*Alle Namen von der Redaktion geändert

Wir liessen uns nie etwas zuschulden kommen, wir waren immer ehrlich», beteuert Lydia Berger Castro*. Die Rentnerin mit den funkelnden Augen und den langen schwarzen Haaren arbeitete einst als Designerin und Geschäftsführerin eines Nachtklubs. Ihr Ehemann, Roberto Castro, stammt aus Kuba, ist von dunkler Hautfarbe und verdiente sein Geld früher als Musiker und Sänger im Mittelmeerraum. Romantisches Detail: Die zwei sind auf den Tag gleich alt; am 3. März feierten sie ihren 70. Geburtstag.

Recht und Gerechtigkeit gingen ihnen über alles, sagt Lydia Berger. Doch Recht und Ordnung herrsche in ihrem Quartier rund um den Zürcher Goldbrunnenplatz nicht mehr. Lydia Berger muss es wissen, denn sie kehrte nach Jahrzehnten der Wanderschaft wieder in dieselbe Wohnung zurück, in der sie aufgewachsen war.

Die Quartierbeiz von damals sei nun ein exotisches Restaurant ohne Gäste offensichtlich diene es nur der Geldwäscherei. Auch im Haus der Castros seien die Sitten verwildert; so empfange ein Schwulenpaar ständig Besucher und belästige die Mitbewohner mit Lustschreien. «Ich habe nichts gegen Schwule», sagt Lydia Berger Castro, «aber so etwas gehört sich nicht.»

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Das grösste Unrecht aber habe sich vis-à-vis breit gemacht in der Person eines Garagisten. Der stelle die Autos seiner Kunden auf die Parkplätze, die für die Mieter «ihres» Hauses gedacht seien. Früher hatte Lydia Berger noch ihr eigenes Auto und kehrte von der Arbeit oft spät nach Hause. Da habe sie jedes Mal eine Stunde verloren, bis sie endlich einen Parkplatz gefunden habe. Heute gehe es den motorisierten Mitbewohnern so. Die Polizei tue nichts, und der Garagist grinse nur, wenn sie ihn darauf anspreche.

War es ein Wink des Schicksals, dass Roberto Castro im Tram den Bussenblock der Stadtpolizistin Maja Koller fand? Vom Bussen- zum Denkzettel ist es ja nur ein kleiner Schritt. Jedenfalls steckte einige Tage später ein Bussenzettel unter den Scheibenwischern eines falsch parkierten Autos. Aber einer der besonderen Art. Der Lenker musste keine Busse zahlen, doch wurde er eindringlich gemahnt, den Parkplatz nicht mehr zu benutzen; er gehöre zum angrenzenden Wohnhaus und nicht zur Garage. Mit ungelenker Kraxelschrift unterzeichnet: Maja Koller, Polizistin.

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Ein Bussenzettel ist etwas Ernsthaftes, und deshalb konnte der Automobilist die Angelegenheit nicht einfach als schlechten Scherz abtun. Wer unbefugt Bussen verteilt, auch wenn sie nichts kosten, begeht Amtsanmassung. Die Polizei leitete eine Fahndung ein, das war ihre Pflicht.

Bald stand das Ehepaar Castro Berger im Verdacht, die Tat begangen zu haben. Zwei Stadtpolizisten rückten mit einem Hausdurchsuchungsbefehl aus.

Flugstunde für einen Bussenblock

Gemäss Urteil des Bezirksgerichts klingelten die zwei Polizisten um 10.45 Uhr bei Castros. Roberto Castro öffnete die Tür, worauf ihm die Ordnungshüter den Hausdurchsuchungsbefehl unter die Nase hielten und erklärten, sie suchten Maja Kollers Bussenblock. Da rastete der Rentner aus ungeachtet seines hohen Blutdrucks und seiner Diabetes.

Er versuchte die viel kräftigeren und jüngeren Polizisten (38- und 46-jährig) aus der Wohnung zu drängen und die Tür zu schliessen. Laut Urteil des Bezirksgerichts gebärdete er sich dabei wie wild und rief seiner Frau zu, sie solle ihm die Pistole bringen. Das tat die Gattin glücklicherweise nicht. Im Gegenteil: Sie schaffte offenbar noch einen Dolch fort, der beim Eingang auf einer Kommode lag. Etwas später, aber noch immer im Handgemenge mit den Polizisten, soll Roberto Castro nach hinten gegriffen haben, um den Dolch zu behändigen. Er erwischte aber lediglich einen Feldstecher.

