Dzemali Kurtishi lächelt. «190? 210?» Er kennt die exakte Zahl seiner Tauben nicht. «Aber ich spüre ganz genau, wenn eine fehlt.»

Gleich 150 Tauben vermisste der mazedonische Züchter aus Bazenheid SG am Morgen des 5. Januar. Die Vorhängeschlösser seiner drei mannshohen Holzschläge waren aufgebrochen worden; die Details des Abtransports sind bis heute nicht bekannt.

Den Wert der gestohlenen Tiere beziffert der 57-jährige Taubenhalter auf «mehrere zehntausend Franken. In Mazedonien haben vier Drehtauben den Wert eines Mercedes.»

Das Können dieser Tauben ist beachtlich. Aus grosser Höhe stürzen sie, sich um die eigene Längsachse drehend, in schwungvollen Bahnen zur Erde. Als Auslöser genügt schon das Rascheln der Körner im Futternapf.

«Wie die Drehtauben diese Fähigkeit erworben haben, weiss niemand», sagt Adolf Scholl, emeritierter Professor für Zoologie aus Meikirch BE. «Biologisch macht das Verhalten keinen Sinn. Vor sehr langer Zeit muss irgendein Züchter diesen Flugstil festgestellt und gefördert haben.»

Tagelang über Tauben redenMittlerweile haben die Tiere die Akrobatik im Erbgut, die Perfektionierung erfolgt über das übliche Belohnungsverhalten. Zuchttiere werden bisweilen zu astronomischen Preisen gehandelt, vor allem in der Türkei und im Balkan. Zoologe Scholl: «In gewissen Teestuben wird tagelang über Tauben geredet – über gar nichts anderes.»

Die Flugkünste der Tauben sind ausserordentlich vielfältig. Es gibt welche, die vor der Landung hinter dem Rücken mit ihren Flügeln klatschen, Klatschtümmler mit Namen. Orientalische Roller ihrerseits vollbringen Purzelbäume in der Luft. Und Sturzflugtauben rasen bis knapp vor der Landung kopfvoran zu Boden.

Für Kurtishi war der Raub ein gewaltiger Schock. «Oft träume ich davon und wache dann auf.» Seit er 13 ist, beschäftigt er sich mit Tauben. Einzig das Saisonnierstatut zwang ihn vor Jahren, für eine gewisse Zeit ohne Tiere auszukommen: «Drei Monate Abwesenheit wären ihnen nicht gut bekommen.»

Nur den kleinsten Teil seiner Drehtauben haben die Diebe dem Züchter gelassen – darunter immerhin das «älteste, flinkste» Tier. In wenigen Jahren wird sich Dzemali Kurtishi zurück nach Mazedonien begeben. Und seine Tauben werden sich mit ihm auf den Weg machen.

Anzeige