Beim Luftkampf geht es um Nuancen. «Gleitschirmpilot kollidiert mit Adler», titelte die «Basler Zeitung». Angenehm wertfrei. «Adler attackiert Gleitschirm», hiess es dagegen im Berner «Bund», und «20 Minuten» setzte aufgeregt noch einen drauf: «Aggressiver Adler jagt Gleitschirmpiloten». Klarer Fall von Vorverurteilung - für den König der Lüfte gilt die Unschuldsvermutung nicht.

Der stolze Raubvogel hat sich erdreistet, der lustigen Freizeitgesellschaft die Klauen zu zeigen. Im Berner Oberland zerfetzte ein Steinadler den Schirm eines Paragleiters, worauf der Pilot zunächst das Weite und dann sicherheitshalber den Bodenkontakt suchte. Von hinten habe das Federvieh angegriffen, empörte sich der menschliche Flieger. Daraufhin erging in der Gleitschirmgemeinde, wo man sich im Online-Forum schon mal mit «Hallo, ihr Adler» begrüsst, der Ratschlag, den Tatort Kiental besonders wachsam anzusteuern.

Mit dem Übermut eines Halbstarken
Und jetzt? Muss nach dem Problem-Wolf und dem Problem-Bären nun vom Problem-Adler gesprochen werden? Droht ihm ein Flugverbot? Oder Schlimmeres?

Gerne wüsste man, wie der angeklagte Adler die Sache sieht. Doch die Einvernahme gestaltet sich schwierig, weshalb das Wort an seinen Anwalt geht. Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach plädiert dafür, das Augenmass zu wahren. «Extrem ungewöhnlich» sei ein derartiger Zusammenstoss, sagt er. Als Täter vermutet der Vogelfachmann ein Jungtier, das sich sein eigenes Territorium absteckte und dabei kurz die adlerübliche Contenance verlor. Ein Halbstarker also, «die gibt es überall». Klar ist für Kestenholz das Motiv: «Der Adler hat den Gleitschirmflieger als Eindringling wahrgenommen.»

Was er ja auch ist. Schliesslich ist es der Adler, der seit je im alpinen Luftraum zu Hause ist. 1953 wurde diese Vormachtstellung noch bekräftigt, als er unter Schutz gestellt wurde - eine Klausel gegen sportliche Modeerscheinungen war darin freilich nicht vorgesehen. So sehen sich heute die rund 800 Schweizer Steinadler schutzlos einer Übermacht von 14'000 Gleitschirmfliegern gegenüber, die ihnen die gute Thermik in den Bergtälern streitig macht. Ist es da nicht legitim, wenn mal einer die Krallen ausfährt?

All das würde der Adler vielleicht krächzen, wenn er sich denn zur Sache äussern würde. Doch der König schweigt stilvoll. Und denkt sich wohl seinen Teil.