An einem Augustabend 1999 traf sich die Skinhead-Clique im Restaurant Du Nord in Zürich. Sie waren etwa 15 Leute, alles junge Rechtsradikale. Später, gegen 22 Uhr, wechselten sie ins «Bierfass» im Niederdorf. Sie tranken Bier und Whisky, und irgendwann schlug einer vor, sie könnten doch zum Bahnhof Stadelhofen gehen, in den kleinen Park, und dort Punks verprügeln.

Zur Clique gehörte auch der damals 21-jährige Fabian Müller (alle Namen geändert). Er war zuerst nicht so begeistert von dem Vorschlag, blieb im «Bierfass», als die anderen aufbrachen, folgte ihnen aber ein paar Minuten später nach. In der Tasche trug er einen Schlagring; auf dem Weg fand er zwei leere Flaschen, die er mitnahm.

In der Parkanlage traf die Gruppe tatsächlich auf einige Punks und griff sie sofort an; es fielen kaum Worte. Fabian schlug einer jungen Frau von hinten eine Flasche über den Kopf; sie rannte blutend weg. Auch die anderen Punks flohen. Nur einer kam auf die Skinheads zu: der 17-jährige Adrian Roth. Fabian hieb ihm die andere Flasche über den Kopf, sein Kollege schlug Adrian die Faust ins Gesicht und gab ihm einen Tritt in den Bauch. Unter grossen Schmerzen krümmte sich Adrian zusammen.

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Nun versetzte Fabian Müller dem Punk einen wuchtigen Hieb mit seinem Schlagring. Der Junge sackte zusammen. Als er schon am Boden lag, traten Fabian und sein Kollege mehrmals nach ihm. Dann machten sie sich schleunigst davon. Noch in der gleichen Nacht wurden Fabian Müller und sein Kollege verhaftet und in Untersuchungshaft genommen.

Adrian Roth war lebensgefährlich verletzt worden. Er hatte neben Gesichtsverletzungen einen offenen Schädelbruch und musste notfallmässig operiert werden. Er überlebte. Zwei Wochen war er im Spital, sechs Wochen arbeitsunfähig. Danach litt er noch lange Zeit unter heftigen Kopfschmerzen und Lähmungserscheinungen an der rechten Hand. Mehrere Zähne waren ihm ausgeschlagen worden; es mussten Implantate eingesetzt werden. Bis er gesundheitlich wiederhergestellt war, dauerte es anderthalb Jahre Spätfolgen können nicht ausgeschlossen werden.

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Über zwei Jahre nach dem Vorfall findet am Obergericht Zürich der Prozess gegen Fabian Müller statt. Er erscheint im dunklen Anzug, mit weissem Hemd und Krawatte. Seine schwarzen Schuhe glänzen. Er ist hoch aufgeschossen, sein Kindergesicht errötet leicht.

Auch Adrian Roth ist da. Sein Aussehen ist leicht punkig: schwarze, strubbelig in die Höhe gekämmte Haare, Ohrringe, schwarze Jeans, ein Nietengürtel. Adrian ist mit der Mutter, der Freundin und seiner Anwältin gekommen. Er sagt nichts während der Verhandlung, hört nur zu. Man fragt sich, was für Bilder ihm durch den Kopf gehen, als der Überfall geschildert und in der Befragung das Leben seines Angreifers skizzenhaft sichtbar wird.

Aufgewachsen ist Fabian Müller in äusserlich normalen Familienverhältnissen. Mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder verstehe er sich gut, sagt er. Die Eltern werden als «rechtschaffen» beschrieben, der Vater ist Hauswart.

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Aber Fabian war als Kind ein Aussenseiter, wurde in der Schule gehänselt und ausgegrenzt. Mit elf begann er, sich zu wehren, und zwar mit Gewalt. Er nahm Waffen mit in die Schule: eine Stahlrute, ein Butterflymesser. Damit konnte er sich zwar Respekt verschaffen, aber Freunde fand er nicht. Er prügelte sich mit den anderen Kindern. Einmal stiess er ein Mädchen aus dem Bus, ein andermal schlug er einem Klassenkameraden einen Zahn aus.