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Die Polizisten riefen Verstärkung, vier Kollegen rückten an: Sie drückten den ehemaligen Gitarristen zu Boden und legten ihm Handschellen an. Im Polizeiwagen gings auf den Posten. Den Bussenblock hatte Lydia Berger zuvor aus dem Fenster geworfen. Die Beamten fanden das Beweisstück im Garten.

Schläge, Tritte und eine Waffe

Das Ehepaar Castro beschreibt den Tathergang gegenüber dem Beobachter wesentlich anders. Wegen seiner geringen Deutschkenntnisse habe Roberto Castro gar nicht verstanden, dass die Polizisten einen Bussenblock suchten. Der Rentner habe auch nicht gewusst, was ein Hausdurchsuchungsbefehl sei. Vorerst habe er etwas Zeit gewinnen wollen, damit seine Frau wenigstens einen Morgenrock über ihr Pyjama ziehen konnte. Als die Polizisten gleich brutal geworden seien, habe er sich gewehrt und seiner Frau zugerufen, sie solle ihm die Waffe geben; zudem sei es ja bloss eine Schreckschusspistole gewesen.

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Lydia Berger ist entsetzt über das Vorgehen der Ordnungshüter: «Sechs Polizisten gingen schliesslich auf ihn los. Als mein Mann wehrlos am Boden lag, stellte der grösste Polizist noch den Fuss auf ihn, als hätte er auf einer Safari ein wildes Tier erlegt. Alle traten meinen Mann mit den Füssen.» Sein Rücken sei ganz blau gewesen. Dann sei Roberto Castro zwei Tage in Haft behalten worden. Bis zum Abend habe er nichts zu essen bekommen, obwohl er als Diabetiker regelmässig essen müsse. Auch die Insulinspritze habe er sich erst mit Verspätung setzen können.

Im Urteil jedoch fehlt diese Schilderung. Ein Grund dafür ist in der Urteilsbegründung nachzulesen: Castro habe während der Untersuchung immer wieder neue Varianten des Ablaufs erzählt. Einmal habe er erklärt, die Polizisten überhaupt nicht behindert zu haben. Dann wieder sprach er von einer Riesenwut; er hätte wohl alle Polizisten umgebracht, wenn er eine richtige Pistole gehabt hätte. Später wollte er von solchen Gefühlen und Aussagen nichts mehr wissen und nach der Waffe habe er auch nicht geschrien.

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Das Ehepaar fühlt sich als Opfer

Das Gericht ging aber von einer massiven Behinderung der Polizisten aus. Damit habe Castro seiner Frau Zeit geben wollen, um den Bussenblock verschwinden zu lassen. Die Gewalt und die Drohung gegen die Beamten stufte das Gericht als nicht leicht ein. Gravierend sei vor allem, dass Castro nach einer Pistole gerufen habe. Dass er sich beim Verhör uneinsichtig zeigte, kam erschwerend dazu. Nicht so schlimm sei hingegen, dass er sich den Bussenblock angeeignet und einen Zettel an einen parkierten Wagen geheftet habe.

Roberto Castro erhielt eine Gefängnisstrafe von fünf Tagen, die er nicht absitzen muss, wenn er sich zwei Jahre lang klaglos hält. Hinzu kommen noch Gebühren von rund 1100 Franken. Kein Pappenstiel für einen Mann, der von der AHV-Rente und Zusatzleistungen lebt.

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Für Lydia Berger war das juristische Nachspiel kurz. Sie gestand sofort, einen Bussenzettel ausgefüllt zu haben, den ihr Mann unter den Scheibenwischer steckte. Damit erfüllte die Frau drei Straftatbestände: Urkundenfälschung, Amtsanmassung und unrechtmässige Aneignung. Das Zusammenfallen mehrerer Vergehen wirke strafverschärfend, argumentierte die Bezirksanwaltschaft. Doch Lydia Berger habe Einsicht gezeigt, deshalb sei ihr Verschulden als leicht einzustufen. Sie erhielt eine Busse von 350 Franken und eine Spesenrechnung von 230 Franken. Als Rentnerin darf sie die Busse in drei Raten abstottern.

Das Ehepaar war bisher ohne Vorstrafen gewesen. Die beiden Rentner sind überzeugt, dass ihnen vor dem Zürcher Bezirksgericht Unrecht widerfahren ist. Das Obergericht wird sich wahrscheinlich mit diesem Fall noch beschäftigen müssen. Und all dies, weil eine Polizistin ihren Bussenblock verloren hatte.

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