Den Ungerechtigkeiten des Lebens begegnet Katharina Weber oft auf dem Nachhauseweg. Wenn sie keuchend mit einem Anhänger voller Einkäufe den Hang zu ihrem Holzhaus hinaufradelt und ihre Nachbarin im Auto vorbeibraust, bloss um Gipfeli im Dorf zu holen. Autos stehen schon lange nicht mehr auf den Parkplätzen vor Webers Haus in Räterschen bei Winterthur. Durch den Kies spriessen Blumen, mittendrin liegt ein Haufen Äste. Daneben steht ein Unterstand mit Velos, Anhänger und Leiterwagen. Nach der Geburt der Zwillinge vor 13 Jahren hat Ehemann Martin Geiger seinen Deux Chevaux verkauft. Und Katharina hat ihn trotz schmerzenden Waden nie vermisst. «Ein Auto wäre mir viel zu stressig.»

Stressig? Die meisten empfinden es als anstrengend, ohne Auto den Alltag zu bewältigen. Katharina Weber kennt die Argumente. «Immer wieder sagen mir Leute, dass sie ihr Tagesprogramm ohne Auto nicht schaffen könnten. Solche Programme mache ich gar nicht erst.» Dabei könnte auch sie über Zeitnot jammern - schliesslich hat sie drei Kinder, ein halbes Pensum als Lehrerin, ein grosses Haus mit Garten und 17 Obstbäume in zehn Kilometer Entfernung. Ihre Devise: «Pro Tag wird nur das Machbare erledigt. Gewisse Besorgungen müssen manchmal halt warten.» Ihr Leben schätzt sie als geruhsamer ein als jenes von automobilen Bekannten.

Ihr Mann Martin Geiger ist der gleichen Meinung. Morgens radelt er - mit «ganz wenigen Ausnahmen» - bei jedem Wetter erst 20 Minuten nach Seen, um von dort den Zug nach Zell im Tösstal zu nehmen, wo er als Heilpädagoge arbeitet. So braucht er 50 Minuten für eine Strecke, die sich im Auto in 10 Minuten zurücklegen liesse. «Möglichst schnell am Ziel zu sein heisst nicht, dass man dann mehr Zeit hat. Vor allem nicht Zeit für sich selbst.» Nicht jeder kann sich aber eine lange Heimreise leisten, das wissen auch Weber und Geiger. Wer seine Kinder in der Krippe holen und gleichzeitig sein Stundensoll am Arbeitsplatz erfüllen muss, ist oft froh um jede gesparte Minute Wegzeit.

Ferien macht die Familie Geiger Weber am liebsten in autofreien Dörfern im Wallis und im Bündnerland. Geflogen wird aus ökologischer Überzeugung nicht. «Meine Kollegen finden unseren Lebensstil ziemlich uncool», erzählt der 14-jährige Sohn Simon. «Die können sich nicht vorstellen, dass man ohne Auto und sogar ohne Fernseher gut leben kann.» Dass er ab und zu mit Teamkollegen im Auto zu Fussballspielen fahren muss, empfindet Simon im wahrsten Sinne des Wortes als notwendiges Übel: «Mir wird immer schlecht im Auto.»

Nie Auto fahren gelernt
Die Geburt von Kindern ist für viele Familien der Grund, sich ein Auto zuzulegen. Das Ehepaar Spaar aus Hettlingen im Zürcher Weinland sieht jedoch auch nach dem sechsten Kind keine Notwendigkeit für eine Benzinkutsche - zum Leidwesen von Michi, dem jüngsten der Jungen und Mädchen zwischen vier und 18 Jahren. Als die Autofahrt für das Beobachter-Fotoshooting zum lokalen Bahnhof schon nach zwei Minuten vorüber ist, klettert er mit enttäuschter Miene vom Rücksitz. Er liebt das Autofahren - genauso wie seine älteste Schwester, die sich soeben für Fahrstunden angemeldet hat.

