Das Mädchen liebt Tim und Struppi, Asterix und Obelix, es mag Hip-Hop, zum Beispiel Snoop Doggy Dogg. Ashfarah Rumy spricht leise, wenn sie davon erzählt. Ashfarah wurde wie ihre Schwester Fatima in Sri Lanka geboren. 1990 zog die Familie zu ihrem Vater in die Schweiz. Ende letztes Jahr, nach dem Ramadan, begann das Mädchen ein Kopftuch zu tragen. «Weil das ganz normal für mich war», sagt sie. Fatima hingegen, drei Jahre älter, verzichtete darauf: «Unsere Eltern stellen uns frei, wie wir uns kleiden wollen.»

«Ich hatte nie grosse Probleme wegen des Tuchs, fühlte mich wohl und akzeptiert», sagt Ashfarah, «bis die Diskussion um das Verbot begann.» Boris Banga, Grenchens Stadtpräsident, hatte die Debatte losgetreten und das Schulhaus Kastel, das die 13-Jährige besucht, Anfang Jahr landesweit in die Schlagzeilen gebracht. Nach seinem Besuch im «Kastel» befand Banga, das Tragen eines Kopftuchs gefährde die Integration – und wollte den Brauch an Grenchner Schulen generell verbieten.

Von den 1800 Schülerinnen und Schülern Grenchens sind 350 Muslims. Acht Mädchen tragen ein Kopftuch; die Diskussion um dieses Detail ist nicht neu.

Frauen leiden doppelt
In der Schweiz leben derzeit 320'000 Muslims, etwa 40'000 davon sind Schweizer Bürger. An den Schulen mittlerer und grösserer Städte beträgt der Anteil Muslime zwischen 10 und 19 Prozent. Das Kantonsgericht Neuenburg erlaubte 1999 einer islamischen Schülerin ausdrücklich, ihr Kopftuch während des Unterrichts zu tragen; der Lehrerin einer öffentlichen Schule war das zwei Jahre zuvor vom Bundesgericht verboten worden.

«Der Islam gilt hier als fortschrittsfeindlich, intolerant und menschenrechtsverletzend: Das Stichwort ist mit vielen Klischees behaftet», sagt Amira Hafner-Al Jabaji, Schweizer Islamwissenschaftlerin, und führt aus: «Den Islam als einheitliche Lebensform gibt es aber nicht. Unter dem Begriff existieren die vielfältigsten Kulturen, die widersprüchlichsten Bräuche und Lebensentwürfe.»

Musliminnen in den westlichen Ländern leiden doppelt. Die Zugehörigkeit zum Islam einerseits und zur westlichen Gesellschaft anderseits verlangt von ihnen eine Gratwanderung. Amira Hafner: «Kleidet sich eine Frau westlich, wird sie von Teilen der Muslims in Frage gestellt. Kleidet sie sich traditionell mit Kopftuch, stösst sie bei der Mehrheitsgesellschaft auf Ablehnung.» Das Kopftuch ist das einzige Zeichen, woran die Mehrheitsgesellschaft eine Muslimin erkennt.

Den Frauen der ersten Migrationsgeneration fehlen meist Aussenkontakte. Oft lernen sie die Sprache des fremden Landes nicht. Sie pflegen den Rückzug aufs Häusliche – auf ihre angestammte Kultur. Und je grösser die Feindseligkeiten der Mehrheitsgesellschaft werden, umso näher rücken die Bedrohten zusammen.

Für die Musliminnen selber hat diese Dynamik bedenkliche Folgen. Amira Hafner: «Mit der Bedrohung wächst das Bedürfnis, die eigene Zugehörigkeit zu erkennen zu geben. Beispielsweise anhand des Kopftuchs. Das ist eine fatale Entwicklung: Die beiden Welten driften immer mehr auseinander. Viel wichtiger als die Kopftuchdebatte wäre jedoch, sich als Muslimin am gesellschaftlichen Ganzen zu beteiligen: Das machen zahlreiche Muslime in der Schweiz zu wenig.»

Zum «gesellschaftlichen Ganzen» konnte die 24-jährige Leila D. (Name geändert) nicht viel beitragen. Leila wurde vor 24 Jahren in der Schweiz geboren: Ihre Eltern sind beide Pakistani, die junge Frau lebte zurückgezogen mit ihnen am Rand einer kleinen Schweizer Stadt. Vor einigen Monaten wurde sie Hals über Kopf ausser Landes gebracht. Auf dem Spiel stand die Ehre ihres Vaters.

Ellen, ihre Schweizer Freundin, blieb ratlos zurück. Auch Ellens Name ist geändert. Sie möchte Leila «nicht unnötig gefährden».

