Das hatte gerade noch gefehlt. Zwei Tage vor den Sommerferien platzten Beamte der Kantonspolizei in den Laden an der Solothurner Goldgasse. Doch Jacqueline Strauss, die in der Filiale der Berner Trendartikelkette Evolution arbeitete, behielt einen kühlen Kopf. «Wir hatten nichts zu verbergen», sagt die junge Frau heute, sieben Monate nach der Polizeirazzia.

Die Polizeibeamten und der sie begleitende Untersuchungsrichter wurden rasch fündig; sie wussten von früheren Kontrolltouren genau, wo sie suchen mussten: «Noch immer befand sich der Hanf in bereits abgepackten Säckchen unter der Theke», schrieben die Polizisten in ihrem Bericht.

Wegen Rauschstoffen verteufelt
Cannabis ist eine alte Kulturpflanze, deren Fasern seit Urzeiten vielseitige Verwendung finden. Die Sorten Indica und Ruderalis zeichnen sich zudem durch einen hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) aus. Dieser Stoff ist für die berauschende Wirkung des Hanfs verantwortlich. Das Harz der Drüsenhaare der Pflanze wird als Haschisch oder «Shit» gehandelt, und die getrockneten Blüten und Blätter kommen als Marihuana oder Gras auf den Markt.

Jacqueline Strauss gab den Polizisten offen Auskunft, wie sie dies bereits bei den früheren Kontrollen getan hatte. «Ich hatte ja nichts Unrechtes getan. Mein Chef versicherte mir immer wieder, dass es nicht verboten sei, getrocknete Hanfblüten und Hanfblätter als Dufttherapie anzubieten.»

Ja, sie würden diese Hanfsäcklein verkaufen, erklärte Jacqueline Strauss den Polizeibeamten, «aber nur an Erwachsene». Zudem müssten die Käuferinnen und Käufer mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie mit dem Hanfkraut nichts Illegales anstellen würden.

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Eingeweihten ist jedoch klar, dass das Drehen von Joints der eigentliche Verwendungszweck der Duftsäckchen ist: Die getrockneten Blätter sind meistens zum Rauchen bestimmt. Das aber ist derzeit (noch) illegal. Im Betäubungsmittelgesetz wird Cannabis mit einem THC-Gehalt von mehr als 0,3 Prozent als verbotener Stoff aufgeführt. Somit sind Konsum, Produktion und Verkauf dieser «weichen Droge» untersagt.

Diese Bestimmungen stammen aus dem Jahr 1975. Damals meinte man, mit Verboten das Drogenproblem lösen zu können. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Konsum von Cannabis ist gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Das Betäubungsmittelgesetz, das zurzeit revidiert wird, soll nun dieser Entwicklung angepasst werden.

«Kiffen ist so normal wie Rauchen»
«Wenn ich abends mit dem Zug von der Arbeit nach Hause fahre», sagt Jacqueline Strauss, «ist immer jemand am Kiffen. Das ist heute so normal wie das Rauchen von Tabak in einer Pfeife.»

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Der Passus im Arbeitsvertrag, der sie verpflichtete, diese Duftsäckchen abzupacken und zu verkaufen, schreckte die junge Frau deshalb nicht ab. Schliesslich verkauften die Evolution-Kette und viele andere Hanfbetriebe diese Duftsäckchen bereits seit Jahren. «Ich machte mir keine weiteren Gedanken, denn ich war arbeitslos und einfach froh, endlich einen Job zu haben.» Zudem habe das Arbeitsamt den Vertrag geprüft und keine Einwände gegen den Hanfkrautverkauf erhoben.

Jacqueline Strauss hatte damals ohnehin keine Wahl, denn sie stand kurz vor der Aussteuerung aus der Arbeitslosenversicherung. «Was wäre passiert, wenn ich diese zumutbare Arbeit abgelehnt hätte?», fragt sie keck – um wenig später die Antwort gleich selbst zu liefern: «Die hätten mir garantiert Taggelder gestrichen – und das nicht zu knapp.»