Seine Mutter Margret Spaar hat nie ein Auto besessen, wie bereits ihre Eltern. «Warum sollen wir plötzlich darauf angewiesen sein? Unsere Kinder hätten sowieso keinen Platz darin.» Nein, sie werde nie Auto fahren lernen und wolle auch nie eines haben. Zum Glück ist Ehemann Martin Spaar ein - gemäss eigenen Worten - «verhinderter Handwerker». In der Garage stehen 20 Fahrräder ordentlich in einer Reihe, regelmässig landet eines auf seiner Werkbank im Keller. Auch er hat nie ein Auto besessen. Und warum eines anschaffen, wenn es auch ohne geht? Nebst Umweltfreundlichkeit ist es für ihn vor allem eine Frage der Gewohnheit. Und diesbezüglich sieht er den gesellschaftlichen Alltag viel zu stark aufs Auto ausgerichtet. «Es ist doch absurd, dass man Kindergärtlern einen Leuchtbändel umhängen muss, damit die Autos sie nicht überfahren.»

Martin Spaar ist zwar aus geschäftlichen Gründen Mitglied des Car-Sharing-Anbieters Mobility. Doch das Angebot nutzt er selten. Auto fahren sei «ermüdend». Lieber radelt er die Strecke ins Büro, 25 Velominuten nach Winterthur. Seine Geschäftsreisen, die er als Herausgeber einer Fachzeitschrift nach Hamburg und Barcelona unternehmen muss, erfolgen im Zug. Seine Kinder zu einem ihrer zahlreichen Sport- oder Musikkurse mit dem Auto zu fahren käme für ihn nie in Frage: «Wir richten unsere Aktivitäten nach der Erreichbarkeit per Velo oder öffentlichen Verkehr aus.»

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Autos sind teurer als öffentlicher Verkehr
Die Spaars geben viel Geld für öffentliche Verkehrsmittel aus. Ein Auto käme sie dennoch einiges teurer zu stehen. Der Touring-Club Schweiz hat die jährlichen Kosten für ein Durchschnittsauto (Wert: 32'000 Franken) bei einer Fahrleistung von 15'000 Kilometern berechnet und ist auf 10'700 Franken gekommen. 60 Prozent des Betrags müssen auch dann bezahlt werden, wenn das Auto in der Garage steht: für Steuern, Versicherung, Parkplatzmiete, Amortisation. Da fahren die Spaars billiger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln: Pro Jahr bezahlen sie etwa 6'800 Franken für Abos und Tickets. Dafür kosten ihre Einkäufe im Dorfladen mehr als beim Grossverteiler in der Peripherie; doch dort kommt man wiederum nur mit dem Auto hin, was die Kosten für den Einkauf auch wieder erhöht. Die elfjährige Tochter Kathrine weiss sich denn auch zu verteidigen, wenn die Buben in der Klasse sie hänseln und sagen, ihre Eltern seien ja bloss zu arm für ein Auto. «Ich sage denen, dass wir das Geld halt für wichtigere Dinge ausgeben», erzählt sie selbstbewusst.

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Der Ekel gegenüber Autos
Heilpädagoge Martin Geiger aus Räterschen hätte eine Idee, wie man den Leuten den hohen Preis fürs Autofahren bewusster machen könnte: «In jedes Auto ein Taxameter. Das würde die Fahrten bestimmt reduzieren.» Wenn er im Auto der Nachbarn zu seinen Obstbäumen fährt, wird jeder Kilometer verrechnet - so ist er sich jedes Mal über die Kosten im Klaren. Zudem müssten die Velowege in der Schweiz viel besser ausgebaut werden, um das Velo zur attraktiven Alternative zur Stahlkarosse zu machen, erklärt er. «Gemäss Statistiken sind ein Drittel aller Autofahrten weniger als drei Kilometer lang. Vielleicht würden gute Velowege dafür sorgen, dass einige Leute das Auto ab und zu in der Garage lassen.» Aber Geiger weiss: Die Vorstellung, nur eine Einkaufstasche transportieren zu können, bringt umweltfreundliche Vorhaben schnell zum Verschwinden. Und Veloanhänger sind nun mal kein Statussymbol. Er versteht dennoch nicht, warum in den Diskussionen zur CO2-Verringerung der Verzicht aufs Auto kein Thema ist.

