Das Bild versinnbildlicht die schöne Schweiz wie kein anderes: Mit beschwingten Juchzern treiben die Sennen ihr Vieh auf die Alpweiden, wo die Kühe dann die Postkartenidylle der heilen Bergwelt vervollständigen. Aber immer mehr dieser Juchzer bleiben einem «in der Kehle stecken», stellt das Branchenblatt «Schweizer Bauer» fest: «Die lange und erfolgreiche Tradition» beginne «durch vermehrt unternehmerisches Denken zu bröckeln».

Nun giesst auch noch eine Studie des ETH-Instituts für Nutztierwissenschaften Öl ins Feuer respektive Milch auf die Mühlen des Abbaus: «Alpenluft ist Milchkühen zu dünn», so die Web-Zeitung «ETH-Life» über die Erkenntnisse der Studie. «Sie fressen weniger, geben weniger Milch und nehmen ab.»

Und nicht nur das: «Neben dem Ertrag geht auch der Eiweissgehalt der Milch zurück, was zum Beispiel für die Käseherstellung ungünstig ist.» Dabei werden nicht weniger als 77 Prozent der Alpenmilch direkt vor Ort zu Alpkäse verarbeitet, weil dieser doch so bekömmlich sein soll.

«Weniger Masse, mehr Klasse»

Auf den ersten Blick kommt die ETH-Studie als schallende Ohrfeige für all jene daher, die bis heute daran glauben, dass der Aufenthalt in den Bergen gesund sei und glücklich macht. Doch ETH-Professor Michael Kreuzer beruhigt: «Unglücklich sind die Kühe ganz bestimmt nicht», beteuert der Autor der Studie. Und die Tatsache, dass die Alpenmilch reich an wertvollen mehrfach ungesättigten Fettsäuren sei, mache das quantitative Manko allemal wett: «Die Sömmerung bringt zwar weniger Masse, dafür umso mehr Klasse.»

Auch Sibylle Meyre von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete bangt nicht um die Konstitution des Alpviehs: «Letztlich sind die Kühe robuster, wenn sie wieder ins Tal zurückkehren.» Erheblich mehr Sorgen als der Gewichtsverlust bereitet Meyre die zahlenmässige Abnahme beim Sömmerungsvieh. «Die Tendenz in der Politik, Nebenerwerbsbetriebe zu fördern, bringt die arbeitsintensive Alpwirtschaft arg in Bedrängnis.»

Aber vielleicht eröffnet die ETH-Studie ungeahnte Perspektiven für die Berggebiete. Auch beim Menschen zügelt die Höhenluft den Appetit. Und mit Schlankheits-Sömmerungsfarmen liesse sich bestimmt viel Geld machen. Allerdings dürften übergewichtige Zweibeiner auf Alpweiden um ein Vielfaches weniger dekorativ wirken als die guten alten Kühe.

Quelle: Tages-Anzeiger
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