Der erste Schultag. Erwartungsfroh sass das dunkelhaarige Mädchen zusammen mit den anderen Kindern im Klassenzimmer der kleinen Gemeinde im Berner Seeland. Alle sprachen Berndeutsch. Bis auf Neiyra. Was sie am ersten Schultag lernen musste, sollte sie erst in späteren Jahren realisieren: Sie ist die Fremde. Ein Mitschüler liess sie wissen: «Meine Mutter sagt, dass alle Ausländer Läuse haben.» Bisher war es für sie die normalste Sache der Welt gewesen, dass sie aus Ägypten stammt.

Geboren wurde Neiyra Osman in Deutschland. Als sie neun Jahre alt war, zog ihre Familie in die Schweiz. In den folgenden Jahren machte sie immer wieder die Erfahrung, dass Muslime in der Schweiz keinen leichten Stand haben. Einmal forderte eine Lehrerin sie auf, aus der Bibel vorzulesen. «In der Schule erlebte ich oft Sticheleien. Eine Lehrerin erzählte, sie habe im ‹Blick› gelesen, dass ein Ölscheich den Direktor einer Uhrenfirma gefragt habe, wie viele Kamele er für die blonde Sekretärin wolle.»

Als sie nicht mehr in der kleinen Gemeinde, sondern in Biel zur Schule ging, entschärfte sich die Situation. Hier macht kaum jemand diskriminierende Bemerkungen. Vielleicht auch deshalb, weil sie kein Kopftuch trägt. «Häufig glauben die Leute, ich sei Spanierin oder Italienerin. Ich passe nicht in das Bild, das sie sich von einer Muslimin machen.»

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Tatsächlich haben viele Schweizerinnen und Schweizer ein einseitiges Bild von der muslimischen Kultur. Islam - das heisst für sie Unterdrückung der Frau, heiliger Krieg, Gefahr! Kaum eine Weltreligion wird derart verteufelt wie der Islam. Dabei haben Islam und Christentum dieselben Wurzeln wie das Judentum. Ihr Ursprung geht auf Abraham zurück. Seine Nachkommen sind die drei Propheten Mohammed, Moses und Jesus. Trotz den Gemeinsamkeiten dauerte es 2000 Jahre, bis ein Papst diesen Frühling erstmals - in Damaskus - eine Moschee betrat.

Seit 1996 besitzt Neiyra Osman den Schweizer Pass. Sie fühlt sich hier zu Hause, studiert hier. Die 26-Jährige steht kurz vor den Abschlussprüfungen ihres Jurastudiums. Gerechtigkeit sei ihr von jeher wichtig gewesen, sagt sie. Dass die Lehrer damals in der Primarschule der Meinung waren, sie gehöre nicht ins Gymnasium, belustigt sie heute. Sie schliesst nicht aus, dass sie diese Negativerfahrungen zusätzlich motiviert haben. Trotz diesen Erlebnissen hat Neiyra ein positives Bild von der Schweiz. «Meine Eltern und meine Schwester leben hier, und ich habe Freunde, denen ich vertraue.»

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In der Schweiz leben rund 200'000 Muslime. Damit ist der Islam die drittgrösste Religionsgemeinschaft des Landes. Viele Muslime bemühen sich darum, Vorurteile abzubauen, und beteiligen sich aktiv an Projekten zur Integration. Dass eine Zeitungsmeldung über islamische Fundamentalisten bereits reicht, um diese Anstrengungen ernsthaft zu gefährden, schmerzt die Muslime. Nach dem Attentat von Luxor wurde Neiyra gefragt, was sie über diesen Terroranschlag denke. «Dieses Gemetzel hat nichts mit Religion zu tun», sagte sie. «Das sind kranke Menschen ohne jegliche religiöse Basis.»

In einer Umfrage in Deutschland gaben 52 Prozent an, sie würden einen Muslim als Ehepartner ihres Kindes ablehnen. Einem Buddhisten stehen 46, einem Juden 30 Prozent skeptisch gegenüber. Was ist es, wovor sich die Menschen in Westeuropa so fürchten? «Viele gehen davon aus, dass der muslimische Mann automatisch ein Tyrann ist. Wenn dem Menschen etwas fremd ist, hat er viel schneller Angst davor», ist Neiyra Osman überzeugt. Bücher wie «Nicht ohne meine Tochter», aber auch die Darstellung der Muslime in Kinofilmen würden dazu beitragen, dass ihre Religion in einem schlechten Licht erscheine.

