Personenkontrolle in einer Wohnung an der Langstrasse, dem Vergnügungsviertel von Zürich. Vier Prostituierte müssen sich ausweisen, darunter Celine Danuser*, die Mieterin der Wohnung. Auch Agathe Mbarga ist anwesend. Sie stammt aus Kamerun und ist illegal in der Schweiz. Folge der Polizeiaktion: Agathe Mbarga wird ausgewiesen, und Celine Danuser muss sich vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Denn die Schweizer Gesetze verbieten es, eine illegal eingereiste Person zu beherbergen.

Auf dem Stuhl sitzt eine schmale dunkelhäutige Frau Anfang 40. Celine Danuser ähnelt ein wenig der Rocksängerin Tina Turner. Wie Agathe Mbarga stammt auch sie aus Kamerun, lebt aber schon seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz und ist eingebürgert.

Panische Angst vor dem Gefängnis
Es war nicht das erste Mal, dass sie «Illegale» bei sich aufnahm. Deshalb verurteilt das Bezirksgericht Zürich Celine Danuser zu einer Gefängnisstrafe: 30 Tage unbedingt. Doch die Wiederholungstäterin legte beim Obergericht Berufung ein; sie will auf keinen Fall ins Gefängnis. «Als ich Agathe bei mir aufnahm, ging ich davon aus, dass sie Schweizer Papiere hat», erklärt Celine Danuser dem Richter. Sie gibt aber zu, dies nicht überprüft zu haben. Bei der Personenkontrolle in ihrer Wohnung habe sie allerdings gesehen, wie Agathe Mbarga eine Schweizer Identitätskarte vorgewiesen habe.

Woher Agathe Mbarga diese genommen habe, will der Richter wissen. «Ich weiss es nicht», sagt Celine Danuser. Bei Kontrollen dieser Art herrsche immer ein Durcheinander und eine grosse Aufregung unter den Frauen. «Jede sucht hektisch in ihrer Tasche nach dem Ausweis.» Erst nachträglich habe sich herausgestellt, dass Agathe die fremde Identitätskarte aus einer Früchteschale in der Küche gefischt und vorgewiesen habe, beteuert Celine Danuser. Der Richter gibt sich mit der Antwort nicht zufrieden und hakt nach.

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20'000 Franken Steuerschulden
Celine Danuser wirkt verunsichert. Trotz Ubersetzer hat sie zeitweise Mühe, die Fragen zu verstehen. Sie gibt nur ausweichend Auskunft, kann sich nicht mehr erinnern und wiederholt sich. «Ich habe damals geglaubt, das Recht zu haben, meine Kollegin zu beherbergen», rechtfertigt sie sich. Schliesslich bekennt sie sich jedoch schuldig.

Für dasselbe Vergehen hatte sie schon einmal eine Busse von 3000 Franken erhalten. Doch daran will sich Celine Danuser nicht erinnern. Sie bekomme immer wieder Papiere, die sie nicht recht verstehe. «Wenn genug Geld da ist, bezahle ich einfach, ohne zu wissen, worum es geht.»

Auch zum Einkommen und über ihre Schulden kann sie nichts sagen. Der Richter hält der Angeklagten ihre Aussage aus der Strafuntersuchung vor. Sie verdiene etwa 5000 Franken im Monat und habe an die 20'000 Franken Steuerschulden. «Ja, das könnte ungefähr stimmen», sagt Celine Danuser unsicher.

Der Verteidiger versucht Verständnis für die Situation seiner Mandantin zu wecken und resümiert deren Lebensgeschichte im Zeitraffer.

Celine Danuser wuchs in Kamerun in ärmlichen Verhältnissen auf, genoss wenig Schulbildung und konnte keinen Beruf erlernen. In ihrem Heimatland hatte sie keine Zukunftsperspektiven. Mit 18 heiratete sie einen Mann aus Französisch-Guinea und wurde französische Staatsbürgerin. Das Paar zog nach Frankreich. Zwei Töchter kamen zur Welt. Die junge Frau arbeitete in einem Schönheitssalon.

Im Dauerclinch mit der Polizei
Nach zehn Jahren ging die Ehe in die Brüche. Celine Danuser heiratete einen Schweizer und kam nach Zürich, um als Prostituierte zu arbeiten. Heute ist sie in dritter Ehe verheiratet. Mit einem anderen Mann hat sie eine achtjährige Tochter, die beim Vater lebt. Zu beiden hat sie einen guten Kontakt.

