Beobachter: Herr Steiner, stellen Sie sich mal vor, Sie kaufen für teures Geld ein Bioprodukt und finden heraus, dass es gar nicht bio ist. Wie reagieren Sie?
Ueli Steiner: Ich würde mich ärgern. Wenn ich meiner Frau Schmuck kaufe, möchte ich auch, dass er echt ist.

Beobachter: Uns vorliegende Dokumente zeigen aber: Hunderttausende von Litern konventioneller Milch gelangen mit dem Segen von Bio-Inspecta widerrechtlich als Biomilch auf den Markt. Oder Honig ohne die erforderliche Prüfung auf Insektenschutzmittel...
Steiner: Das kann fast nicht sein. Unser Job ist im Grunde einfach, wir stellen Mängel fest und sanktionieren unsere Kunden gemäss Sanktionsreglement. Allerdings gibt es verschiedene Stufen: Wenn ein Bauer ein einzelnes Kriterium nicht erfüllt, wird ihm deshalb nicht gleich das Knospe-Zertifikat entzogen. Wenn etwa der Ackerrandstreifen zum Wald nicht genügend breit ist, rechtfertigt das keine Aberkennung.

Beobachter: Ein harmloses Beispiel. Wir wissen von Fällen, wo Lämmer ohne Betäubung kastriert wurden und Kühe viel zu wenig Auslauf hatten.
Steiner: Wenn Kühe nicht so oft draussen waren, ist die Milch deswegen nicht schlechter. Es gibt gemäss Sanktionsreglement keinen Grund, dem Bauern die Milch deshalb sofort zu sperren. Aber es ist ein Tierschutzproblem, das behoben werden muss. Eine sofortige Sperre zum Beispiel gibt es, wenn ein Bauer widerrechtlich Antibiotika oder Pflanzenschutzmittel einsetzt.

Beobachter: Mitarbeiter von Bio-Inspecta sagen, der Druck der Bauern sei enorm, man traue sich kaum, eine Sanktion zu verhängen. Schützt Bio-Inspecta Bauern vor Sanktionen, um sie nicht als Kunden zu verlieren?
Steiner: Es ist mein Eigeninteresse als Geschäftsführer, dass dem nicht so ist. Die meisten Bauern arbeiten sehr gut, und es gibt nichts zu beanstanden.

Beobachter: Sie führen einerseits eine Art Biopolizei, die streng kontrollieren soll, anderseits dürfen Sie Ihren Kunden nicht auf die Füsse treten.
Steiner: Das ist tatsächlich ein Dilemma. Aber auch bei ISO-Zertifizierungen funktioniert die Geschäftsbeziehung so. Wir müssen Kunden auch Konsequenzen zumuten können.

Beobachter: Haben Ihre Kontrolleure die Schere im Kopf? Wenn sie zu hart einsteigen, verliert ihr Arbeitgeber Bio-Inspecta potentielle Einnahmen.
Steiner: Die Kontrolleure müssen sich nicht fürchten, Mängel zu notieren. Der Entscheid über eine allfällige Sanktion wird zu einem späteren Zeitpunkt durch die Zertifizierungsstelle gefällt.

Beobachter: Aber die Kontrolleure sind es, die aus Sicht des Bauern unmittelbar finanzielle Konsequenzen verursachen. Es gibt Bauern, die bei der Bio-Inspecta erfolgreich die Absetzung von Kontrolleuren forderten.
Steiner: Ich weiss nicht, ob das stimmt. Unsere Kunden geben sich Mühe und wollen bei der Kontrolle von uns lernen. Wenn wir einen Mangel feststellen, ist das nicht in jedem Fall negativ. Einem Biobauern geht es nicht primär um die Direktzahlungen, sondern er will biologische Produkte produzieren und vermarkten. Schwarze Schafe gibt es überall.

Beobachter: Welche finanziellen Einbussen muss denn ein Bauer hinnehmen, wenn er von Bio-Inspecta mit Strafpunkten belegt wird?
Steiner: Wir verhängen Sanktionen, nicht Strafen. Diese können dazu führen, dass die Direktzahlungen des Bundes gekürzt werden.

Beobachter: Über 80 Prozent der Kontrolleure und Zertifizierer sind selber auch Biobauern. Eine Gemeinschaft kontrolliert sich selbst und entscheidet über Direktzahlungen.
Steiner: Das ist nicht so. Es braucht für diesen Job Fachkompetenz, und die haben vor allem geschulte Biobauern.

Beobachter: Tatsache ist aber: Ihre Kunden können damit drohen, zur Konkurrenz zu gehen, zu einer anderen Firma, die das Knospe-Label vergibt.
Steiner: Wir verlieren immer wieder Kunden. In der letzten Kontrollsaison waren es 160, nur 40 davon an die Konkurrenz.

Beobachter: Wie viele Kontrollen haben Sie selbst schon gemacht?
Steiner: Keine. Selber habe ich die Kontrollen schon mehrfach von der anderen Seite erlebt: Ich bin Biobauer, und wir produzieren auf unserem Hof Biomilch.

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