Wo sich meine Mandantin aufhält, weiss ich nicht», erklärt der Anwalt. «Man kann annehmen, dass sie wieder in die Schweiz zurückkommen wird.» Wir schreiben den Januar 1999. Das Verhandlungsprotokoll ist dünn.

Verhandelt wird – einmal mehr – das Sorgerecht der längst geschiedenen Eheleute Hedva und Rolf Enz. «Für Schulbesuch und ärztliche Betreuung bietet die Kindsmutter keinerlei Gewähr», hatte Enz behauptet. «Hedva zigeunert in der Gegend umher.» Die beiden haben sich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Hedva Enz war sieben Jahre alt, als sich die russischen Truppen den Grenzen der damaligen Tschechoslowakei näherten. Einen Tag vor dem Einmarsch flüchtete ihre Familie in die Schweiz. Vor zwei Monaten verliess Hedva das Land mit ihrer Tochter. Hedva sah sich verfolgt von ihrem «Ex». Die Flucht ist noch nicht zu Ende.

Auf Frauenalimente hatte sie im Scheidungsprozess verzichtet. Zweimal war sie mit Rolf Enz verheiratet. Zweimal wurde die Ehe geschieden. Hedva ist inzwischen in die Schweiz zurückgekehrt. Sie bewohnt heute eine kleine Zweizimmerwohnung in Basel. Das Sorgerecht über ihre beiden Kinder hat sie verloren.

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Ob es Liebe war, die sie mit Rolf zusammenführte? «Das eben, was ich dafür hielt», sagt sie. An einer Herbstmesse lernte man sich kennen, kam ins Gespräch, ging essen, dann zum Tanz. Hedva war 17, Rolf 21. «Seine Ruhe gefiel mir, auch seine Uberlegenheit.» Nein, «sehr ausgeglichen» sei sie nie gewesen, «Rolf aber ein Fels».

Nachdem Rolf Enz seine Ausbildung beendet hatte, kaufte er sich ein altes Bauernhaus. Hedva war 21, als sie ihn heiratete und zu ihm zog. Als die Renovationsarbeiten das Haus unbewohnbar machten und das junge Paar bei Rolfs Eltern wohnte, kam es zusehends zu Spannungen; Rolf war selten zu Hause. Hedva fühlte sich ausgeschlossen. Nach vier Jahren war die Ehe geschieden – kinderlos.

Hedva bezog eine Wohnung im nächsten Dorf, arbeitete als Küchenhilfe. Rolf wünschte, dass der Kontakt zu ihr bestehen bleibe. Mit Erfolg: Zwei Jahre nach der Scheidung war sie schwanger. Von Rolf.

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«Ich brauche das Gefühl der Sicherheit», sagt Hedva. Rolf und sie heirateten wieder. Mutter und Kind zogen in das renovierte Haus. «Wir waren eine Art Kleinfamilie», sagt sie und korrigiert sogleich: «Nein. Er war selten zu Hause.»

Zwei Jahre nach der Geburt von Sarah kam Natascha zur Welt. Hedva war unzufrieden. Sie langweilte sich. So kam sie ihrem Nachbarn näher. Hedva und Rolf konsultierten einen Paartherapeuten. «Wir redeten viel um den heissen Brei», erzählt sie. Vor allem kam das Paar – mit «therapeutischer Hilfe» – überein, wie oft Hedva ihren Nachbarn Arthur Pieth besuchen dürfe; «Rolf hatte nichts dagegen».

Dauernd den «Ex» im Rücken
Mit der Zeit verbrachte Hedva die Nacht bei Pieth und hütete tagsüber die Kinder. Rolf akzeptierte, dass sie mit dem Freund und ihren Kindern in die Ferien fuhr. Als Pieth Hedva bat, doch ganz zu ihm zu ziehen, tat sie es – «ohne zu zögern». Die Ehe wurde wenig später geschieden.

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Sarah und Natascha wohnten jetzt bei ihr und ihrem Freund – ein Dorf weiter. Das Sorgerecht hatte noch immer Hedva. Enz bat den dortigen Sozialdienst, «betreff Hedva» doch bitte «auf der Hut zu sein».

Arthur Pieth, Gemüsehändler, blieb vom Vorleben seiner Partnerin nicht verschont. Er bekam von seiner Kundschaft zu hören, er habe «eine Familie kaputtgemacht». Hedva Enz: «Mein "Ex" streute derlei Gerüchte.» Enz deckte Hedva telefonisch auch mit vielfältigen Ratschlägen ein. Im März 1997 hatte Arthur Pieth «von den ewigen Schikanen» genug. Er verliess Hedva. Sie aber war von ihm schwanger.

