Der Mann hört das Geschrei der Kinder nicht, als sie um elf Uhr auf den Pausenplatz des Colegio Nou d’Octubre strömen, an jenem sonnigen 29. Mai am Stadtrand von Valencia. Er liegt unter einem Baum auf der anderen Seite des Pausenplatz-Zauns, scheinbar schlafend, bedeckt mit einem blauen Schlafsack. Ein paar Zweitklässler, die sich am Zaun balgen, bemerken ihn, rufen ihm zu. Der Mann rührt sich nicht.

Es ist Michael Bucher (Name geändert), der dort liegt. Tot. Ein Deutschschweizer, etwas über 40, am Kopf klafft eine Wunde. Bucher ist erschlagen worden.

Wenige Stunden später nimmt die Policia Nacional in Valencia den mutmasslichen Täter fest: Anton Schneider (Name geändert), 60 Jahre alt, ursprünglich aus Schaffhausen, seit gut einem Jahr aber in Valencia zugange. Schneider bestreitet, etwas mit Buchers Tod zu tun zu haben, die Polizei dagegen rechnet mit genügend Beweisen, um ihn überführen zu können. Eine Untersuchungsrichterin ordnet am 1. Juni U-Haft für Schneider an. Dort ist er noch immer. «Der festgenommene Schweizer steht unter dringendem Tatverdacht, seinen Landsmann getötet zu haben», lässt eine Sprecherin der Generaldirektion von Valencias Policia Nacional auf Anfrage verlauten. Angaben zu einem möglichen Motiv oder zu einer Tatwaffe will sie keine machen, auch das weitere Verfahren ist noch unklar.

Körperverletzung und Sachbeschädigung

Was den Fall pikant macht: Anton Schneider ist kein Unbekannter. In Schaffhausen halten ihn die einen für ein liebenswertes Stadtoriginal, einen schrägen, aber harmlosen Vogel – andere, darunter die Behörden, betrachten den Aussteiger als gefährlichen Querulanten, der Menschen tätlich bedroht und zur Gewalt gegen Behördenmitglieder aufruft. Spätestens nach zwei Dokumentarfilmen des Schweizer Fernsehens (SF) ist Schneider auch schweizweit bekannt. SF stöberte ihn 2007 in Frankreich und Anfang dieses Jahres in Valencia auf, porträtierte den drahtigen, energischen Mann. Zeigte, wie er auf einem verlassenen Flecken Brachland in einer behelfsmässigen Unterkunft hauste, zeichnete das beinahe romantische Bild eines eigenwilligen Sonderlings, der durch Valencia streicht, um sich auf der Strasse das Nötigste zum Leben zu beschaffen.

Dabei ging unter, dass der 60-Jährige beileibe kein Unschuldslamm ist. Im Dezember 2005 nämlich verurteilte das Obergericht des Kantons Schaffhausen Anton Schneider zu 15 Monaten Gefängnis, wegen mehrfachen Versuchs der schweren Körperverletzung, wegen einfacher Körperverletzung, Sachentziehung und Sachbeschädigung. Anstelle des Strafvollzugs ordnete das Gericht eine zeitlich unbefristete stationäre therapeutische Massnahme in der Psychiatrischen Klinik Rheinau an. Im Sommer 2006 entwich Schneider von dort. Die Schaffhauser Behörden schrieben ihn national zur Fahndung aus, doch Schneider blieb verschwunden, war abgetaucht.

Anzeige

Wie machtlos war die Schweiz wirklich?

Nun, nach der Mordtat in Spanien, gelangen die Angehörigen des getöteten Michael Bucher an den Beobachter, verzweifelt, voller Unverständnis. Sie fragen sich: Warum haben die Behörden nicht versucht, Schneider wieder in die Finger zu bekommen? Warum haben sie ihn nicht europaweit ausgeschrieben, wo er doch als gefährlich genug für eine nationale Fahndung angesehen wurde? Warum nahmen sie keinen Kontakt mit den spanischen Behörden auf, wo doch spätestens seit der Ausstrahlung des zweiten TV-Films klar war, dass sich Schneider in Valencia aufhielt?

