Wir stellen uns vor: dritte Sessionswoche in Bern, die Luft im Ständeratssaal ist zum Schneiden dick, Viertel nach sechs Uhr abends, der Bauch knurrt, alle Illustrierten sind bereits gelesen, das Hirn hat schon auf Notstrom umgestellt – und dann dies:

Revision der Revision der Zivilschutzverordnung, Kap. 4, Abschn. 1, Art. 17, Abs. 1 a: Schutzplatz-Baupflicht. Künftig sollen nur noch Häuser mit mehr als 77 Zimmern über einen Schutzraum verfügen müssen.

Da wollen wir nachsichtig sein, es ist Viertel nach sechs, und dem Parlament ist auch mal ein Jux zu gönnen. 77 Zimmer! So ein Quatsch. Wie kommt man auf so was?

Vermutlich haben die in der SVP-Ecke geknobelt. Und sich die Bäuche gehalten vor Lachen. Auch die in der SP-Ecke haben wohl mitgeknobelt, die wollen es auch mal lustig haben. Wir verstehen das. Politik ist das Bohren dicker Bretter, hat ein berühmter Mann einmal gesagt. Bretter! Holz! Keinen Schimmer hat der Trottel, gottverdammte Titanplatten sind das! Politische Fortschritte, wenn überhaupt, nur im Nanobereich. Da kann man schon mal in Versuchung geraten und zum Scherzkeks werden, abends um Viertel nach sechs.

Ein genialer Wurf

Die Revisionsbedürftigkeit von Abschn. 4, Kap. 1, Art. 17, Abs. 1 a ist schnell dargelegt: Wir haben schon viel zu viele Schutzräume. Es gibt Kantone mit mehr Schutzplätzen als Einwohner, die könnten sogar noch den ganzen Schweinebestand unterstellen. Aber die Dinger sind im Unterhalt eben auch schweineteuer. Deshalb will man keine neuen Schutzräume mehr, jedenfalls keine Minibunker für Einfamilienhäuser. Aber abschaffen wollen unsere Politiker die Baupflicht dann auch wieder nicht. Zu extrem.

Anzeige

Noch besser als ein Entscheid ist ein Kompromiss, und so gesehen ist die Idee mit den 77 Zimmern ein Wurf. Faktisch nämlich ist es die Abschaffung der Schutzraum-Baupflicht, rein dem Buchstaben nach aber Erhalt der Baupflicht. Genial.

Doch – Sie ahnen es – die haben gar nicht geknobelt. Die 77 Zimmer sind ein Resultat reiner Mathematik. Und das kommt so: Für eine Dreizimmerwohnung müssen zwei Schutzplätze erstellt werden; ein Schutzplatz entspricht also 1,5 Zimmern. Und weil man in Zukunft nur noch grosse Normbunker für mindestens 51 Leute bauen will (günstiger!), ist die Rechnung schnell gemacht: 51 × 1,5 = gerundete 77. Wobei für Spitäler und Heime eine andere Regel gilt – Kap. 4, Abschn. 1, Art. 17, Abs. 1 b. Da werden die Betten… Doch lassen wir das.

Denn so genau wollten wir es gar nicht wissen. Ach, hätten sich die Politiker doch einen Jux erlaubt. Einmal wenigstens.

Anzeige