Ein Holzhaus, Wälder, hohe Berge, ein wildes Flüsschen – die herbe Idylle in einem Bündner Tal. Hier wohnt Hansjörg Cathomen*, und hier war sein Sohn Michael* letzten Juli im Urlaub. Sonst wohnt der Junge bei der Mutter im Kanton St. Gallen; seine Eltern sind geschieden. Während der Ferien war Michael täglich mit dem Fahrrad unterwegs.

Doch dann wurde Michaels Urlaub jäh beendet. Am 18. Juli, noch vor acht Uhr morgens, klopften drei Polizisten der Kantonspolizei Graubünden an die Tür des Holzhauses. «Das Kind soll mitkommen», forderten sie. Der Vater behauptete, er wisse nicht, wo Michael sei.

Michael sah die Polizisten. Der 15-Jährige stieg aus dem Fenster im ersten Stock, kletterte die Hauswand hinunter und wollte sich hinter dem Haus verstecken. Zu spät. Einer der Polizisten sah ihn. Der Streifenwagen fuhr mit Michael talwärts.

Der Vater war wütend. Und Michael sagt noch heute: «So zornig wie damals war ich in meinem ganzen Leben noch nie.» Der Vorfall hat eine Vorgeschichte: Michaels Eltern trennten sich, als das Kind zwei Jahre alt war. Danach sah es den Vater sieben Jahre nicht mehr. «Ich war viel unterwegs», sagt Hansjörg Cathomen, der als Künstler arbeitet. Auch später trafen sich Vater und Sohn nur selten, «nach dem Lustprinzip». Dazu kam, dass Hansjörg Cathomen an einer schweren Depression erkrankte. «Wenn ich Krankheitsschübe hatte, musste ich die Besuche absagen.» Überschattet wurde die Beziehung auch vom Versäumnis des Vaters, die Alimentenzahlung zu leisten. «Ich habe einen Chratten voll Schulden», sagt er. Hansjörg Cathomen lebt von der Sozialhilfe.

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Kranke Mutter gibt Sorgerecht ab
Diesen Sommer überschlugen sich die Ereignisse. Die Mutter entschied sich, Michael in eine Pflegefamilie zu geben. Sie kam mit dem Jungen nicht mehr zurecht. Eine Pflegefamilie wurde gefunden. Michael absolvierte bei ihr eine Schnupperwoche. Es gefiel ihm, und er stimmte der Platzierung zu. Es wurde vereinbart, dass Michael ab August in die Pflegefamilie käme. Die Woche darauf reiste Michael zu seinem Vater in die Ferien. Dort erreichte ihn die Hiobsbotschaft: Die Mutter sei an Krebs erkrankt, sie befinde sich bereits im Spital.

Wenige Tage später trat die Vormundschaftsbehörde der Wohngemeinde von Michael auf den Plan. Die Mutter hatte den Wunsch geäussert, das Sorgerecht abgeben zu können. Die Vormundschaft verfügte, Michael solle unverzüglich zur Pflegefamilie zurück. «Der Eintritt hat sofort zu erfolgen», heisst es im Protokoll. Der neue Pflegevater wollte daraufhin das Kind in Graubünden abholen; Vater und Sohn wehrten sich beide dagegen. «Der Junge brauchte Ruhe», erklärt Hansjörg Cathomen.

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Daraufhin verfügte die Vormundschaft den Polizeieinsatz. Wer genau den sofortigen Eintritt in die Pflegefamilie gefordert hatte, ist offen. Die Vormundschaftsbehörde sagt, die Mutter habe dies «mehrmals ausdrücklich gewünscht». Die Mutter sagt, sie habe den Entscheid dem neuen Pflegevater überlassen. Dieser wiederum schiebt den schwarzen Peter der Mutter zurück: «Die Mutter wollte es.» Sicher ist nur eines: Vater und Sohn wurden nicht um ihre Meinung gefragt. Das stört den Vater. «Ein Kind von 15 Jahren muss in einer solchen Situation einbezogen werden», findet er.

Tatsächlich schreibt das Gesetz vor, dass ein Kind «vor dem Erlass von Kindesschutzmassnahmen» angehört werden muss – «soweit nicht sein Alter oder andere wichtige Gründe dagegen sprechen». Diese Anhörung kann laut Experten auch nachträglich erfolgen. Dies ist bis jetzt allerdings nicht geschehen. Auch der Vater darf laut Gesetz bei «Entscheidungen, die für die Entwicklung des Kindes wichtig sind», nicht übergangen werden. Die Vormundschaftsbehörde sieht dies allerdings ganz anders: Hansjörg Cathomen habe sich «eingeschaltet», heisst es im Protokoll unmissverständlich. Er übe Druck auf das Kind aus und «opponiere». Ausserdem verweist die Behörde auf die nach wie vor ausstehenden Alimentenzahlungen – ein nach Gesetz nicht relevanter Zusammenhang.

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Vormundschaft hält sich bedeckt
Selbst den massiven Polizeieinsatz beurteilt man bei der Vormundschaftsbehörde als «nicht unverhältnismässig»: «Wenn irgendetwas passiert wäre, dann hätte man uns später Vorwürfe gemacht», begründet ein Mitglied der Behörde den Einsatz. Was damit angedeutet werden soll, wollte die Auskunftsperson jedoch nicht verraten.

Laut Christoph Häfeli, Experte für vormundschaftliche Massnahmen, kommt es bei Fremdplatzierungen sehr selten zu Polizeieinsätzen. Zum vorliegenden Fall kann Häfeli nichts sagen. «Grundsätzlich», meint er, «ist grosse Sorgfalt notwendig – wenn möglich unter Einbezug aller Beteiligten.» Polizeieinsätze seien nur dann sinnvoll, wenn Eltern absolut gegen die Fremdplatzierung sind und wenn das Kind ausserdem massiv gefährdet ist.

Gemäss Häfelis Erfahrungen sind Laien in solchen Situationen häufig überfordert – und beurteilen schnell als Notfall, was in Wirklichkeit keiner ist. Wichtig sei deshalb das Mitwirken von Fachdiensten. Solche wurden in Michaels Fall nicht beigezogen.

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Der Vater klagt gegen die Behörde
Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Der Pflegevater Michaels will Hansjörg Cathomen nächstens zu einem Gespräch einladen. Gegen Besuche seines Schützlings beim leiblichen Vater hat er nichts einzuwenden. «Das ist Michaels freier Entscheid.» Dafür fordert der Pflegevater aber klare Abmachungen. Für Hansjörg Cathomen hingegen sind noch einige Rechnungen offen. Er hat wegen des Polizeieinsatzes eine Beschwerde gegen die Vormundschaftsbehörde eingereicht.

Michael hat sich bei der Pflegefamilie inzwischen gut eingelebt. Er besucht die Schule und kommt mit den Lehrern aus. Auch ist er frisch verliebt. In einem Jahr will er eine Lehre beginnen: als Steinhauer oder Automechaniker.

* alle Namen geändert