Vermisst werden: 18 Güterwagen, mindestens 30 Jahre alt, mit eingestanzter Nummer, Normalspur. Die den Schweizerischen Bundesbahnen gehörenden Wagen leiden an Altersschwäche und müssen deshalb dringend zur Revision. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sie sich ausserhalb des europäischen Schienennetzes befinden. Hinweise sind erbeten an SBB Cargo oder an jeden bedienten Bahnhof.

Doch auf Hinweise wartet die Bahn vergeblich. Zweimal fahndeten die SBB in europaweiten Suchaktionen nach den verschollenen Waggons – erfolglos. Und doch handelt es sich eigentlich um eine Erfolgsgeschichte. Denn die 18 Güterwagen sind nur ein Bruchteil der insgesamt 6000 Waggons, die die SBB in einen europäischen Pool für Rollmaterial eingebracht haben. Diese Zusammenarbeit revolutionierte vor 50 Jahren den grenzüberschreitenden Güterverkehr. Dank der 80'000 Vehikel im Pool mussten die europäischen Bahnen weniger Rollmaterial leer laufen lassen.

Zeit der politischen Entgleisungen
So konnten die SBB einen französischen Wagen, der Waren in die Schweiz transportiert hatte, wieder an einen ihrer Güterzüge hängen und umgekehrt. Die leeren Wagen mussten nicht mehr nach jeder Fahrt zurück ins Heimatland. Und während es im Kalten Krieg auf dem politischen Parkett zwischen Ost und West laufend zu Entgleisungen kam, mussten sich die Bahnen diesseits des Eisernen Vorhangs gegenseitig nicht mal Schäden am Rollmaterial melden. Still und zügig wurden sie auch an fremden Güterwagen wieder behoben.

Doch was einst die Weichen im Güterverkehr neu gestellt hatte, liegt im neuen Jahrtausend bereits in den letzten Zügen. Mit der Liberalisierung des Bahnverkehrs sind aus Verbündeten Konkurrenten geworden. Zudem sind heute Spezialwaggons gefragt, in denen Papierrollen nicht in Schräglage geraten oder Schokolade nicht schmilzt. Die umständlich zu beladenden Standardwagen kamen aus der Mode. Ende 2002 lösten die Bahnen den Pool auf und schickten die Wagen zurück. Erst in der Schlussabrechnung entdeckten die SBB, dass 18 Waggons fehlten.

Gut möglich, dass die Wagen in eine Schlucht stürzten, unsorgfältig festgezurrt über ein Gewässer transportiert oder still verschrottet wurden. Den Spekulationen über den Verbleib der im grenzüberschreitenden Verkehr Vermissten sind keine Grenzen gesetzt. Nicht ausgeschlossen, dass Roland Amman Recht hat, der lange die SBB im Güterwagenpool vertrat: «Vermutlich erfolgte im Laufe der Zeit einfach ein buchhalterischer Fehler.»

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