Der Bodensee ist auf bestem Weg, zu einem Auffangbecken für gestrandete Kleinstwesen aus fremdländischen Gewässern zu mutieren. Nach Exoten wie Höckerflohkrebs, Sonnenbarsch oder Körbchenmuschel streckt nun auch die Donau-Schwebegarnele bei uns ihre Fühler aus. In den letzten Monaten tauchten die 10 bis 15 Millimeter langen, weisslich-durchsichtigen Krebse in wilden Schwärmen im schwäbisch-schweizerischen Meer auf und schlugen in der Fachwelt Wellen.


Die Newcomer mit der lateinischen Bezeichnung Limnomysis benedeni sind in der Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer heimisch. Ihre Invasion in Schweizer Gewässer ist wie bei anderen fremdartigen Krebsen und Muscheln hausgemacht. «Diese Tiere schaffen nicht aus eigenen Kräften den Wasserweg zu uns», erklärt der Gewässerbiologe Patrick Steinmann, ein Fachmann für die Identifikation von Unterwasserfindlingen. Spätestens der Rheinfall würde ihnen in die Quere kommen. Vielmehr wasserten die Garnelen als blinde Schiffspassagiere im Bodensee oder sie überlebten einen Transfer an Wassersportgeräten wie etwa Taucheranzügen.

Ihr Debüt im Bodensee gaben sie im August 2006 in der Nähe von Bregenz. Im Oktober tauchten sie bereits vor Rorschach auf. Im Frühling 2007 dann herrschte Ruhe - vor dem Sturm: Ende 2007 begann der Tanz nämlich von neuem. Zu Abertausenden schwärmten die filigranen Tierchen jeweils im Lichtkegel von Taucherlampen zusammen. «Unter Wasser sah es aus wie in einem Schneegestöber», berichtete Hans Ruedi Wittwer, Präsident der Sektion Bodensee des Schweizer Unterwasser-Sport-Verbandes, nach einem Tauchgang.

«Ökologisches Roulette»

«Das plötzliche Comeback der Garnelen in den Wintermonaten ist noch rätselhaft», so Steinmann. Möglicherweise fühlen sie sich in kühlerem Wasser heimischer. Wie sich die Krebschen hier aufführen werden, bleibt wie bei allen Neuankömmlingen, den sogenannten Neozoen, vorerst ungewiss. Jede Art von eindringenden Organismen bringt aber Veränderungen in das bestehende Ökosystem. Patrick Steinmann sieht in jedem einzelnen Fall ein «Schulbeispiel» mit offenem Ausgang. Es lebe das «ökologische Roulette».

Für weitere Munition ist gesorgt: Bereits kamen im Bodensee Exemplare des amerikanischen Flohkrebses und der Quagga-Muschel aus dem Schwarzmeerraum zum Vorschein.

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