Szene eins. Vom blauen Himmel schwenkt die Kamera langsam in die Vogelperspektive (Helikoptershot). Sie gleitet über das blaue Meer bis zum Pacific Coast Highway. Wir erkennen einen Ford Mustang.»

Roman Wyden, kaufmännischer Angestellter, und Daniel Maurer, Tiefbauzeichner, lernten sich vor vier Jahren in einer Bar in Los Angeles kennen. Der gebürtige Walliser und der Basler hatten der Schweiz den Rücken gekehrt – und entdeckten eine gemeinsame Leidenschaft: den Film.

«Szene drei. Hinter dem Steuer sitzt Thomas, ein gut aussehender, sportlicher junger Mann mit Beach-Outfit. Auf dem Beifahrersitz sehen wir eine sehr attraktive junge Blondine, 25, mit tiefem Bikiniausschnitt. Sie lächelt verführerisch…»

Die beiden Auswanderer bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Die Hauptenergie von Maurer und Wyden gilt aber ihrem Filmprojekt. Produzent, Geldgeber und die Schauspieler stehen noch nicht fest, dafür der Titel: «Die Träumer». Über ihre Homepage www.die-traeumer.com suchen die zwei Sponsoren. Wer 300 Dollar einzahlt, erhält ein Drehbuch, ein Ticket zur Premierenparty und «eine kleine Rolle im Film».

SF DRS ist nicht interessiert
«Szene 60. Thomas betrachtet im Tram die trüben Gesichter der Mitpassagiere. Plötzlich steigt ein hübsches junges Mädchen ein: Eliane, 24. Martin (denkt für sich): "Hmm… Das isch iez aber ganz e Fröölichi. Hät sie ächt Geburtstag hüt…?"»

Die Sache mit den Sponsoren läuft schlecht. Jetzt schreiben Wyden und Maurer einen «sehr direkten Brief» an 60 Produktionsfirmen. Zwei Monate später liegen 60 Absagen auf ihrem Tisch. «Sorry, das Drehbuch ist bei uns nicht gut angekommen!», schreibt die Firma T&C Film. Vega Film antwortet: «Mit Amerika machen wir sowieso nichts!» SF DRS erklärt: «Die Rahmenhandlung ist unglaubwürdig, und die Erzählinstrumente sind problematisch.» Die Autoren sind wenig beeindruckt. Auf ihrer Homepage halten sie fest: «Diese Kommentare zeigen uns, wie wenig Ahnung die Leute vom Filmen haben.»

Beat Schlatter ist begeistert
Die Handlung von «Die Träumer»: Martin, 22, «mit eifersüchtiger Freundin», und Thomas, «rebellisch», schliessen Freundschaft in der Schweizer Armee. Thomas will Schauspieler werden, Martin Animateur. Sie ärgern sich furchtbar über die «Negativdenker» im Land. Für höhere Pläne aber fehlt ihnen das Geld. Sie machen einen Einbruch. Nach ihrer Verurteilung wandern sie nach Los Angeles aus. Dort wollen sie einen Film machen. Ende. – Das Copyright liegt bei Wyden und Maurer, Hollywood Dreams Productions, Valleyheart Drive, L.A.

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5. März 1999. Wyden und Maurer schicken ein sieben Kilo schweres Paket an das Bundesamt für Kultur in Bern. Der Inhalt: ihr Drehbuch samt Unterlagen. Ihr Begehren: ein Unterstützungsbeitrag von 500'000 Franken. Gleichzeitig beschliessen sie, «den gesamten Gewinn des Films» an die Unicef zu spenden. Die Verhandlungen mit der Unicef verlaufen harzig. «Es ist fast noch schwieriger, Geld zu spenden als zu verdienen», kommentieren die zwei lakonisch auf ihrer Homepage.

45 Schweizer Grossunternehmen werden für ein Product Placement angefragt. Doch UBS, Jelmoli, Nestlé und alle anderen lehnen ab. Immerhin faxt «Cool Man» Peter Steiner: «Klar bin ich dabei!» Die Autoren finden wenig später, dass sich Maximilian Schell vielleicht doch besser für diese Rolle eignet.

Beat Schlatter schreibt: «Ein Drehbuch, so clever und lustig!» André Weiss, Ex-Mister-Schweiz: «Die Toilettenszene im Militär – zum Totlachen!» Trotzdem sagt Maximilian Schell ab.

