«Ewige Ruh. Auf immer ewige Ruh.» Der junge Mann hat das Kartonkreuz auf seiner Brust mit einem fetten Filzstift beschrieben. Eine Frau in der Ecke des Eingangsraums referiert leise vor sich hin: «Terrorregime. Ein fertiges Terrorregime.» Entree und Warteraum des Obergerichts sind rauchgeschwängert. Obwohl die Verhandlung frühmorgens beginnt, ist Publikum aus der ganzen Schweiz hergereist. Ein älterer Herr schlägt die Haken zusammen. Er grüsst, den Blick in die Ferne gerichtet, und lacht.

In wenigen Minuten wird die Aufsichtskommission über die Zürcher Rechtsanwälte tagen. Sie wird ein Urteil fällen über Edmund Schönenberger, Advokat. Wird er seinen Beruf weiterhin ausüben dürfen? Schönenberger kämpft seit 1987 für Menschen, die gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten werden.

Erster öffentlicher Anwaltsprozess
Die Türflügel des Geschworenensaals öffnen sich. In kurzer Zeit sind die 120 Sitze des Saals besetzt. Ähnliche Anlässe fanden bisher nur hinter verschlossenen Türen statt; andere Anwälte bangen um ihr Patent lieber im Verborgenen. Schönenberger wünschte ausdrücklich, dass der Anlass öffentlich stattfindet. Es ist 8 Uhr 15. «Die Anhörung ist eröffnet», erklärt jetzt der Gerichtspräsident via Mikrofon. Stille.

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«Nur eine Anhörung?», ruft der Angeklagte. «Sie könnten ja auch ein Gespräch mit mir führen!» – «Ja», sagt der Richter und macht eine bedeutungsvolle Pause, «wenn ich dies für nötig erachte.» Abermals Pause. Schönenberger zuckt die Achseln. Ein «historischer Prozess» finde hier statt, erklärt er dann. Bei allen anderen Prozessen habe er mutterseelenallein vor den Richtern gestanden. Historisch sei der Prozess auch deswegen, weil er seine Notizen zum ersten Mal schriftlich festgehalten habe, «für die Nachwelt nämlich». Und historisch ist auch das Zitat, das er seiner Rede voranstellt: «Mit grösserer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil, als ich es entgegennehme.» Es stammt von Giordano Bruno, dem Ketzer, der im Jahr 1600 in Rom verbrannt worden war.

Ein schwieriger Morgen. Eine lange Geschichte. Eine Anklageschrift gibt es nicht. Es dauert dreiviertel Stunden, bis wir erfahren, was Schönenberger vorgeworfen wird. «In aller Deutlichkeit» hält dieser fest, dass er weder eine Bank ausgeraubt, einen Menschen umgebracht noch einem Klienten geschadet habe; es gehe dem Gericht einzig darum, ihn auszuschalten. «Das stinkt ja zum Himmel!»

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Schönenberger wird vorgeworfen, er habe seine Anwaltspflichten gröblich verletzt. In einer Eingabe zuhanden des Obergerichts, einem gerichtsinternen Dokument, hatte er 1998 von einem «ungeniessbaren juristischen Wurstsalat» gewisser Richter gesprochen; sie hätten sich einen «epochalen Betrug» zuschulden kommen lassen; bei dem Verfahren habe es sich um «reines Affentheater» gehandelt, ja die hohen Richter hätten «betmühleartig ihre Sprüchlein von Recht und Gerechtigkeit» heruntergeleiert.

Das kritisierte Gericht hatte entschieden, dass eine Tochter den Klinikaufenthalt ihrer zwangspsychiatrisierten Mutter zu finanzieren hatte, die verstorben war. Beteiligt an diesem Urteil waren auch österreichische Richter. Schönenberger sprach von der «vereinigten habsburgischen und alpengermanischen Plutokratie».

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Die Aufsichtskommission über die Rechtsanwälte des Kantons Zürich besteht aus drei Oberrichtern, einem Staatsanwalt und drei Anwälten des kantonalen Anwaltsverbands. Sie stutzen, sie lächeln, und sie sind konsterniert. Edmund Schönenbergers Eingangsreferat dauert knapp eine Stunde. «Mein Territorium ist von der Grösse einer Schuhsohle», erklärt er. «Ich gehöre keiner Nation mehr an.» Er lächelt zu seinem Publikum. «Ich habe gelernt, mich im Dschungel der Blutgeldmetropole zu bewegen.» Er hebt den Zeigefinger: «Dieser Staat präsentiert sich als Diktatur der Reichen.»