Kuss mit fatalen Folgen
Leila und Ellen begannen Ende 2003 eine Pflegerinnenausbildung. «Sehr schnell verband uns eine Freundschaft», erzählt Ellen. Mit den anderen Schülerinnen hatte die Pakistani wenig Kontakt. In den Ausgang ging sie nie. «Leila trank keinen Alkohol, in der Gruppe schwieg sie meistens, und nach der Schule eilte sie nach Hause.» Im Restaurant ihres Vaters, wo sie mithalf, war ihr der Augenkontakt mit männlichen Gästen verboten. Manchmal sagte Leila zur Freundin: «Ich könnte nicht so leben, wie ihr Schweizerinnen lebt. Aber wie ich leben muss, entspricht mir auch nicht.» Leila lachte oft. «Und sie lächelte selbst dann, wenn sie sehr traurig war», sagt Ellen. Dies war im Januar 2004 der Fall.

Leila hatte sich verliebt. Es war ihre erste Liebe, auch er ein Pakistani. Die beiden sahen sich kaum, waren ein Mal in der Woche für eine halbe Stunde allein. «Sie erzählte mir, dass er ihre Hand hielt», sagt Ellen. «Und dann erzählte sie mir, dass er sie auf die Wange geküsst habe.»

Das Problem: Leila war längst einem anderen Mann versprochen. Als Leila ihrer Mutter diesen Kuss beichtete, gabs eine Ohrfeige. Wenig später war die Heirat mit jenem Mann organisiert, den die Eltern für Leila bestimmt hatten.

Ellen: «Ich bot ihr an, bei mir zu schlafen. Der Vater sollte ihre Entschlossenheit spüren. Sie wollte nicht. Im Spass habe ich ihr sogar vorgeschlagen, sie nachts zu entführen. Ihre Augen leuchteten kurz auf. Vielleicht hätte ich das wirklich versuchen sollen.»

Die Freundinnen sollten sich nicht mehr wiedersehen. Im Januar 2004 wurde Leila in ihre «Heimat» zurückspediert – in das Land, das sie noch nie gesehen hatte, zu einem Mann, den sie nicht kannte. Zwar hat die Schweiz den internationalen Pakt unterzeichnet, der eine Zwangsheirat verbietet; Pakistan hingegen nicht.

Für akute Krisensituationen Jugendlicher wurden die beiden «Schlupfhüüser» in Zürich und St. Gallen eingerichtet. Unter jenen, die davon Gebrauch machen, sind auch etliche Musliminnen. Bea Leuppi, Leiterin Schlupfhuus Zürich: «Junge Frauen laufen aus ganz unterschiedlichen Gründen von zu Hause weg. Etwa aus Angst vor Bestrafung, wenn sie sich der elterlichen Vorstellung widersetzen. Andere wiederum fühlen sich zu stark an den Haushalt gebunden; sie dürfen beispielsweise nicht in den Ausgang, haben Probleme mit den Brüdern.»

Der Koran sieht keinen Ehrenmord vor
Die Vermittlungsarbeit innerhalb der Familie muss oft in sehr kurzer Zeit stattfinden: Die maximale Aufenthaltsdauer im Schlupfhuus ist nämlich auf drei Wochen beschränkt. «Die Eltern sind oft froh, dass etwas in Gang kommt», sagt Bea Leuppi. «Manche sind schlicht überfordert. Bei allen Konflikten staune ich immer wieder, wie loyal die Töchter letztlich ihren Eltern gegenüber sind.»

Die Rolle der Frauen ist in den meisten Kulturen vielschichtiger als jene der Männer. Entsprechend komplex sind die Probleme jener, die zwischen die beiden Kulturen geraten. «Die Secondas haben es in der Tat nicht einfach», sagt Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler der Universität Bern. «Bei Konflikten müssen die jungen Frauen den Eltern verständlich machen, dass sie mit den alten Rollenmustern nicht mehr klarkommen. Als Zweites müssen sie erkennen, dass Geschlechterrollen in der westlichen Gesellschaft keineswegs widerspruchsfrei sind – und sich darin zurechtfinden. Die grösste Herausforderung aber kommt danach. Betroffene müssen den traditionellen Glaubensgenossinnen darlegen, dass sie mit der Suche nach einer neuen Ausrichtung den Islam als solchen nicht angreifen, nicht verraten wollen.»