«Szene 151. Wir sehen Thomas, welcher wie jeden Montag unmotiviert am Zeichnungstisch sitzt. Sein Chef stürmt wütend ins Büro.»

Der Verantwortliche von SF DRS wird aufgefordert, seine ablehnende Haltung zu begründen. Was er wenig später auch tut. «Lächerlich!», schreiben die Autoren dazu auf ihrer Homepage. «Die Begründung zeigt, dass der gute Mann bald ersetzt werden muss.»

Auch das Bundesamt für Kultur ist wenig begeistert. Erst einmal fordert es ein Drehbuch in hochdeutscher Sprache. Nun hatten Wyden und Maurer ihr Werk schon ins Amerikanische übersetzt. Ein amerikanischer Regisseur meinte darauf: «Great!» Das Bundesamt für Kultur ist anderer Meinung. Es schreibt unseren Schweizern in Los Angeles: «Viele gut aussehende Menschen bevölkern die wirre und diffuse Geschichte, welche in einer sehr unprofessionellen Art erzählt wird. Die Charaktere vermögen nicht zu interessieren.» Der ablehnende Entscheid erfolgte einstimmig.

Arnold Schwarzenegger sagt ab
«Sehr geehrte Damen und Herren», schreiben Maurer und Wyden zurück, «wenn Ihre Kommissionsmitglieder nicht einmal Schweizerdeutsch können, ist es nicht überraschend, dass Ihnen unsere Geschichte wirr und diffus erscheint!» Sie verlangen eine anfechtbare Verfügung.

9. Juni. Eintrag auf der Homepage: «Um den Film attraktiver zu machen, suchen wir jetzt einen Star.» Die Briefe an Jodie Foster und Steven Spielberg werden jedoch zurückgesandt. Die Autoren verkaufen eines ihrer Autos; sie erstehen sich mit dessen Erlös eine Eintrittskarte zu Arnold Schwarzeneggers Geburtstagsparty. In «Schatzi’s Restaurant» überreichen sie ihm feierlich ihren Brief. Nach zweieinhalb Monaten kommt die Antwort des Agenten: Mister Schwarzenegger ist für Gastauftritte nicht zu haben.

Ruth Dreifuss zeigt kalte Schulter
Derweil halten die beiden Glücklosen fest: «Der Inhalt unseres Kühlschranks hat sich auf zwei Eiswürfel reduziert.» Das Bundesamt für Kultur verlangt für die Behandlung der Beschwerde einen Kostenvorschuss von tausend Franken. Die Kulturabteilung der Migros schreibt: «Ihre Geschichte ist uninteressant!»

Wyden und Maurer schreiben ihre Beschwerde an das EDI. Die Ablehnung ihres Projekts sei «weder professionell noch standfest»; es grenze «an Rassismus», das Aussehen der Hauptdarsteller zu kritisieren. Es sei ihnen zudem eine falsche telefonische Auskunft gegeben worden.

«Auf Filmförderung besteht grundsätzlich kein Rechtsanspruch», antwortet die Bundesrätin. Die Beschwerde wird abgewiesen.

«Sehr geehrte Frau Dreifuss», schreiben Wyden und Maurer am 28. Februar 2000. «Gemäss Art. 50 und 72 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren erheben wir gegen den Beschwerde-Entscheid vom 7. Februar Beschwerde.Wir möchten Sie bitten, unsere Briefe genauer zu lesen!» Zudem sei das Drehbuch nicht pubertär, wie das BAK schreibe, und die Geschichte keineswegs wirr; jeder könne sich mit den Charakteren identifizieren. Dafür seien die Experten kleinkariert und ideentötend.

The End? Von wegen!
«Szene 149. Patrick:"Gömmer e heissi Schoggi go suuffe." Die Kamera schwenkt in den Himmel. Fade to black. Texteinblendung: Martin arbeitet als Animateur auf den Kanarischen Inseln.»

Epilog: Die «Träumer»-Homepage verzeichnet inzwischen mehr als 47'000 Hits. Insgesamt haben 504 Personen und Institutionen eine Mitwirkung am Filmprojekt abgelehnt.

«Wir werden unser Buch den Bundesräten zur Gesamtbeurteilung vorlegen», schreiben die Autoren. Gegen «Negativdenker» sind sie angetreten. Oh, es hat «zu viele davon in diesem Land. Wen wunderts, dass sich jedermann über das Bundesamt für Kultur und den Schweizer Film lustig macht?»