Der Luzerner «Todespfleger» Roger A. tötete zwischen 1995 und 2001 in Alters- und Pflegeheimen 27 Menschen. Dafür wurde er zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.

Der Fall weist Parallelen auf zum aktuellen Berner Missbrauchsfall, bei dem ein 54-jähriger Sozialtherapeut gemäss Ermittlungsstand mindestens 100 Opfer missbraucht haben soll.

Es geht um die Frage, wie in Heimen mit Verdacht umgegangen wird. Der «Todespfleger» wie auch der Sozialtherapeut konnten unbehelligt ihr Unwesen treiben, obwohl Mitarbeiter konkrete Verdachtsmomente gegen sie hegten und diese auch äusserten. Stadtrat Ruedi Meier sagt, was die Stadt Luzern als Heimbetreiberin aus dem «Todespfleger»-Fall gelernt hat.

Beobachter: Wie haben Sie damals auf den Fall des «Todespflegers» reagiert?
Ruedi Meier: Als wichtigste Massnahme haben wir das Weiterbildungsbudget verdoppelt. Zudem gelten heute beim Feststellen der Todesursache schärfere Richtlinien. Wenn es Ungereimtheiten gibt, verständigen wir schneller die Polizei. Bei der Medikamentenabgabe achten wir auf die strikte Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips.

Beobachter: Das Weiterbildungsbudget verdoppelt?
Meier: Wir wollen eine Kultur des Hinschauens schaffen und die Bereitschaft des Personals fördern, im Pflegealltag auch den unwahrscheinlichen Fall eines Übergriffs für möglich zu halten. Die Mittel dazu sind häufigere Fallbesprechungen und die Supervision durch Aussenstehende. Weil wir den normalen Pflegebetrieb währenddessen aufrechterhalten werden müssen, brauchen wir genügend Personal.

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Beobachter: Häufigere Teamsitzungen können Missbrauch verhindern?
Meier
: Ja. Die Fallbesprechungen bieten Gelegenheit, mögliche Ungereimtheiten zum Thema zu machen. Demente Menschen etwa reagieren sehr emotional. Sie sind zu der einen Pflegeperson sehr herzlich, zu einer anderen eher aggressiv. An den Sitzungen spricht das Team über solche Verhaltensauffälligkeiten und versucht die Ursachen zu ergründen. Wenn ein Patient nur auf eine bestimmte Pflegeperson sehr heftig reagiert, kann das ein Hinweis sein, dass etwas nicht stimmt.

Beobachter: Besteht da nicht die Gefahr, dass jeder jeden verdächtigt?
Meier: Es ist eine Gratwanderung. Die Kultur des Hinschauens ist sehr wichtig, anderseits darf es nicht zu einem generalisierten Misstrauen kommen. Der Austausch im Team muss offen und von Vertrauen geprägt sein, ohne dass es darum geht, jemanden zu demaskieren. Um eine gute Betreuungsqualität zu erreichen, muss das Pflegepersonal die eigene Befindlichkeit reflektieren und darüber reden. Denn wenn die Befindlichkeit beeinträchtigt ist, leiden die Patienten und Schutzbefohlenen.

Beobachter: Gibt es sichtbare Erfolge dieser Massnahmen?
Meier: Der Erfolg ist natürlich schwierig messbar. Aus den Sprechstunden, die wir in den Betagtenzentren anbieten, erhalten wir ein positives Echo. Das Gleiche gilt für die Qualitäts- und Zufriedenheitsbefragungen, unter Bewohnern und Mitarbeitenden.

Beobachter: Was würden Sie den vom aktuellen Missbrauchsfall betroffenen Heimen raten?
Meier
: Grundsätzlich braucht es viele Gesprächsmöglichkeiten, möglichst ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen. So ist ein gemein­sames Lernen möglich. Für die spezifisch strafrechtlichen Aspekte sind die Straf­behörden zuständig, für Mängel in der ­Führung die vorgesetzten Stiftungsräte oder Vorstände.