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Tatsächlich: Vor allem die amerikanische Filmindustrie hat das Feindbild Islam entdeckt. Nach dem Niedergang des Kommunismus und der Demütigung der USA durch das Khomeini-Regime weisen die Bösewichte in Hollywoods Actionfilmen auffallend oft arabische Gesichtszüge auf. Statt gegen den «bösen Russen» kämpfen James Bond, Rambo und Co. nun gegen meist tumbe islamische Fundamentalisten.

Der Bombenleger war kein Muslim Als in Oklahoma City (USA) 1995 eine Bombe nahezu 200 Menschen in den Tod riss, wurde in den lokalen Medien einhellig gemutmasst, dies müsse die Tat muslimischer Terroristen sein. Bis sich herausstellte, dass der Amerikaner Timothy McVeigh der Täter war. Die Auswirkungen dieses künstlich geschürten Hasses sind für die Betroffenen verheerend. Muslime stossen in der Schweiz zum Beispiel auf Ablehnung, wenn sie sich für einen eigenen Friedhof oder für eine Moschee einsetzen. «Was glauben die eigentlich?», hört man immer wieder Schweizer schimpfen. Dass das Begräbnis aber ein wichtiger Bestandteil der islamischen Lebensweise ist, wissen viele nicht.

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«Wir unterteilen unser Leben nicht in ein religiöses, politisches und ein alltägliches Leben. Bei uns ist alles eins», sagt Neiyra Osman. «Wir Muslime müssen feststellen, dass die Unwissenheit über die Religion weit verbreitet ist», heisst es auf der Homepage der Muslime in der Schweiz. Diese Unwissenheit ist mit ein Grund dafür, dass Neiyra auch an die Öffentlichkeit tritt. Im neu erschienenen Buch «Allahs Kinder sprechen Schweizerdeutsch» ist sie eine von 24 muslimischen Jugendlichen in der Schweiz, die ihre Geschichte erzählen. 

Neiyra weicht den Fragen, die sie und ihre Religion betreffen, nicht aus. Fragen, die oft die Vorurteile verraten, die dem Islam entgegengebracht werden. «Zwingen dich deine Eltern nicht, ein Kopftuch zu tragen?», wollte man schon von ihr wissen. «Im Koran steht das Wort Kopf oder Haar nicht explizit geschrieben», sagt Neiyra dazu und verweist darauf, dass ihr Glaube nicht davon abhänge, ob sie sich verhülle oder nicht. Einen Minirock jedoch würde sie nicht tragen.

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Umstrittenes Frauenbild
So wie Neiyra interpretieren heute viele junge Musliminnen die Stelle im Koran, wonach die Zierde der Frau zu bedecken sei. «Viele Dinge, die als islamisch betrachtet werden, stammen in Tat und Wahrheit nur aus der Tradition ihres Herkunftslandes und haben in anderen islamischen Kulturen keine Bedeutung», schrieb Hamit Duran in seinem Vortrag anlässlich des ersten Kongresses der Muslime in der Schweiz.

«Dazu gehören zum Beispiel die Stellung der Frau, das Verheiraten von jungen Mädchen ohne deren Einverständnis, die Toleranz gegenüber Knaben und die Strenge gegenüber den Mädchen.» Zur Rolle der Frau bemerkt die Schweizer Muslimin, im Koran werde mit keinem Wort behauptet, die Frau sei dem Mann grundsätzlich untertan. Nur wüssten dies viele nicht.

Im Gespräch mit Freunden bemüht sich Neiyra Osman, ein differenzierteres Bild ihrer Religion zu vermitteln. Dabei spürt man, dass der Dialog in ihrer Familie stark gepflegt wurde, ebenso wie ihr politisches Interesse. Seit sie die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hat, hat sie keinen Urnengang ausgelassen. In ihrem Studium befasst sie sich mit dem schweizerischen Recht und mit schweizerischen Gesetzen. Mit der Scharia, dem islamischen Rechtssystem, hat sie sich bisher nicht beschäftigt.

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Für Neiyra Osman ist die Schweiz wie für viele Muslime ihrer Generation zur zweiten Heimat geworden. Wenn sie heute Ägypten besucht, freut sie sich darüber, ihre Verwandten zu sehen. Aber bereits nach kurzer Zeit merkt sie, dass sie in die Schweiz gehört, dass hier ihr Leben ist.