Die Pflege des Althergebrachten ist ein Herzensanliegen der rund 5000 Einwohner des schmucken Thurgauer Städtchens Bischofszell. Mit Stolz, so die Homepage der Gemeinde, durften sie 1987 den Wakkerpreis des Heimatschutzes für die ganzheitliche Erhaltung des Stadtbilds entgegennehmen.

Doch am kommenden Silvesternachmittag wird in diesem Stadtbild eine vertraute Erscheinung fehlen: der Ortsbürger, der vom prächtigen Bürgersaal im Rathaus nach Hause marschiert und dabei fröhlich drei Liter Wein im Milchkesseli schwenkt. Die Bürgergemeinde hat unlängst beschlossen, den «Silvesterwein» ab dem nächsten Jahreswechsel in Flaschen zu 7,5 Deziliter abzugegeben.

Die Neuerung, so der Präsident der Bürgergemeinde, Klaus Stürm, geschehe der Hygiene zuliebe. «Und viele Ortsbürger haben auch nicht mehr die Möglichkeit und die Fertigkeit, den Wein zu Hause kunstgerecht zu verkorken.» Nach dem Verschwinden der Milchkesseli seien zudem viele Einwohner mit «unmöglichen Plastikgebinden» im Bürgersaal erschienen. Nach wie vor erhalten die Ortsbürger neben dem Wein auch einen Laib Brot und zwei Paar Würste. Finanziert werden diese Köstlichkeiten vom Ertrag, den die Waldungen der Ortsbürgergemeinde abwerfen.

Die Änderung der Riten bei Beschaffung, Abgabe und Verzehr hat in Bischofszell Tradition. In den Anfängen, kurz nach der Kantonsgründung 1803, zog eine Delegation mit Ross und Wagen nach Weinfelden und Ermatingen, um sich bei den Winzern mit Rebensaft einzudecken. Später wurden lokale Weinhändler mit der Beschaffung des Nachschubs betraut. Heutzutage wird der Bürgertropfen von einem erlauchten Kennergremium im Rahmen einer Blinddegustation erkürt. «Meist fällt die Wahl auf einen Ostschweizer - diese Region hat eine enorme Qualitätssteigerung erreicht», sagt Klaus Stürm.

Früher genossen die Ortsbürger Tranksame, Brot und Würste gleich im Bürgersaal. Gemäss mündlicher Überlieferung kam jedoch ein Ortsbürger auf dem Heimweg zu Tode. Ob der Verblichene nicht Mass zu halten wusste, ist unbekannt. Der Genuss erfolgt seither jedenfalls zu Hause. Womit die Gefahren nicht gebannt sind: Der Holzpreis ist im Steigen begriffen - der höhere Ertrag würde die Abgabe von mehr Wein pro Ortsbürger erlauben. Der Heilsarmee und dem Blauen Kreuz könnten sich damit schon bald neue Perspektiven eröffnen.

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