Bei Zahide A., im osttürkischen Elbistan geboren, endete alles in einer Katastrophe. Auf Anordnung des Familienrats wurde die junge Frau am 18. Mai 2001 ermordet – von ihren Brüdern. Die Männer hatten die 21-Jährige mit deren Liebhaber überrascht und das Paar niedergestochen. Zahide hätte ihren Cousin heiraten sollen. Der Brautpreis war bereits bezahlt.

Das Verdikt des Berner Kreisgerichts: 20 Jahre Zuchthaus; ein unbedingter Landesverweis von 15 Jahren.

Die Berner Ethnologin Annemarie Sancar betont: «Für einen Ehrenmord gibt es im Koran keine Vorgabe. Diese Art, den Drucksituationen mit Gewalt zu begegnen, hat mehr mit der heutigen Situation dieser Familie als mit Traditionen zu tun.» Und die Türkei-Kennerin ergänzt: «Viele sehen im Islam eine beispielhaft patriarchale Gesellschaftsform. Dadurch werden solche Taten vorschnell als kulturspezifisch interpretiert. Vergessen wir nicht: Auch bei Schweizer Männern ist die häusliche Gewalt das häufigste Delikt!»

Anzeichen einer islamistischen Bedrohung gibt es in der Schweiz nicht. «Wir haben keine ausgedehnten radikalmuslimischen Strukturen, wie sie zum Teil im Ausland vorkommen», erklärte Jörg Bühler von der Bundespolizei gegenüber der «Tagesschau». «Die Schweiz zählt nach wie vor zu den sichersten Ländern der Welt.» Nichtsdestotrotz scheint sich das unvorteilhafte Bild der Muslims, der Musliminnen in den Schweizer Medien gefestigt zu haben. Eine breit angelegte Studie der Universität Zürich zeigt: Zwei Drittel von 860 Berichten aus dem Jahr 2003 stellen muslimische Personen negativ dar.

Kein Wunder, wollen Dominique Im Hofs Eltern nicht warm werden mit der Partnerwahl ihrer Tochter: Seit fünfeinhalb Jahren ist sie mit Salim Kekouli, geboren in Algier, zusammen. Salim lebt seit 16 Jahren in der Schweiz; die beiden lernten sich an einem Salsa-Fest in Bern kennen. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt er. «Wir müssen uns viel erklären im Alltag», sagt sie. «Das ist manchmal anstrengend, oft bereichernd, bisweilen konfliktträchtig.»

Salim hat sieben Geschwister. «Die familiäre Fürsorge hat in seiner Heimat einen ganz anderen Stellenwert als bei uns», sagt Dominique Im Hof. Für die Berner Ethnologiestudentin haben auch Frauenfragen grosses Gewicht: «Die westliche Gesellschaft ist durchdrungen von Kaufanreizen; diese überfluten uns mit erotischen Motiven. Ob dieses Frauenbild mehr Würde hat als eine verhüllte Muslimin, wage ich zu bezweifeln.»

«Gelebte Toleranz» ist schwierig
Das Paar bewohnt zwei Wohnungen im selben Block. Salim, ursprünglich Laborant, arbeitet heute temporär im Service. «Vor allem aber komponiere und singe ich. Meistens Liebeslieder.»

«Am Anfang hast du unwahrscheinlich oft vom Koran gesprochen», sagt Dominique. «Wer? Ich?» Die beiden lachen. «Salim wollte mich nie bekehren. Aber seine Art zu leben führte mich auf neue Gedanken. Das Schicksal, die schützende Hand, die Idee, dass alles seinen Sinn hat: Diese Dinge sprechen mich an. Ich merkte, dass ich nicht ungläubig bin.»

«Anfänglich warst du auch sehr eifersüchtig», sagt Dominique. «Das hat nichts mit dem Islam zu tun», sagt Salim. «Du hast mich oft kontrolliert.» – «Ich wollte dich nicht verlieren.»

Seit einiger Zeit steht fest, dass die beiden Kinder haben möchten. «Als Paar findet man in vielen Dingen Kompromisse», sagt Dominique. «Mit einem Kind ist das nicht mehr so einfach. Wir haben vor, schriftlich eine erzieherische Vereinbarung festzuhalten.»

«Bevor ich Salim traf, habe ich mich für sehr tolerant gehalten. Durch ihn habe ich jedoch gemerkt, dass es schwierig ist, Toleranz auch zu leben. Ich bin ausserdem sehr fordernd – hielt ihn an, sich weiterzubilden. Er aber wollte Musiker bleiben.»

Das Paar unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht: «In sozialer Stellung, punkto Ausbildung, durch die Herkunft. Aber man muss eben ans Gelingen glauben», sagt Dominique. «Salim ist ein grosser Optimist. Das gefällt mir.»

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