Berner Oberländer Idylle: ein Bauernhaus, viel dunkles Holz, Geranien, Kühe. Karl V. sitzt in der Küche, ein zweimonatiges Kätzchen schnurrt friedlich auf seinem Schoss.

Seine Frau Caroline kann auch heute noch nicht verstehen, was vor zehn Jahren geschehen ist. Sie sitzt am Küchentisch, neben ihr an der Wand hängt ein Foto von ihrem Sohn Beni: «Ich kam eines Tages ins Spital, wo sie ihn wegen Allergie behandelten, und das Kinderbettchen war leer. Sie sagten mir, Beni habe einen Vormund und Pflegeeltern. Er sei jetzt dort. Was ein Vormund ist, wusste ich nicht», erzählt die heute 34-Jährige.

Sie sagt es mit der für Hörbehinderte typischen monotonen Stimme. Es braucht Geduld, mit ihr zu sprechen; die Wörter kommen einzeln, manchmal stockend. Versteht sie etwas nicht, wendet sie sich hilfesuchend an ihren Mann. Liebevoll wieder-holt er die Frage, mit Gesten den Inhalt unterstreichend.

Schon vor der Geburt bevormundet
«Caroline L. ist die elterliche Sorge über das noch ungeborene Kind zu entziehen.» So lautete das Verdikt, das das Regierungsstatthalteramt Thun vor bald zehn Jahren, im November 1989, fällte. Dass die 25-jährige Mutter hörbehindert war und ein uneheliches Kind von einem türkischen Asylbewerber zur Welt bringen würde, genügte der Gemeinde, einen Antrag auf Entzug der elterlichen Sorge zu stellen. Auch die amtliche Begründung war schnell gefunden: «Die Gehörlosigkeit und die Sprachstörung werden es Frau L. verunmöglichen, auf ihr Kind zu hören und es in der Sprachentwicklung genügend zu fördern.»

Caroline L. war es aufgrund ihrer Hörbehinderung nie leicht gefallen, sich mit den Behörden auseinander zu setzen. Sie versteht nur Hochdeutsch – wenn langsam gesprochen wird. Dies schien auch der Thuner Regierungsstatthalter bemerkt zu haben, denn im Entscheid heisst es weiter: «Ob Frau L. die Tragweite eines Entzugs der elterlichen Sorge verstehen konnte, blieb unklar; jedenfalls wünschte sie sich als Vormund für das Kind eine ihr nahe stehende Person.»

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Das Amt bestimmt Pflegefamilie
Im Januar 1990 brachte Caroline L. ihren Sohn Beni zur Welt. Kurze Zeit später wurde das gesunde Kind zu einer Pflegefamilie gebracht. Carolines Wunsch, das Kind einer ihr nahe stehenden Person anzuvertrauen, blieb unerfüllt. Immerhin erhielt sie Besuchsrecht einmal pro Woche. Kaum ein Jahr später entschied sich die Pflegefamilie, in den Kanton St. Gallen zu zügeln. Die Vormundschaftsbehörde fand, dies behindere zwar die Mutter in ihrem Besuchsrecht, das Kindswohl gehe aber vor; deshalb sei eine Umplatzierung nicht nötig.

Der Rekurs von Caroline L. blieb erfolglos. Sie hatte gerade eine schwierige Zeit hinter sich: Nach einem Streit verlor sie die Arbeitsstelle, die Heiratspläne mit dem Vater des Kindes hatten sich zerschlagen, die Beziehung wurde aufgelöst. Ende 1990 zügelte die Pflegefamilie in eine St. Galler Gemeinde. Eine damals 27-Jährige, die bereits Privatvormündin eines anderen Pflegekindes der Familie war, wurde zur neuen Inhaberin der elterlichen Gewalt. Das Besuchsrecht wurde von der Behörde auf sechs Stunden alle drei Wochen festgelegt. Caroline L. war es, die hin- und herreisen und das Bahnbillett bezahlen musste.

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Dann brach der Kontakt zwischen Caroline und ihrem Sohn für mehrere Jahre ab. Die Gründe: der schlechte Gesundheitszustand der Mutter, der weite Weg, Geldmangel und hauptsächlich das Gefühl, bei der Pflegemutter nicht willkommen zu sein. Dass keine Begleitperson mitkommen durfte, machte der Hörbehinderten zusätzlich zu schaffen.