Noch während der Realschulzeit kam er mit der rechtsextremen Szene in Berührung, schloss sich den Hammerskins an, einer der aktivsten rechtsradikalen Gruppierungen in der Schweiz. Auf ihr Konto gehen der Angriff auf ein Festival für Völkerverständigung in Hochdorf LU 1995 und die Störung der 1.-August-Feier 2000 auf dem Rütli UR. In dieser Clique war Fabian Müller mit 14, 15 Jahren der Jüngste. Es war das erste Mal, dass er sich voll akzeptiert fühlte.

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Nach sieben Jahren Primar- und drei Jahren Realschule machte Fabian eine Automechanikerlehre. Der Beruf gefiel ihm jedoch nicht, und so arbeitete er dann an verschiedenen Orten als Chauffeur. An einer Stelle bekam er Probleme, weil er in der Skinhead-Kluft, in Bomberjacke und Stiefeln, aufkreuzte.

Seine Freizeit verbrachte er mit den Skins. Man traf sich zwei-, dreimal die Woche, trank Bier, ging an Eishockeymatchs, an Konzerte rechtsradikaler Gruppen, suchte Raufereien und besuchte unbewilligte Veranstaltungen von Rechtsextremen. Nach der Festnahme wurde bei Fabian zu Hause rechtsradikales Propagandamaterial sichergestellt.

Man kennt es: Rechtsextreme Straftäter geben sich vor Gericht meistens reuig, beteuern, sie hätten der Szene den Rücken gekehrt und ein neues Leben angefangen. Vielfach ist dies nicht mehr als eine Taktik, um die Strafe zu mildern. Auch Fabian Müller versichert, er sei aus der Szene ausgestiegen, habe sich nach der Tat von seinem Kollegenkreis abgewendet. Seine brutale Tat sei ihm bis heute unbegreiflich, und er bereue sie.

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Doch für einmal handelt es sich dabei nicht nur um Lippenbekenntnisse. Als Fabian Müller nach einem Monat aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, rief er die «Dargebotene Hand» an. Dort riet man ihm, sich ans «Mannebüro» in Zürich zu wenden, eine Beratungsstelle für Männer, die sich mit ihrem gewalttätigen Verhalten auseinander setzen wollen. Fabian Müller begann eine Therapie, die er bis heute durchgehalten hat. Er nahm auch Kontakt mit Adrian Roth auf, entschuldigte sich bei ihm, traf ihn mehrmals.

In der Pause während des Prozesses stehen Fabian Müller und Adrian Roth zusammen. Nicht so nah und locker wie Freunde: Fabian, lang und schlaksig, lehnt an der Wand, wirkt etwas verlegen; von Adrian geht eine gewisse Distanz aus. Aber sie unterhalten sich. Machen einen Scherz, lachen sogar ein wenig. Fabian Müllers Wangen röten sich.

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Der Staatsanwalt hat eine Strafe von zwei Jahren Zuchthaus beantragt. Deren Vollzug solle aber zugunsten von Fabians Therapie aufgeschoben werden. Fabian Müllers Verteidiger hat für 18 Monate Gefängnis plädiert, ebenfalls aufgeschoben.

Das Gericht nimmt dem Angeklagten seine Einsicht und Reue ab. Es sei bei ihm eine gute Entwicklung in Gang gekommen, die man nicht stoppen sollte, fasst die Vorsitzende zusammen.

Das Urteil folgt vollumfänglich dem Antrag des Staatsanwalts. Wenn Fabian seine Therapie erfolgreich zu Ende führt und nicht wieder straffällig wird, muss er die zweijährige Haftstrafe nicht antreten. Um die Genugtuungssumme von 15000 Franken für Adrian Roth kommt er allerdings nicht herum.