Für die Schaffhauser Behörden ist klar: Für eine internationale Ausschreibung Anton Schneiders fehlte die Rechtsgrundlage. «Schon der Film des Schweizer Fernsehens suggerierte, wir hätten Schneider einfach laufen lassen, ohne uns zu bemühen, ihn wieder in die Massnahme zu versetzen», sagt Stefan Bilger, Staatsschreiber des Kantons Schaffhausen. «Das ist ein falsches Bild. Wir hatten gar keine Möglichkeit, ihn aus dem Ausland zurückzuholen.» Denn als der Aussteiger 2005 verurteilt wurde, hatte er im Rahmen eines selber beantragten vorzeitigen Strafantritts bereits mehrere Monate im Gefängnis und in der psychiatrischen Klinik verbracht. Zum Zeitpunkt seines Ausbruchs 2006 hatte er rein rechnerisch seine 15-monatige Gefängnisstrafe bereits verbüsst. Staatsschreiber Bilger: «Eine internationale Ausschreibung ist aber nur möglich, wenn der entwichene Häftling noch eine Reststrafe abzusitzen hat.»

Das stimmt zwar. Doch die therapeutische Massnahme, die das Gericht 2005 angeordnet hatte, war für unbefristete Zeit ausgesprochen und folglich zum Zeitpunkt von Schneiders Ausbruch noch nicht zu Ende – die Behörden hatten mehrere seiner Entlassungsgesuche abgelehnt, hielten es also für keine gute Idee, Schneider in Freiheit zu entlassen. Reicht das tatsächlich nicht aus für eine internationale Ausschreibung, wie es der Kanton Schaffhausen behauptet?

Anzeige

Eine Nachfrage beim Bundesamt für Justiz, das für internationale Rechtshilfegesuche und Auslieferungsanträge zuständig ist, zeigt: Solche Fälle kommen sehr selten vor und können komplizierte Rechtsfragen aufwerfen. Sprecher Folco Galli erklärt: «Die Frage ist: Hatte die Massnahme, aus der jemand entwichen ist, einen sichernden Charakter und lässt deren voraussehbare Restdauer eine Auslieferung zu?» Man müsse solche Fälle individuell prüfen. Sprich: Soll die Gesellschaft vor einem Täter geschützt werden, kann das Bundesamt einen flüchtigen Häftling auch international ausschreiben. Steht bei der Massnahme aber die Therapierung des Verurteilten im Vordergrund, fehlt dafür die Rechtsgrundlage. Zum Schaffhauser Fall will sich das Bundesamt für Justiz nicht äussern. Klar scheint aber, dass die Behörden Schneiders Massnahme als Therapie sahen, nicht als Strafe oder Wegschliessung von der Gesellschaft.

Opfer und Tatverdächtiger kannten sich

Was vor Michael Buchers Tod in Valencia genau geschah, liegt im Dunkeln. Sicher ist: Der Film von SF vom Februar ist der Grund, weshalb sich Bucher im Frühling auf nach Spanien macht. Er war Schneider im Umfeld der Zürcher Jugendunruhen von 1980 begegnet, verlor dann aber den Kontakt – bis er am Fernsehen wieder auf den 60-Jährigen stösst. Bucher, ein Weltenbummler, ist begeistert. Er beschliesst, nach Valencia zu fahren, um seinem alten Bekannten bei der Bewältigung des Alltags zu helfen.

Die beiden verbringen gut sechs Wochen zusammen. In Bars und Internet-Cafés, die Schneider früher allein besuchte, bemerkt man, dass er nun einen Begleiter hat. Wie ihr Verhältnis aussieht, ist schwierig zu sagen. In Anrufen in die Schweiz beklagt sich Bucher, das Zusammenleben mit Schneider werde immer schwieriger, er sei herrisch, zunehmend «düre», es sei kaum mehr auszuhalten mit ihm. Offenbar plante Bucher, in die Schweiz zurückzukehren. Er konnte die Rückreise nicht mehr antreten.

Anzeige

Zurück bleiben seine Angehörigen, die nicht verstehen können, dass die Schweizer Behörden bei der Suche nach Schneider derart untätig geblieben sind. Die Schwester des Mordopfers klagt an: «Wie kann es sein, dass ein hierzulande als gewaltbereit und unberechenbar eingeschätzter Mann der Gesellschaft eines anderen Landes zugemutet wird?»