Im Herbst 1995 heiratete Caroline L. Karl V. Sie schöpfte neue Kraft und wollte weiter um ein angemessenes Besuchsrecht ihres nun fünfjährigen Kindes kämpfen. Ein Rechtsanwalt wurde eingeschaltet.

Mitte 1996 – Beni war inzwischen sechs Jahre alt – sahen sich Mutter und Kind zum ersten Mal seit vier Jahren wieder – im Beisein einer Kinderpsychiaterin. Die Psychiaterin forderte, dass die Besuche von Caroline V. einige Zeit ohne ihren Gatten zu erfolgen hätten.

Begründung: Die Beziehung zu Beni könne sich nicht weiterentwickeln, wenn Caroline V. wegen ihrer Behinderung den Mann als Ubersetzer einsetze. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn müsse sich erst als tragfähig erweisen, dann könne man weitersehen. So durfte die Mutter ihren Sohn fortan nur zwei Stunden pro Monat und ohne Ehemann besuchen.

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Es verstrich viel Zeit, ohne dass sich die Situation für das Ehepaar V. verbesserte. Die Kinderpsychiaterin wurde erneut für ein Gutachten beigezogen. Darin hiess es nun: «Es ist vorstellbar, dass Beni in Begleitung der Pflegefamilie einen Besuch am Wohnort der Mutter abstattet.» Ein solcher Besuch fand jedoch nie statt.

Die Besuche bei ihrem Sohn wurden für Caroline V. immer mehr zur Belastung. Sie fühlte sich durch die Pflegemutter beobachtet. Ihr Mann wartete jeweils entweder im Auto oder auf dem nahe gelegenen Spielplatz. Auch er spürte deutliche Ablehnung. Zum offenen Streit kam es, als Caroline V. zufällig ein Schulheft von Beni in die Hand bekam, das mit dem Nachnamen der Pflegefamilie angeschrieben war. Die Pflegemutter erklärte darauf, das sei nur für den Schulgebrauch.

Mit einer weiteren Beschwerde verlangten Caroline und Karl V. ein 14-tägliches, für sie beide geltendes Besuchsrecht. Von nun an führten beide Parteien Buch über die abgehaltenen Visiten.

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Die Pflegefamilie notierte, Beni habe manchmal gar keine Lust, seine Mutter zu sehen, da er sich lieber mit Freunden treffen würde. Zudem zeige Frau V. keinerlei Initiative im Spiel mit ihrem Sohn. Sie sitze nur schweigend neben ihm.

Caroline V. hingegen sah dies entschieden anders: Sie habe immer viel mit Beni gesprochen und mit ihm Schach oder Gitarre gespielt. Er freue sich immer sehr, sie zu sehen.

Die Pflegefamilie beklagte sich, sie fühle sich durch Karl V.s Warten vor der Woh-nung beobachtet. Caroline V. dagegen ver-spürte bei der Vormündin und der Pflegemutter grosse Ablehnung. Deshalb blockte sie jegliche Gesprächsversuche ab, was die Pflegemutter als Zeichen ihrer Hörbehinderung missdeutete.

Die Pflegemutter droht mit Polizei
Im April 1998 wies das Justiz- und Polizeidepartement des Kantons St. Gallen die Beschwerde von Caroline V. ab. Es blieb bei einem zweistündigen Besuch einmal im Monat. Im Juli 1999 hat Caroline V. ihren Sohn das letzte Mal besuchen dürfen. Karl V. hatte dabei eindringlich gefordert, mit dem Kind zusammen etwas ausserhalb der Wohnung zu unternehmen. Die Pflegemutter fühlte sich so stark bedrängt, dass sie mit der Polizei drohte.

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Seither ist Feuer im Dach: Die Pflegefamilie ist nicht mehr bereit, die monatlichen Besuche in ihrer Wohnung stattfinden zu lassen. Also muss jetzt das Besuchsrecht neu beurteilt werden. Wann Caroline ihren Sohn das nächste Mal sehen kann, ist ungewiss.