Sie ziehen die Rosen über den «Triumphbogen» vor dem Gartenhäuschen und lockern die Erde um die Winterzwiebeln: die 22-jährige Anja Kolb*, Krankenschwester in Ausbildung, und ihr 23-jähriger Freund Daniel Forrer, angehender Psychiatriepfleger, aufgewachsen auf einem Bauernhof. Das Gartenhäuschen haben die beiden bereits fachkundig auf Vordermann gebracht.

Ort der Biofreizeitgestaltung ist der Familiengarten am Käferberg – einem der schönsten Orte der Stadt Zürich. Wenn die City am Abend schon im Schatten liegt, wärmen sich die Hobbygärtner noch an den letzten Sonnenstrahlen. Sie geniessen zudem eine berauschende Fernsicht über den See bis in die Glarner Alpen.

Seit einem Jahr frönt das alternative Pärchen der Gartenarbeit – anfänglich jedoch auf einem anderen Pflanzplätz auf demselben Areal. Grund des Wechsels: In der Idylle der ausgejäteten Beete und wehenden Schweizer Fahnen gabs Zoff. Die zwei Gartenfreunde gerieten sich in die Haare mit Margrit Kuhn, 63, Rentnerin und leidenschaftliche Hobbygärtnerin. Der Streit endete vor dem Zürcher Arbeitsgericht.

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Mit Begeisterung ans Pflanzwerk
Die beiden Parteien hatten sich durch ein Zeitungsinserat von Margrit Kuhn kennen gelernt. Darin stand: «Welche CH-Person hätte Lust, einige Gartenbeete für eigenes Gemüse kostenlos zu übernehmen? Schöne Aussicht und Sitzplatz auf See und Berge in Zürich.»

Margrit Kuhn war auf fremde Hilfe angewiesen. Wegen ihres Asthmas konnte sie ihre Beete nicht mehr selber bestellen. Anderseits hatte sie den Pflanzplätz in Schuss zu halten – das ist Pflicht für alle Mitglieder des Familiengartenvereins. Die Rentnerin musste für Abhilfe sorgen, nachdem sie eine schriftliche Mahnung des Vereinspräsidenten im Briefkasten vorgefunden hatte. Stein des Anstosses: Im «schlecht bewirtschafteten und ungepflegten Garten» stünden ganze Beete voller Unkraut.

Ausser Ärger nichts geerntet
Unter den zahlreichen Bewerbern wählte Margrit Kuhn das Pflegerpaar aus. Die bestandene Gärtnerin und die jungen Grünen verstanden sich auf Anhieb gut. Man einigte sich schnell und natürlich mündlich, was zu tun war.

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Vielleicht zu schnell, denn die beiden Parteien interpretierten die Abmachungen sehr unterschiedlich. Das junge Paar sah seine Aufgabe darin, die Beete samt Gartenhaus in Ordnung zu bringen; die beiden rechneten damit, den Pflanzplätz nach zwei Jahren von Margrit Kuhn übernehmen zu können. Zwar darf offiziell nur der Gartenverein neuen Mitgliedern Gärten zuteilen, doch Margrit Kuhn habe gesagt, das liesse sich dann schon einrichten.

Mit keinem Wort habe sie so etwas je versprochen, widersprach Margrit Kuhn später vor Gericht; sie wisse ganz genau, dass sie niemals einen Garten vergeben könne. Drei Beete habe sie den jungen Leuten zur Pflege übergeben – als Entgelt hätten sie das Gemüse behalten dürfen. Doch die zwei hätten dann überall gefuhrwerkt, ohne mit ihr Rücksprache zu halten. Selbst Platten und Steine hätten sie neu verlegt; es habe keine Gattung mehr gemacht.

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Gearbeitet oder – je nach Standpunkt – gefuhrwerkt haben die jungen Hobbygärtner tatsächlich. Daniel Forrer mietete eine Bodenfräse und lockerte den Boden; er kaufte Torfersatz und Setzlinge und entfernte das Efeu vom Gartenhaus.