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Jacqueline Strauss hatte nun also einen Job, und die Beamten des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums hatten eine Arbeitslose weniger zu betreuen. Allen recht getan also? Fast allen.

Die Arbeit gefiel der gelernten Kosmetikerin sehr gut. «Wir waren ein eingespieltes Team und hatten grosse Freiheiten. So konnten wir beispielsweise weitgehend selber bestimmen, was wir an Trendartikeln ins Sortiment aufnehmen wollten.» Ihr Arbeitskollege war zudem ein regional bekannter Disc-Jockey. Seine Musiktipps aus der Insiderkiste kamen beim jugendlichen Publikum gut an – und auch der Umsatz mit den Hanfsäcklein stimmte.

Die Freude über den Erfolg der erst im Juli 1998 eröffneten Filiale währte jedoch nur knappe neun Monate: Mit einem Durchsuchungsbefehl ausgestattet, stapften erstmals am 26. März 1999 ein Untersuchungsrichter und zwei Polizeibeamte in den Laden. Diesem Besuch folgte im April eine Nachkontrolle. «Ich gab schon damals bereitwillig Auskunft», erinnert sich Jacqueline Strauss. «Als Angestellte hatte ich nichts zu verheimlichen. Schliesslich führte ich nur die Anordnungen meiner Vorgesetzten aus.»

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Doch die Polizisten waren anderer Meinung. Sie händigten der jungen Frau ein «an alle den Strafverfolgungsbehörden des Kantons Solothurn bekannten Händler von Hanfprodukten» adressiertes Schreiben aus. Der Titel: «Der Verkauf von Hanfkraut ist verboten.»

«Immer haben sich die Beamten nur an mich gehalten», ärgert sich Jacqueline Strauss. «Nie wollten sie meine Chefs sprechen. Sie taten so, als ob es mein Laden wäre und ich die Verantwortung dafür trüge. Das war einfach nicht richtig.»

Der Untersuchungsrichter verlangte von der jungen Frau ultimativ, den Verkauf des Schweizer Naturhanfs einzustellen. «Er drohte, mich sonst verhaften zu lassen.» Ihre Vorgesetzten aber bestanden darauf, dass der Hanfverkauf weiterging. «Sie taten die Warnung des Untersuchungsrichters als Bluff ab.» Das sollte sich jedoch als Fehleinschätzung herausstellen: Im November 1999 sorgten weitere Polizeirazzien in Evolution-Läden in Thun, Biel und Solothurn für nationale Schlagzeilen.

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Jacqueline Strauss war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr für die Trendshopkette tätig. «Ich war es leid, den Kopf für etwas hinhalten zu müssen, was mich gar nichts anging.» Nach den Sommerferien weigerte sie sich, weiter Duftsäckchen zu verkaufen. Sie erhielt die Kündigung. Weder die Geschäftsführer der Trendshopkette noch deren Anwalt wollten sich zu diesen Vorfällen äussern.

Job weg – und die Justiz am Hals
Den Job war sie nun los, nicht aber die Justiz. Der Richter leitete eine Strafuntersuchung gegen sie ein. Der Ausgang ist noch offen. Zwar wird jetzt auch gegen ihre Exchefs ermittelt, doch das ist für Jacqueline Strauss ein schwacher Trost: «Warum ich? Auch meine Kollegin verkaufte Duftsäcklein. Und sie tats nach meinem Abgang weiter. Warum werde nur ich belangt?»

Der Glaube an die Gerechtigkeit ist der jungen Frau abhanden gekommen. Auch die Meldung, dass die Solothurner Regierung in ihrer Vernehmlassung an den Bundesrat für den straffreien Konsum aller Betäubungsmittel votiert, kann sie nicht milder stimmen. Nicht genug damit, dass sie an ihrer neuen Stelle Hunderte von Franken weniger verdient und täglich zwei Stunden für den Arbeitsweg aufwenden muss. Es werden noch happige Anwaltskosten auf sie zukommen. «Und das alles, weil die Justiz ein Gesetz durchsetzt, das ein Auslaufmodell ist.»

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