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Der Anteil autofreier Haushalte nimmt ständig ab. In der Schweiz sind es noch 19 Prozent, 1984 waren es 32. Gemäss Bundesamt für Statistik haben rund 50 Prozent aller Haushalte ein Auto, 30 Prozent sogar zwei oder mehr. Gründe für die Zunahme: Zersiedelung, wachsende Distanzen zwischen Wohn- und Arbeitsort, Auslagerung von Arbeitsplätzen aufs Land, steigende Erwerbstätigkeit von Frauen sowie eine immer ausgeprägtere Konsumlust.

Die Stadtzürcherin Daniela Kolli* erachtet es als «schizophren», dass der Bund Kampagnen gegen das Rauchen führt, nicht aber gegen das Autofahren. «Auf grossen Plakaten warben Leute mit zugehaltener Nase fürs Nichtrauchen», sagt sie. «Mir stinkts schon lange!» Es begann in den achtziger Jahren, als sie in einer Parterrewohnung in Berlin lebte. «Damals liessen die Autofahrer im Winter die Motoren warm laufen, bevor sie einstiegen», erzählt sie. «In meiner Wohnung roch es fürchterlich.»

Ihr Ekel hält bis heute an. «Autofahren ist entgegen einer weitverbreiteten Auffassung keine Privatsache, wenn der Allgemeinheit Lärm und schlechte Luft beschert wird.» Bei der Organisation Umverkehr macht sie sich für eine nachhaltige Mobilität stark. Aus Überzeugung verzichten Kolli und ihre Familie gern auf die «möglichen» Vorteile des Autofahrens: die Privatsphäre im eigenen Auto und die einfachere Logistik dank Kofferraum. Zürich als Wohnort haben sie nicht zuletzt deshalb gewählt, weil die Erschliessung durch öffentliche Verkehrsmittel hier gut ist. Geflogen wird nicht. In die Ferien fährt das Paar mit seinen drei Töchtern «überall dorthin, wo wir in vier Stunden Zugfahrt hinkommen». Züge betrachtet Kolli als kindgerechter als Autos: «Man muss Kinder nicht festschnallen, sie können herumlaufen, wir können mit ihnen spielen.»

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«Autofreie» Kinder entwickeln sich besser
Ihren Mann musste Kolli übrigens erst vom autofreien Leben überzeugen. Er brachte zu ihrem Leidwesen ein Auto mit in die Beziehung. Erst nach einer ÖV-Testphase entschied er sich zum Autoverkauf: Einen Monat lang notierte er die Zeiten, die er für seinen Arbeitsweg quer durch Zürich mit Tram und Bus brauchte. Er stellte fest: Abends reduzierte sich die Dauer des Heimwegs um einiges im Vergleich zum Auto. Zudem ärgerte er sich nicht mehr über schlechte Autofahrer. Und er konnte den zweiten Teil der Zeitung lesen, die er morgens auf dem Hinweg zu lesen begonnen hatte.

Die zehn Jahre alten Zwillinge des Ehepaars fahren schon, seit sie acht sind, allein von ihrem Wohnquartier Hirslanden quer durch die Stadt zum Musikunterricht. Ohne Probleme lesen die beiden Fahrpläne und legen Routen fest. Die Tochter ist stolz auf ihre Eigenständigkeit. «Viele meiner Klassenkameraden werden mit dem Auto zur Schule gebracht», erzählt sie.

Auch die Kinder der Familien aus Räterschen und Hettlingen benutzten schon früh die öffentlichen Verkehrsmittel allein. Damit verfügen sie über ein Können, das immer mehr Kindern fehlt, weil die Eltern sie stets chauffieren. Das sogenannte «helicopter parenting» führt laut Fachkreisen zu einem bedeutenden Entwicklungsverlust. Die Kinder verlieren Möglichkeiten, ihre weitere Umgebung selbständig kennenzulernen und soziales Verhalten zu lernen.

Es ist ein Dilemma: Weil der Verkehr und damit die Gefahren zunehmen, kutschieren Eltern ihre Kinder herum und verursachen so selbst Mehrverkehr. Dabei ginge es auch anders. Ohne Auto zu leben bedeutet zwar mehr Organisation - aber auch ungeahnte Vorteile.

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*Name geändert