Gefängnis bedingt.

Maya K. erhielt neun Monate Gefängnis bedingt. Für die Richter war sie die Drahtzieherin des Geldfälschertrios. Da sie auch Cannabis rauchte und betrunken Auto gefahren war, brummten ihr die Strafrichter zudem eine Busse von 1500 Franken auf. Überhaupt kam für Maya K. der Prozess teuer zu stehen: Sie musste über 10000 Franken an Anwalts-, Verfahrens- und Gerichtskosten übernehmen. Wohl auch deshalb akzeptierte die Frau das Urteil nicht und legte Berufung ein.

Wieder erwachte Loyalität
Vor Obergericht hofft Maya K. auf das Wiedererwachen der Loyalität ihrer einstigen Freundin. Und in der Tat: Obwohl Sonja S. noch kurz vor der Verhandlung gesagt hat, Maya K. habe sie hereingelegt, nimmt sie nun im Zeugenstand alle Beschuldigungen zurück. Damals, während der Untersuchungshaft und vor Bezirksgericht, habe sie gelogen. Maya habe nichts von der Geldfälscherei gewusst.

Richter, Staatsanwalt und Verteidiger nehmen Sonja ins Kreuzverhör. «Warum haben Sie Frau K. beschuldigt?» – «Ich hatte grosse Angst, dass Franz M. meine Tochter umbringt, wenn ich die Schuld nicht Maya K. in die Schuhe schiebe.» – «Weshalb hielten Sie zwei Jahre lang an den Beschuldigungen gegen Frau K. fest und erzählen jetzt plötzlich eine neue Version?» Sie wolle endlich reinen Tisch machen, antwortet die Zeugin. Es sei nicht richtig, dass Maya büssen müsse für eine Tat, die sie nicht begangen habe. Franz M. sei ja verschwunden, und sie müsse keine Angst mehr vor ihm haben. «Warum haben Sie niemandem von den Drohungen von Franz M. erzählt?», fragen die Richter weiter. «Ich hatte Angst um mein Kind. Das können Sie nicht verstehen.»

Obwohl der Gerichtspräsident die Zeugin darauf aufmerksam macht, dass sie wegen ihrer Falschaussagen vor Bezirksgericht bestraft werden könne und sie auch als Zeugin unter Eid stehe, bleibt sie stur bei ihrer neuen Version.

Der Verteidiger von Maya K. nimmt Sonjas Worte zum Anlass, um einen Freispruch zu fordern. «Das Gericht hat meine Mandantin zu Unrecht verurteilt», behauptet er. Das Urteil stütze sich nur auf die Aussagen von Sonja S. und Franz M. Harte Beweise fehlten, und die Angeklagte habe von Anfang an ihre Unschuld beteuert.

Unter unheimlichem Druck
Ausserdem hätten die beiden Frauen schon drei Monate vor dem Geldfälschen Krach gehabt. «Gehen zwei zerstrittene Frauen hin und drehen ein solches Ding?», fragt der Verteidiger. Vielmehr sei die frühere Falschaussage die Rache eines abgewiesenen Liebhabers. Franz M. sei böse gewesen, weil er vergeblich um die Gunst der schönen Maya K. gebuhlt habe. In der neuen Version von Sonja S. sieht der Staatsanwalt etliche Widersprüche. Der inzwischen inhaftierte Franz M. müsse nochmals befragt werden. Die Intelligenz der Zeugin lasse es gar nicht zu, dass sie alle Details erfunden habe, mit denen sie Maya K. früher belastet hat. Sonja S. stehe unter unheimlichem Druck. Dieser Druck komme nicht nur von Franz M., sondern auch von Maya K., die seit Jahren Macht über die jüngere Frau ausübe.

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«Sonja S. ist wieder in den unheilvollen Einflussbereich von Maya K. geraten. Deshalb hat sie ihre früheren Aussagen widerrufen», sagt der Staatsanwalt und hält an der Schuld von Maya K. fest. Das Urteil des Obergerichts ist erst in einigen Monaten zu erwarten. Wie auch immer es ausfällt: Die beiden Frauen wird es wohl kaum wieder zusammenbringen.

* Name geändert