Während rund acht Wochen opferte das Paar begeistert seine Freizeit für Margrit Kuhns Garten. Dann kam es zu einem folgenschweren Treffen mit dem Präsidenten des Familiengartenvereins. Daniel Forrer zitiert dessen Kernsätze wie folgt: «Wenn ihr jemals einen eigenen Garten auf diesem Areal wollt, dann müsst ihr aufhören, hier zu arbeiten. Es geht nicht an, dass Fremde auf dem Areal des Vereins gärtnern. Nur der Vorstand kann Gärten zuweisen.»

Im Klartext: Der Traum, den Garten jemals übernehmen zu können, schien ausgeträumt. «Wir kamen uns ausgenutzt vor und stellten die Arbeit ein», sagten Forrer und seine Freundin vor Gericht.

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Die beiden sprachen bei Margrit Kuhn vor. «Wenigstens meine Unkosten wollte ich bezahlt haben; mit 100 Franken hätte ich mich zufrieden gegeben», sagt Daniel Forrer. Doch die Rentnerin dachte überhaupt nicht daran, auch nur einen Franken zu zahlen. «Sie führten lauter Arbeiten aus, von denen ich nichts wusste. Den ganzen Garten stellten sie auf den Kopf», klagt die betagte Frau.

Als Antwort stellte das junge Paar Arbeit und Material in Rechnung – insgesamt 1200 Franken. Als die Rentnerin nicht zahlte, verfassten die zwei eine Klageschrift zuhanden des Arbeitsgerichts in Zürich. Dass ihre Forderung auf wackeligen Beinen stand, wussten sie selbst am besten. Ein Jurist gab ihnen eine Erfolgschance von höchstens 50 Prozent.

Richterlicher Weg durchs Dickicht
Mit grosser Geduld hörte sich der Einzelrichter die Argumente der beiden zerstrittenen Parteien an. Er begutachtete Fotos von Gartenbeeten mit Unkraut, mit denen Margrit Kuhn beweisen wollte, dass Anja Kolb und Daniel Forrer völlig ungenügende Arbeit geleistet hätten. Und er hörte sich die Argumentation der Jungen an, wonach dieses Beweismaterial viel später entstanden sei, als sie schon längst nicht mehr auf dem Pflanzplätz gearbeitet hätten. Der Richter nahm auch zur Kenntnis, dass es auf beiden Seiten Zeugen gab, die die entsprechende Version bestätigen konnten.

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Schliesslich zauberte der Richter eine salomonische Lösung aus dem Hut. Zum jungen Paar sagte er: «Am besten, Sie ziehen Ihre Klage zurück.» Und zu beiden Parteien: «Vergessen Sie alles und tun Sie, als ob diese Verhandlung nicht stattgefunden hätte.»

Das Pärchen habe seine Forderung gestellt, als ihm klar geworden sei, dass es Margrit Kuhns Garten wohl nie erhalten würde. «Die beiden haben erst nachträglich ökonomisiert», sagte der Einzelrichter. Und zog ein Gleichnis heran: «Das ist so, wie wenn ein Angestellter im Hinblick auf eine Beförderung eine Menge Überstunden leistet. Dann wird er nicht befördert. Er kommt sich betrogen vor und stellt die Forderung, dass die Überzeit bezahlt wird. In diesem Fall kann er sich auf das Arbeitsrecht stützen.»

Anja Kolb und Daniel Forrer hingegen könnten sich auf nichts stützen; es liege ja gar kein Arbeitsverhältnis vor. Nur die Spesen könnten eventuell zurückgefordert werden, doch das seien lediglich 100 von 1200 Franken. Und der Richter mahnte: «Sie sind dann zu elf Zwölfteln nicht durchgekommen und müssen elf Zwölftel der gegnerischen Anwaltskosten und der Gerichtskosten übernehmen.» Ziehe das Paar seine finanzielle Forderung hingegen zurück, müsse es keine Anwaltskosten bezahlen, und die Gerichtskosten fielen ganz weg. Die Parteien gehorchten schliesslich der Vernunft und stimmten dieser Lösung zu.

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Die zwei jungen Hobbygärtner erhielten inzwischen vom Vereinspräsidenten einen Pflanzplätz zugewiesen, nur gerade 100 Meter von Margrit Kuhns Garten entfernt. Und wer weiss, vielleicht kommt es ja bereits beim nächsten Familiengartenfest zur grossen Versöhnung.

* Name von der Redaktion geändert