Ein Postgeheimnis, das nicht amtlich verfügt ist, bereitet den Angestellten des gelben Riesen in Genf Kopfzerbrechen. Objekt des Rätselns ist eine Postsendung, die an einem Montag im August am Schalter der Filiale Jonction aufgegeben wurde. Von dort schickte man sie ins Postzentrum Montbrillant. Auch das lässt sich dokumentieren. Dann verliert sich die Spur.

Dabei ist nicht die Rede von einem simplen Brief, sondern von deren fünftausend; 5'263, um genau zu sein. Die Briefe im Format C5 waren verpackt in rund 30 Kartonschachteln und füllten einen Posttrolley von der Grösse eines Kleinwagens. Wie kann sich eine derart voluminöse Sendung in Luft auflösen? An dieser Art von Postgeheimnis scheitert sogar Mediensprecher Pascal Lorenzini: «Wir wissen es auch nicht.»
War es Diebstahl? Wenig wahrscheinlich. Absender der Briefe war das Genfer Théâtre du Loup. Inhalt der Post: das Programm der kommenden Saison, der Informationswert der Sendung also ungleich höher als ihr materieller Wert. Rund 7'500 Franken berappte das Théâtre du Loup für das Mailing. Der Altpapierwert dürfte einen Bruchteil davon betragen: kein lohnendes Diebstahlobjekt. «Bemerkt haben wir den Fehler, als sich immer mehr Leute bei uns erkundigten, wann sie denn nun endlich das neue Programm erhalten würden», sagt Corinne Müller, Co-Direktorin des Theaters. War es die Konkurrenz? Müller lacht: «Vielleicht.»

Der Post ist der Verlust peinlich. «Die Sache ist nicht zum Lachen», stellt Lorenzini klar. Sie hätten sofort nach der Meldung des Théâtre du Loup eine intensive Suche gestartet. «Das Zentrum Montbrillant ist gross. Da gibt es manche Ecke, in der der Trolley hätte abgestellt werden können», so Lorenzini. Die Suche aber hat nicht gefruchtet. So geht der Vorfall in die Geschichte des gelben Riesen ein als der grösste Postverlust aller Zeiten. 15 Millionen Briefe transportiert die Schweizer Post täglich. Die Verlustquote bewegt sich gemäss Lorenzini im Millionstelbereich.

Das Théâtre du Loup bleibt der Post als Kunde erhalten. «Bei der Post war das Entsetzen mindestens ebenso gross wie bei uns», sagt Müller. Die Post sei für den Schaden aufgekommen und habe zudem ein Gratis-Mailing im Wert von rund 3'000 Franken offeriert. Müller: «Die Sache bleibt mysteriös. Vielleicht tauchen die Briefe ja eines Tages wieder auf.»