Die Angeklagte ist nicht zur Verhandlung vor dem Obergericht Zürich erschienen. Sie lässt durch ihren Verteidiger ausrichten, sie komme nicht, weil ihr ja doch nur das Wort im Munde umgedreht werde. Die Frau sei, erläutert der Verteidiger, traumatisiert von den Einvernahmen durch die Ermittlungsbehörden. Der Gerichtsvorsitzende will diese Begründung jedoch nicht akzeptieren; Martha Beyeler* fehlt beim Prozess gegen sie also unentschuldigt.

Die 67-jährige Frau ist der Veruntreuung angeklagt. Deliktsumme: 20'000 Franken. Diesen Betrag soll sie vor fünf Jahren vom damals 91-jährigen Otto Lauener* in Verwahrung genommen und ihm nicht mehr zurückerstattet haben. Die Vorinstanz hatte Martha Beyeler schuldig gesprochen und sie zu einer bedingten Gefängnisstrafe von fünf Monaten und zur Rückzahlung des Geldes verurteilt.

Bekanntschaft per Annonce

Martha Beyeler ist von Beruf Näherin. In den 26 Jahren ihrer ersten Ehe zog sie fünf Kinder gross. 1978 liessen ihr Mann und sie sich scheiden. Einige Jahre später heiratete sie nochmals, einen 90-Jährigen, der nach einem Jahr starb. Die Frau besitzt zwei Häuser: eines in einem vornehmen Quartier in Zürich und eines in einem Wintersportort. Sie lebt von den Mietzinseinnahmen und ihrer AHV-Rente.

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Kennen gelernt hatten sich Martha Beyeler und Otto Lauener im Herbst 1994. Die Frau hatte ein Inserat aufgegeben, in dem sie einen Partner suchte. Daraufhin meldete sich der 30 Jahre ältere Mann. Man traf sich, war sich sympathisch, und schon zwei Monate später wäre Otto Lauener gern bei der Frau eingezogen. Im Frühling 1995 machten die beiden eine vierwöchige Reise in die USA, die hauptsächlich von ihm finanziert wurde, und besuchten Marthas Schwester Elise*, die dort lebte.

«Ich chume nüme druus»

Während dieses Ferienaufenthalts heiratete Otto Lauener Elise. Es handelte sich jedoch nicht um eine späte Liebe auf den ersten Blick – Elises Interessen waren von handfester Art: Sie lockte die AHV-Rente, die sie sich mit Otto zu erheiraten hoffte. Otto seinerseits wusste gar nichts von seinem Glück. Man hatte ihm – versicherte er später – ein englisches Dokument, das er nicht verstand, zur Unterschrift vorgelegt. In der Schweiz wurde die Ehe rasch wieder geschieden. Nach der Reise wohnte Otto noch knapp zwei Monate bei Martha, bis er dann Anzeige gegen sie erstattete.

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Vor der Reise, so der alte Mann, habe er Martha 20'000 Franken in Verwahrung gegeben. Sie wollte die Summe auf der Bank hinterlegen und sie ihm nach der Reise zurückgeben. Dieses Geld habe er nie zurückbekommen. Zudem habe Martha ihm 15'000 Franken aus seinem Portemonnaie gestohlen, und von seinem Konto seien weitere 25'000 Franken abgehoben worden, vermutlich ebenfalls von ihr. Sie hatte ja eine Vollmacht für sein Konto. Im Ganzen seien ihm an die 60'000 Franken abhanden gekommen.

Allerdings ist das Gedächtnis des hochbetagten Mannes nicht mehr das beste. Es bereitete ihm grosse Schwierigkeiten, sich in den Befragungen genau an Fakten, Daten und Beträge zu erinnern. Einmal sagte er, die 20'000 Franken habe er von der Bank abgehoben, dann wiederum, er habe sie zu Hause im Kleiderkasten aufbewahrt. Schliesslich wusste er gar nicht mehr, woher er das Geld gehabt hatte. Er wusste auch nicht mehr, ob er überhaupt Geld zu Hause aufbewahrt hatte. Einmal bezifferte er den fehlenden Betrag auf 55'000, dann wieder auf 70'000 Franken.

