«Uetliberg, Endstation.» In 20 Minuten gelangen die Ausflügler mit der S-Bahn vom Zürcher Hauptbahnhof auf den Hausberg der Limmatstadt.

Es ist eine andere Welt. Statt Verkehrslärm und Geschäftstreiben locken auf den bewaldeten Hügeln Spazierwege und Aussichtsrestaurants. Wenige Schritte neben der Bahnstation bietet ein Spielplatz Kindern und Eltern Zerstreuung.

Doch nur einen Steinwurf vom Spielfeld entfernt ist es mit der Idylle vorbei. Rund ums Haus von Jacqueline Mannheimer, die seit 1991 auf dem Berg wohnt, hinterliess der Sturm «Lothar» gewaltige Schäden: geknickte Bäume, kahle Stellen, erodierte Böden. Noch mehr ins Auge sticht aber eine Holzkonstruktion, die auf der Lichtung neben Mannheimers Wohnung steht – das «Hauszelt im Sonnenbühl».

Das Zelt ist eine Art Blockhaus, zehn mal zehn Meter gross, gegen fünf Meter hoch und mit einem symmetrisch nach den Himmelsrichtungen gezimmerten Dachstuhl. Nackt ragen die Tragbalken aus der Lichtung hervor, notdürftig deckt eine Zeltplane das Dach ab. Mannheimer führt über die Wiese und sagt mit Sorgenfalten im Gesicht: «Im Moment haben wir einen Baustopp. Vielleicht müssen wir das Zelt verschieben – aber ganz abreissen möchten wir es auf keinen Fall.»

Doch die Zeichen stehen anders. Das Hauszelt wurde ohne Bewilligung erstellt; es befindet sich zudem ausserhalb der Bauzone auf Landwirtschaftsland. Auch den gesetzlichen Waldabstand von 30 Metern unterschreitet es deutlich. «Wir bauten das Zelt dort, wo es vom Grundstück und vom Verwendungszweck her am besten passt», erklärt die Erbauerin.

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Das Sonnenbühl ist der Wirkungsort von Mannheimers «Institut für Multilevel Communication». Das Zentrum dient als Begegnungsort für Naturbegeisterte, die auf den Uetliberg pilgern, um «eine innere Verbundenheit mit dem Universum zu spüren», wie die Initiantin sagt. Seit zehn Jahren organisiert sie rund ums Haus Spieltage für Kinder und spirituelle Anlässe für Erwachsene. Nach indianischem Vorbild baut man Tipis und Schwitzhütten und tanzt bei Trommelklang und Singsang ums Feuer. Nicht selten besuchen auch echte Indianer das Kulturzentrum; im Gästebuch findet man Grussworte von grossen Häuptlingen wie Joseph Lame Medicine Rope oder Michael Two Feathers.

Dabei spielt der Wald selber eine zentrale Rolle. «Wir wollen den Bezug zur Natur stärken und dazu beitragen, die Umwelt zu schützen», sagt Mannheimer. Fanden die Happenings bislang auch bei Regen und Kälte im Freien oder in mobilen Zelten statt, regte sich nach dem Sturm «Lothar» der Wunsch nach einem wetterfesten Unterstand. Eine Gruppe von Freiwilligen packte im letzten Frühling das herumliegende Sturmholz und baute an Ort und Stelle das mächtige Zeltgerüst auf.

Leider hatten es die spirituellen Waldschützer versäumt, eine Bewilligung einzuholen. Kaum war der letzte Dachbalken montiert, ging bei der Gemeinde Uitikon eine Meldung ein. Das Amt forderte Mannheimer deshalb auf, nachträglich ein Gesuch zu stellen. Als das Begehren bei der Gemeinde eintraf, staunten die Behörden nicht schlecht: Das Zelt stand nicht nur ausserhalb der Bauzone, es ragte auch in ein Nachbargrundstück hinein, das als Waldparzelle geschützt ist.

Spiritualität kontra Juristerei
«Es ist schade, dass sich die Leute nicht gemeldet haben, bevor das Haus erstellt wurde», sagt Susanne Vetsch, Bausekretärin von Uitikon. Denn die Rechtslage sei klar, eine Bewilligung unmöglich – «sonst schaffen wir ein Präjudiz und müssen mit anderen, ähnlichen Gesuchen rechnen.» Entsprechend habe die Baukommission den Antrag einstimmig verworfen. Dass sich das Projekt als «Lothar»-Aufarbeitung mit waldschützerischen Zielen versteht, ist laut Vetsch «ein untergeordneter Aspekt».

