Wo hockt Gott? Diese Frage beschäftigt die Menschheit von jeher. Die vorläufig letzte Antwort kommt vom amerikanischen Molekularbiologen Dean Hamer und lautet: VMAT2. So heisst eine besondere Genvariante, die gemäss Hamer den Menschen zum spirituellen Wesen macht. Über 1'000 Männer und Frauen hat er zum Thema Drogenkonsum befragt - und dabei heimlich auch die Einstellung zur Religion erhoben. Fazit: Gläubige Menschen besitzen die VMAT2-Variante meist, Ungläubige eher nicht, so dass die Forschung triumphierend die Entdeckung des «Gottes-Gens» verkündete.
Damit hat die Debatte, was Menschen angeboren sei und was nicht, einen neuen Höhepunkt erreicht. Früh schon hat die Forschung versucht, ein «Sucht-Gen» zu lokalisieren, später kamen das «Schwulen-Gen» und kürzlich das «Zicken-Gen» sowie das «Sport-Gen» hinzu, Letzteres säuberlich unterteilt in ein «Sprint-Gen» (ACTN-3) beziehungsweise ein «Ausdauer­Gen» (R577X). Bei vielen Krankheiten soll Vererbung im Spiel sein, auch bei charakterlichen Marotten wird die Schuld gerne der geerbten Veranlagung in die Schuhe geschoben. Und die Gene begleiten uns bis ins Grab: Bereits sucht man nach dem «Methusalem-Gen», das dem Menschen zu biblischem Alter verhelfen soll.

Und nun eben das «Gottes-Gen». Bei rund 30'000 Genen, die das menschliche Erbgut zählt, soll es für den guten Draht nach oben sorgen. Hamer und seine Helfer befragten für diese These auch eineiige Zwillinge, die getrennt aufwuchsen. Resultat: Die religiösen Einstellungen waren verblüffend ähnlich, einzelne Befragte waren sogar Nonnen oder Priester geworden, ohne voneinander zu wissen. «Wahrscheinlich gibt es noch viele andere Gene, die sich ebenso stark auswirken», so Hamer in den Medien.

Die Schweizer Landeskirchen reagieren ungläubig. «Es ist nicht an uns, sondern an den Genforschern, die These vom ‹Gottes-Gen› zu prüfen», meint Walter Müller, Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz. Für ihn ist klar: «Der Glaube gehört zu den wesentlichen Wesenszügen jedes Menschen, wie die Sprache, die Liebe und der Verstand.» Zumindest Sprache und Verstand sind weniger vererbt als erlernt, womit die Gen-These für den Katholiken vom Tisch wäre. Nicht besser klingt es bei den Reformierten. Simon Weber vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund: «Man kann an Gott glauben. Die einzige Alternative dazu ist: Man kann glauben, dass es ihn nicht gibt. Um das Glauben kommen wir nicht herum.»