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Die Untersuchungsbehörden hielten fest, es «habe erhebliche Mühe bereitet, mit dem Geschädigten die verschiedenen Ereignisse zu rekonstruieren». In einer Befragung musste Otto Lauener schliesslich hilflos zugeben: «Ich chume nüme druus.» Sein Neffe Philipp*, der ihn gut kennt, sagte dagegen aus, der Onkel halte sich zwar im Allgemeinen durchaus an die Wahrheit, aber in Geldangelegenheiten habe er ein starkes Geltungsbedürfnis. Er behaupte oft, der halben Welt Geld geliehen zu haben, aber man dürfe nicht alles glauben.

Konto um 50'000 Franken leichter

Tatsache ist aber, dass der Kontostand des alten Mannes von Januar bis Mai 1995, also in der Zeit seiner Bekanntschaft mit Martha Beyeler, von knapp 50'000 Franken auf ganze 160 Franken schrumpfte. In der Anklage blieben schliesslich 20'000 Franken übrig – in diesem Punkt hatte Otto Lauener immer konstant ausgesagt.

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Martha Beyeler wurde 38 Tage in Untersuchungshaft genommen. Sie bestritt die Vorwürfe. Auch sie wirkte nicht uneingeschränkt glaubwürdig; in ihren Aussagen fanden sich Ungereimtheiten und Lücken. Sie sagte zunächst, sie habe von Otto Lauener kein Geld entgegengenommen. Dann erklärte sie, sie habe 20'000 Franken dafür erhalten, dass sie ihn bei sich aufgenommen und für ihn gesorgt habe. Davon habe sie 14'000 Franken für ein Auto ausgegeben, das sie wegen Otto kaufte. Ein anderes Mal sagte sie, sie habe Geld von Otto «sichergestellt», damit er es nicht einfach verschenkte. Sie wollte die Noten im Schrank oder in der Küchenschublade aufbewahrt haben. Wohin sie verschwunden waren, davon hatte sie aber leider keine Ahnung.

Gegen die Angeklagte sprach auch ein anderes Indiz: Am Tag vor der Abreise in die USA hatte sie 24'000 Franken auf ihr Konto einbezahlt. Sie konnte in der Untersuchung nicht plausibel erklären, woher dieses Geld stammte. Ach, sie werde halt etwas verkauft haben, meinte sie, einen Wertgegenstand oder so – was, wisse sie nicht mehr. Aufhorchen liess auch, dass Martha Beyeler schon einmal in eine ähnliche Geschichte verwickelt war. Ebenfalls per Zeitungsinserat hatte sie einen betagten Mann kennen gelernt, und auch da gab es zuletzt Streitigkeiten um Geld, die ein Verfahren nach sich zogen.

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Im Zweifel für die Angeklagte

Trotz allen Verdachtsmomenten entscheidet das Obergericht nach ausführlicher Beratung anders als die Vorinstanz: Martha Beyeler wird freigesprochen. Es sei nicht rechtsgenügend erwiesen, dass Otto Lauener ihr 20'000 Franken zur Verwahrung übergeben habe. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass er das Geld für sie ausgegeben hatte und es ihn nachher reute. Denkbar sei aber auch, dass Philipp Lauener Geld vom Konto seines Onkels abgehoben habe. Die Indizien reichten für eine Verurteilung einfach nicht aus. Aus diesem Grund müsse das Urteil «in dubio pro reo» – im Zweifel für die Angeklagte – ausfallen.

Allerdings fällt dem dreiköpfigen Richtergremium dieser Entscheid nicht leicht. Alle drei Richter betonen, dass sie von der Unschuld der Angeklagten nicht überzeugt seien. Einer von ihnen vermutet sogar, das Fernbleiben der Angeklagten am Prozess könnte auf ihr schlechtes Gewissen zurückzuführen sein. Es sei gut möglich, dass Otto Lauener das Opfer übler Machenschaften der Angeklagten gewesen sei. Zusammenfassend hält der Gerichtsvorsitzende fest: «Bei diesem Freispruch bleibt ein ungutes Gefühl zurück.»

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