Den beschlipsten Halbgöttern in Weiss geht es an den Kragen: Jeder zweite Spitalarzt, der sich mit dem textilen Statussymbol Krawatte brüstet, kann für die Patienten ein Gesundheitsrisiko darstellen. Mit diesem Befund stach der Medizinstudent Steven Nurkin im New York Hospital Queens in eine wahre Eiterbeule. Auf 20 von 42 untersuchten Krawatten leitender Ärzte ortete er Krankheitserreger, so auch den gefürchteten Staphylococcus aureus. Er gilt als Auslöser von Infektionen, die zum Tod führen können, denn er ist gegen die meisten Antibiotika resistent.

Zwar fehlt der Nachweis, ob Bakterien auf der Krawatte ihren Weg vom Arzt zum Patienten finden. Tatsache ist, dass im selben Spital unter zehn Schlipsen des Sicherheitspersonals, das keinen Kontakt zu Patienten hält, nur ein einziges Corpus Delicti gefunden wurde. Für den künftigen Arzt Nurkin aber Beweis genug, dass Keime auch den Weg zurück von der Ärztekrawatte ins angestammte Milieu der Patienten finden.

Hetzjagd von Brünneli zu Brünneli
In der vermeintlichen Bakterienschleuder Krawatte sieht Margrith Bühler, Expertin für Spitalhygiene am Kantonsspital Baden, kein relevantes Gesundheitsrisiko: «Die Chirurgen tragen sowieso keine.» Und solche Chefärzte, die Wert legen auf das standeskonforme Attribut, seien am Verschwinden. Oberste Priorität habe die Hygiene der Hände, da über sie am häufigsten Keime von Mensch zu Mensch übertragen würden.

Auch Gerhard Eich, Leiter Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen, misst der Krawatte als Infektionsherd eine untergeordnete Rolle zu. Hingegen lasse die Desinfektion der Hände zu wünschen übrig. Das bestätigt die neue Studie von Didier Pittet, Spezialist für Infektionskrankheiten in Spitälern: Von 163 überprüften Ärztekollegen an der Uni Genf reinigten 57 Prozent ihre Hände vorschriftsgemäss. Der Rest legte ein Laisser-faire an den Tag. Aus «Überlastung», meint Pittet. Wenn ein Spitalarzt pro Tag rund 30 Patienten behandelt, ist er eine gute Stunde mit dem Desinfizieren seiner Hände beschäftigt und hetzt auf der Suche nach den entsprechenden Dispensern von Brünneli zu Brünneli.

Dass die Händedesinfektion die «wichtigste, einfachste und kostengünstigste aller Massnahmen gegen die Übertragung von Infektionen darstellt», ist für Marco Dalla Valle, Berater für Spitalhygiene am Kantonsspital Winterthur, «unbestritten». Fazit: Wer einem Arzt auf die Finger schaut, der erwischt ihn beim Schlips.

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