Die zweifache Mutter wechselte den Wohnort. Wiederum wurde Enz bei der Vormundschaftsbehörde vorstellig; Hedva nehme ihre Pflichten nicht wahr, erklärte er, seine Kinder seien zusehends verwahrlost. Das Amt hingegen sah keinen Grund einzuschreiten.

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Rolf Enz hatte das zweite Mal geheiratet. Diese Ehe dauerte ganze vier Monate. Hedva bat um ein Gespräch mit der geschiedenen Frau. Die Polin erklärte, Enz habe sie geschlagen. Aber sie verbot Hedva, dies beim Sozialdienst für ihren Kampf ums Sorgerecht geltend zu machen.

Januar 1998. Hedva Enz zieht in den Aargau. Noch immer ist sie «auf der Flucht vor dem "Ex"». Ihren Unterhalt bestreitet sie mit Näharbeiten. Die Unterhaltszahlungen für Enz’ Jüngste, mittlerweile Erstklässlerin, belaufen sich auf 800 Franken. Vom Sozialamt der kleinen Gemeinde erhält sie «regelmässig Besuch».

Rolf Enz ist besorgt um die Gesundheit seiner Jüngsten: «Die Kindsmutter kann nicht garantieren, dass die Allergien der jüngeren Tochter fachgerecht behandelt werden», erklärt er den Behörden. Sarah, die ältere, wohnt mittlerweile bei ihm. Im Februar 1998 weilt Sarah bei ihrer Mutter in den Ferien. Diese entschliesst sich kurzerhand, das Mädchen bei sich zu behalten. «Sarah war nicht unglücklich bei mir», sagt sie. Nach drei Monaten wird sie mit polizeilicher Hilfe zu Rolf Enz zurückgebracht.

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Auch im Aargau wechselte Hedva Enz ihren Wohnort. Einmal mehr hoffte sie, den «Verleumdungen des "Ex"» zu entkommen. Enz hatte mittlerweile finanzielle Bedenken: Zuhanden des Sozialamts machte er geltend, das Einkommen der Mutter reiche für den Unterhalt der Jüngsten nicht mehr aus. In der Tat: Hedva stand das Wasser am Hals.

Die kleine Wohnortgemeinde unterstützte sie bloss mit dem minimalen Betrag. Die Rechnung für die Elektrizität konnte Hedva nicht mehr bezahlen. Von der Krankenkasse ganz zu schweigen. Dass Arthur Pieth jetzt plötzlich vor ihrer Tür stand, betrachtete sie als Wink des Schicksals. Der junge Mann wollte die Schweiz mit seinem Wohnmobil verlassen.

Hedva packte ihre Sachen. Knapp ein Jahr verbrachte das Paar an einer südfranzösischen Küste; das Mädchen ging zur Schule. Dann waren Arthur Pieths Ersparnisse aufgebraucht. Die beiden zerstritten sich; Pieth ging wieder eigene Wege.

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Kampf um die jüngere Tochter
Am 6. Juni 1999 kehrte Hedva Enz allein in die Schweiz zurück. Wenig später wurde sie, im neunten Monat schwanger von Arthur Pieth, verhaftet. Enz hatte, während sie in Südfrankreich war, das Sorgerecht über Natascha erstritten; danach hatte er die Mutter wegen Entziehens von Unmündigen verklagt. Das Verfahren wurde eingestellt. Natascha aber musste zu ihrem Vater umziehen.

Rolf Enz hatte beim Verfahren mit gezinkten Karten gespielt. Hedvas Vertreter habe sein Mandat niedergelegt, gaukelte er dem Richter vor. Dieser überprüfte die Behauptung nicht. Da Hedva in Frankreich weilte, konnte sie nicht befragt werden.

Hedva Enz lebt heute allein mit ihren Kindern von Arthur Pieth. Ihre beiden älteren Töchter wohnen bei Rolf Enz und werden von fünf verschiedenen Personen betreut. Die Vormundschaftsbehörde von Enz’ Wohngemeinde hält diese Lösung für «durchaus tragbar».

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Hedva will das Sorgerecht über die jüngere Tochter zurückerstreiten. «Wird mich Rolf jemals in Ruhe lassen?», fragt sie.