Pendeln verursacht schlechte Laune und schadet der Gesundheit. Mit dieser Erkenntnis konfrontieren die Ökonomen Bruno S. Frey und Alois Stutzer vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Uni Zürich zwei Millionen Schweizer Pendler.

Allein die Stadt Zürich wird Tag für Tag von 194'000 auswärtigen Arbeitskräften heimgesucht. Davon nehmen 60'000 mehr als eineinhalb Stunden Fahrtweg in Kauf – sei es im anhaltenden Stau auf der Strasse, sei es im überfüllten Zugabteil. «Pendler sind deutlich unzufriedener als Nichtpendler», zieht Frey Bilanz. Die latente Gereiztheit geht ans Lebendige. Bluthochdruck, Magen-Darm-Probleme, Kopf- und Rückenschmerzen oder Schlafstörungen können auftreten.

In der gross angelegten Untersuchung fragten Frey und Stutzer 4000 Arbeitnehmer nach der grundsätzlichen Zufriedenheit mit ihrer Lebenssituation. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Länge des Arbeitswegs und der individuellen Befindlichkeit: Je länger man zur Arbeit fährt, desto grösser wird die Lustlosigkeit. «Hauptfaktor beim Pendeln ist der Stress», erklärt Frey. Die Ohnmacht, Staus oder vollgepferchten Zügen hilflos ausgeliefert zu sein, treibt die Stressspirale in die Höhe. Der britische Experte David Lewis schätzt den Stress des Pendlers höher ein als denjenigen eines Kampfjetpiloten oder Polizisten. Eine höhere Wohnqualität und mehr Geld auf dem Konto können die Unbill auf Dauer nicht wettmachen.

Um den Launepegel zu halten, müsste ein Pendler, der sich pro Arbeitsweg je eine Stunde zumutet, 40 Prozent mehr Lohn verdienen – für die gleiche Arbeit. Freizeit und Familie bleiben aber in jedem Fall auf der Strecke. «An mehr Geld gewöhnt man sich leichter als an die Strapazen des Pendelns», bringt es Ökonom Frey auf den Punkt.

Darüber kann Bänz Friedli, der «Pendler der Nation», nur «lauthals lachen». Der Journalist, Kolumnist und Autor des Buchs «Ich pendle, also bin ich» kann nachvollziehen, dass der Stau auf die Stimmung schlägt und Aggressionen weckt. Pendeln im Zug hingegen ist für ihn zum «täglichen Ritual» geworden, zumal man sich per Knopf im Ohr auch jederzeit abschotten und zurückziehen könne. Als nicht mehr pendelnder Hausmann leide er nun an Entzugserscheinungen. In seinen Hymnen ans Pendeln in der Gratiszeitung «20 Minuten» konnte er aber auch Dampf ablassen, gesteht er ein: «Die Kolumne diente mir als Ventil.»

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