Immer wieder kam Celine Danuser mit den Zürcher Behörden in Konflikt, weil sie sich nicht an die Strichzonenregelung hielt. «Ältere Prostituierte haben es schwer», erklärt der Verteidiger. «Die rentablen Plätze sind von jungen Frauen besetzt. Und wo es Platz für Frauen wie Celine Danuser hat, ist das Anschaffen nicht erlaubt.»

Wenn sie an unerlaubten Plätzen kontrolliert wurde, geriet Celine Danuser rasch ausser sich. Man könne sie immer wieder verzeigen, schnauzte sie einmal einen Polizisten an, bezahlen werde sie trotzdem nicht. Sie habe kein Geld.

«Alles Fassade», führt der Verteidiger aus. Celine Danuser gerate in diesen Momenten in Panik; sie fürchte sich vor allem, was mit Polizei, Gerichten und Justiz zu tun habe. «Am meisten Angst aber hat sie vor einer Gefängnisstrafe.»

Bern hat liberalere Gesetze
Seit zwei Jahren hat sich die Angeklagte nichts mehr zuschulden kommen lassen. Sie arbeitet jetzt in Bern – eine grosse Umstellung. Ihre Freunde leben in Zürich, ihre Stammkunden auch.

Doch in Bern sind die Vorschriften für Strassenprostituierte liberaler. Hier hat Celine Danuser keine Konflikte mit den Behörden. Der Verteidiger baut an dieser Stelle spitze Bemerkungen gegen die Zürcher Regeln ein. «Bern ist trotz fehlendem Strichzonenplan nicht zugrunde gegangen», bemerkt er ironisch.

Celine Danuser hält sich auch häufig in Frankreich auf, bei ihrem ersten Partner und den beiden erwachsenen Töchtern. Die Beziehung ist gut. «Mit ihren gut 40 Jahren hat sie langsam genug von der Prostitution und denkt ans Aufhören», sagt der Anwalt. Jeder Sommer komme ihr grauer vor als der letzte, jeder Winter eisiger, habe ihm Celine Danuser gesagt. «Sie träumt davon, in der Nähe ihres Exmanns und ihrer Töchter zu leben und irgendwo in Südfrankreich am Meer eine kleine Bar oder ein Restaurant zu führen.»

Wenn nur nicht diese Gefängnisstrafe drohen würde. Seine Mandantin sehe ein, dass sie Fehler gemacht habe, sagt der Verteidiger. Sie sei auch mit der Dauer der Strafe einverstanden. «Das Gerichtsverfahren ist ihr eine Warnung. Es geht ihr mit der Berufung einzig darum, den bedingten Strafvollzug zu erhalten.»

Die Beratung des Gerichts wird der Angeklagten nicht übersetzt. Ohne viel zu verstehen, sitzt sie im Saal, während über ihr Leben, ihr Vergehen und ihre Zukunft diskutiert wird.

Die Meinungen der beiden Richter und der Richterin sind geteilt. Celine Danusers Verschulden wiegt nicht leicht. Die wiederholten Vergehen scheinen darauf hinzuweisen, dass sie unbelehrbar ist. Deshalb haben die Richter Bedenken, ihr den bedingten Vollzug zu gewähren.

Die Richter lassen Milde walten
Der Gerichtsvorsitzende und der Referent bestätigen schliesslich die Strafe von 30 Tagen Gefängnis und auferlegen Celine Danuser die Kosten des Verfahrens. Doch sie sprechen sich dafür aus, den bedingten Strafvollzug zu gewähren. Das heisst, dass Celine Danuser die Strafe nicht absitzen muss.

Ihre Lebenssituation habe sich geändert und lasse eine günstige Prognose zu, urteilen die Richter. Da sie in Bern arbeite, werde sie kaum wieder in Zürich straffällig. Für Celine Danuser spreche auch, dass sie nur Delikte im Zusammenhang mit der Prostitution begangen habe.

«Es ist das Schicksal dieser Frauen, ihr Leben in einem Graubereich von Erlaubtem und Verbotenem zu führen», sagt der Gerichtsvorsitzende abschliessend. Prostituierte verdienten zwar viel Geld, bräuchten aber auch viel. Und am Ende seien sie oft arme, ausgebrannte Menschen, die sich irgendwie durchschlagen müssten. «Deshalb», so der Richter, «kann ich hier milde Saiten aufziehen.»