Das Phänomen liegt der Bahn schon länger auf dem Magen. Immer wieder klagen Reisende, ihnen werde im Intercity-Neigezug, kurz ICN, übel. Ob unterwegs mit «Max Frisch», «Johanna Spyri» oder «Albert Einstein»: Der Zug mag zwar der Fliehkraft ein Schnippchen schlagen, doch das ewige Hin und Her stösst manchem Passagier auf. Aufgrund von Klagen suchten die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) per Inserat Fahrgäste, die zu Seekrankheit neigen. «Wir wollen Erfahrungen sammeln, um der Sache vertieft auf den Grund zu gehen», sagt SBB-Mediensprecher Roland Binz.

Der ICN kann – dank aktiver Wagenkastenneigung – 15 Prozent schneller in die Kurven liegen. Die Fahrt zwischen Zürich und Genf verkürzt sich so um 15 Minuten. Das hat seinen Preis: In einer flotten Linkskurve füllt der Himmel das Fenster aus, in der nächsten Rechtskurve verschwindet der Horizont. Dieses Hüst und Hott sorgt dafür, dass die Leuchtanzeige über dem vormals stillen Örtchen während der gesamten Fahrt kaum mehr auf Grün wechselt. Auch Blaise Cendrars’ Spruch an der Decke spendet da kaum Trost: «Nous ne voulons plus être tristes» – wir wollen nicht länger traurig sein.

Das wünschen sich die SBB für ihre Passagiere ebenso. In ihrer Untersuchung, warum Passagiere zu Übelkeit neigen, können sie sich auf Arbeiten einer Forschergruppe stützen. Diese gelangte während ihrer Fahrt durch die französischen Alpen zur bahnbrechenden Erkenntnis: Der Blick nach draussen entscheidet, wen es erwischt. Während das Gleichgewichtsorgan in der Kurve eine beinahe aufrechte Körperhaltung registriert, sieht das Auge den Horizont auf und ab tanzen. Die Verarbeitung der Reize vom Innenohr zum Hirnstamm und zur Grosshirnrinde wird gestört. Die widersprüchlichen Informationen führen zu einer so genannten Kinetose mit Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit bis zu starkem Erbrechen.

Fataler Blick aus dem Fenster
«Nicht aus dem Fenster sehen und still sitzen bleiben», rät der britische Forscher Michael A. Gresty. Wer durch den Zug spaziert, verwirrt sein Sinne zusätzlich. Dieses erfuhren die SBB vor 30 Jahren bei Testfahrten im Prototyp eines ICN-Vorgängers. Fazit der damaligen Kundenbefragung: «Die Querneigung hat keine Auswirkung auf den Fahrkomfort, solange der Reisende sitzt.» Reisenden mit wenig Sitzfleisch ist deshalb von einer Fahrt im Neigezug dringend abzuraten.

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