Der Angeklagte hat geschlossen. Stürmischer Applaus, Jauchzer, Bodenstampfen. Schönenberger bedankt sich herzlich. Ein Zuschauer erhebt sich, spricht den Richter an: «Könnten Sie mir jetzt endlich Ihren Namen sagen? Ich hasse Anonymität!» Der Vorsitzende stellt höflich die richterliche Runde vor. Eine Dame ruft: «Und welchen Parteien gehört ihr eigentlich an?» Der Richter: «Wenn die Verhandlung weiterhin gestört wird, muss ich den Saal räumen.» Es wird still.

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Kritik an der Zwangspsychiatrie
Schönenberger ist ein Mann mit Prinzipien. Noch nie hat er einen wirtschaftlich Stärkeren gegen einen wirtschaftlich Schwächeren verteidigt. Dies hält sein Anwalt nachdrücklich fest. Das Verfahren gegen seinen Mandanten sei blanker Zynismus; er habe gegen den Irrsinn unserer Psychiatrie Pionierarbeit geleistet. Ein Advokat sei nicht Diener des Gerichts, sondern des Klienten. Für das Wort «Affentheater» sei allerdings eine Entschuldigung vonnöten. Uber Jahre hätten nicht wenig Ärzte die Meinung vertreten, nur sie wüssten, was für ihre Patienten gut sei; die «Kranken» hätten keine Verteidigung nötig. «Die Zwangspsychiatrie ist und bleibt ein Politikum!»

Nach knapp zwei Stunden leert sich der Saal. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.

L.B., ein Bankangestellter, erzählt derweil im Warteraum seine Geschichte: Seine Frau habe ihn verlassen; er habe verzweifelt seinen Hausarzt aufgesucht; dieser habe ihn prompt internieren lassen – gegen seinen Willen. «Schönenberger holte mich raus.» – B.S., einer jungen Frau, erging es ähnlich. Wegen Unwohlseins hatte sie sich ins Kantonsspital begeben. Auch ihre Konsultation führte zwangsweise in die psychiatrische Klinik. Der angeklagte Anwalt holte sie wieder raus.

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Nationales Aufsehen erregte ein Fall von 1984: Er war als Titelgeschichte im Beobachter zu lesen. 22 Jahre hatte Karl W. in psychiatrischen Kliniken zugebracht und dabei zahllose Entlassungsgesuche gestellt. Die Ärzte stuften ihn als unheilbar ein. Ein Leben in Freiheit, hiess es, sei dem «Schizophrenen» nicht zuzumuten. Karl W. hatte zwangsweise Medikamente einzunehmen. Sein Äusseres vernachlässigte er stark, doch kriminelle Handlungen hatte er keine begangen.

Nach zehn Jahren Prozessierens wurde Karl W. wegen Freiheitsberaubung eine Genugtuungssumme von 120000 Franken zugesprochen. Er lebt seither wohlauf in Freiheit. Ohne Medikamente.

Urteil: Busse und Berufsverbot
Schönenbergers Verdienste sind unbestritten; sie haben aber auch etliche Schattenseiten. Die Frage, ob all seine «befreiten» Mandanten mit ihrer Freiheit auch umgehen können, darf mindestens gestellt werden. Die Psychiatrie ist nicht, wie Schönenberger vertritt, grundsätzlich unnötig.

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Der Angeklagte aber liebt Grundsatzfragen; was er nicht schätzt, ist Diplomatie. Hat Schönenberger also seine Anwaltspflichten «gröblich verletzt»? Wählte er eine ungebührliche Sprache?

Es ist 10 Uhr 15. Schönenberger ist siegesgewiss. «Das kommt gut!», strahlt ihn ein Herr aus dem Publikum an. Es kam nicht gut. Edmund Schönenberger wird mit einer Busse von 1000 Franken bestraft; die Gerichtsgebühr geht zu seinen Lasten; den Beruf darf er während dreier Monate nicht mehr ausüben. Gegen das Urteil wird er Berufung einlegen.