«Squaw mächtig viel schwatzen», pflegte Disneys Comicfigur Gross Adlerauge voller Schrecken zu sagen, wenn eine Frau vor seinem Tipi auftauchte. Die schwatzhaften Wesen eigneten sich in seinen Augen bestimmt nicht als stille Eremiten - da müssten Männer her.

Dass der Macho-Häuptling irrt, weiss auch die Bürgergemeinde Solothurn: Sie sucht per Inserat in der «Schweizerischen Kirchenzeitung» einen Einsiedler oder eine Einsiedlerin für die Klause St. Verena, einige Kilometer von der Ambassadorenstadt entfernt. Nach 600 Jahren männlicher Dominanz könnte damit endlich eine Frau die Nachfolge der heiligen Verena fortführen, die als erste Frau und Einsiedlerin der romantischen Schlucht den Namen gab.

Der letzte Eremit, Bruder Johannes, hat im Oktober mit 77 Jahren die Einsiedelei verlassen. Der gelernte Baufachmann, Laienbruder der Herz-Jesu-Missionare von Issoudun, hat das Amt 25 Jahre lang ausgeübt. Christoph Oetterli, Bürgerammann der Stadt Solothurn, stellt ihm ein gutes Zeugnis aus: «Wenn jemand an seine Türe klopfte, weil er ein ernsthaftes Gespräch mit ihm führen wollte, dann stand er in all den Jahren immer gerne zur Verfügung.»

Lieber das Häuschen als die HöhleBruder Johannes wirkte als Sigrist und Sakristan in der Kapelle, öffnete und schloss den Zugang zur Schlucht und hielt Wege, Brücken und Geländer instand - alles Aufgaben, die auch eine Frau erfüllen könnte. Möglich, dass eine sanfte Frau beim Publikum sogar besser ankäme als ihr Vorgänger, der mit seiner «starken, eigenwilligen Persönlichkeit» oft angeeckt sei, wie die «Gesellschaft der Einsiedelei St. Verena» zu seinem Abschied frotzelte.

Der Einsiedlerin stünde immerhin das renovierte Eremiten-Häuschen mit 25 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung - nicht viel, aber immerhin komfortabler als die Höhle der heiligen Verena. Deren tägliche Gebete sind auch für die Frau, die auf den Spuren der heiligen Verena zu wandeln gewillt ist, sowohl Pflicht als auch Selbstverständlichkeit. Dasselbe gilt für das Läuten des Kapellenglöckleins, was für jede Eremitin Herzenssache ist, seit der französische Komponist Aimé Maillart (1817-1871) die komische Oper «Das Glöcklein des Eremiten» geschrieben hat.

Fazit: Alles spricht für die Damenwahl, nicht zuletzt weil Bruder Johannes nach einem langen Eremitenleben seinen Lebensabend mit einer Frau verbringen wird. Er hat sie vor einigen Jahren kennengelernt und zieht nun bei ihr ein - was mit seinem Status als Herz-Jesu-Missionar durchaus vereinbar ist.

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