Bald mussten sich auch die kantonalen Stellen mit dem Dossier beschäftigen. Für Bewilligungen ausserhalb der Bauzone ist die Baudirektion, für Eingriffe im Wald die Volkswirtschaftsdirektion zuständig. Auch beim Kanton waren nicht spirituelle, sondern juristische Kriterien massgebend. Im letzten Herbst teilte die Volkswirtschaftsdirektion, Abteilung Wald, den Sonnenbühlern mit, eine Bewilligung sei mit dem Waldgesetz unvereinbar. «Es wurde nicht nur zu nahe am Wald gebaut, sondern im Wald drin», sagt Abteilungsleiter Theo Hegetschweiler. Für den Beamten ein sonnenklarer Fall: «Das gilt als eine widerrechtliche Rodung.»

Man verordnete einen Baustopp und verfügte den Abbruch bis Ende Januar. Dagegen erhob Mannheimer beim Regierungsrat Rekurs. Sie werde das Projekt abändern und den Standort verlagern, argumentierte sie. Es müsse eine Ausnahmebewilligung erteilt werden, denn das Hauszelt sei standortgebunden. «Weil wir den Wald erleben und schützen wollen, müssen wir im Wald sein», sagt die Initiantin. «Unser Zentrum würde irgendwo in einer Bauzone, womöglich noch im Industriegebiet, gar keinen Sinn machen.»

Im Dezember 2000, einen Tag vor Weihnachten, kam es auf dem Uetliberg zu einem Augenschein. Bei dichtem Nebel vermass Forstwächter Hegetschweiler den Grundriss der Baute, stellte die Abstände zum Wald und zum Nachbargrund fest. Mannheimer hoffte auf eine «wohlwollende Lösung». Genau das hätten die Beamten ihr «mündlich versprochen», wie sie sagt. Zudem sei sie ermuntert worden, ein zweites Baugesuch mit einem etwas versetzten Standort einzureichen, was sie im Januar dieses Jahres gemacht habe. «Wir erklärten uns bereit, nochmals Arbeit zu investieren und das Zelt wegen des Waldabstands um fünf Meter zu verschieben», berichtet die Sonnenbühlerin.

Nun landete das Dossier beim Amt für Raumordnung und Vermessung (ARV) der Baudirektion. Diese Stelle konnte sich trotz möglichem Kompromiss gegenüber dem Waldabstand nicht für eine Ausnahmebewilligung erwärmen. Ende Januar sandte das ARV eine klare Absage auf den Uetliberg: «Die Erteilung einer Bewilligung ist nicht möglich.» Als Begründung für den negativen Befund durchforstete das ARV den Paragrafenwald: Nach dem Raumplanungsgesetz (RPG) ist das Vorhaben in der Landwirtschaftszone nicht konform; es ist zudem nicht standortgebunden, weil das RPG und auch das Bundesgericht dafür hohe Anforderungen stellen.

Kürzlich beantragte Mannheimer eine «provisorische Bewilligung»; ein definitiver Entscheid steht noch aus. Doch die Sache soll «möglichst bald vom Tisch sein», erklärt Theo Hegetschweiler.

Ideelle Ziele nicht gefragt
Und wie steht es mit dem Anliegen der Uetlibergler, den Wald zu schützen und das «Lothar»-Holz sinnvoll zu nutzen? «Auf ideelle Ziele können wir keine Rücksicht nehmen», meint Reto Locher, Abteilungsleiter beim ARV. Man habe keinen Ermessensspielraum – «sonst kommt jeder und verlangt eine Ausnahme». Mit dem «Lothar»-Holz müssten die Zeltbauer auf andere Art fertig werden, so wie zahlreiche Waldbesitzer in der Schweiz. «Würde man mit dem ganzen Sturmholz Hütten erstellen, wäre der Kanton Zürich völlig überbaut.» Ausserdem hätten die Initianten einen gravierenden Fehler gemacht: «Bevor der erste Balken gelegt wurde, hätten sie uns fragen müssen; wir hätten ihnen von diesem Projekt klar abgeraten.»

Jacqueline Mannheimer hingegen hofft noch immer auf grünes Licht. Mit dem drohenden Abbruch will sie sich partout nicht abfinden. «Ich werde nicht aufgeben, ich habe nichts mehr zu verlieren.» Vielleicht muss sie zu einem letzten Mittel greifen und sich einem besonderen Verbündeten zuwenden: Wenn «Lothars» Macht schon nicht genügte, die Baubeamten umzustimmen, dann kann es wohl nur noch Manitus Hilfe richten.